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„Ich wollte niemanden beleidigen“

Speerwurf-Weltmeister Johannes Vetter fühlt sich bei seiner Kritik an Dresden missverstanden. Er gibt aber Fehler zu und verrät sein Weitengeheimnis. Ein Interview:

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© dpa

Von Alexander Hiller

Er hat berührt, begeistert und irritiert. Deutschlands einziger Leichtathletik-Weltmeister Johannes Vetter rückt im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung einige kritische Aussagen gegen seinen Ex-Verein Dresdner SC gerade. Der 24-jährige Sachse spricht offen über persönliche Grenzen, seine Tränen, seinen Hechtsprung nach dem Abwurf und seine Fehler.

Johannes, die letzten Tage müssen Sie im emotionalen Ausnahmezustand verbracht haben – wie fühlen Sie sich?

Mir geht es super, klar. Ich versuche noch, das alles zu realisieren. Aufgrund der noch anstehenden Wettkämpfe und Termine nehme ich mir die Zeit nach der Saison, um das alles zu verarbeiten und mehr und mehr zu genießen.

Sie wirkten extrem berührt, vergossen sogar ein paar Tränen.

Das war in Rio vor einem Jahr, als ich Vierter wurde, fast genauso. Das hat sich alles in London sehr ähnlich angefühlt. Dass da auch einem Typ wie mir die Tränen kommen, halte ich für verständlich. Da ist man stolz auf sich und das gesamte Team, was einen betreut, dass man so einen Erfolg zusammen geschafft hat. Auch der Druck, der mediale und der eigene, war riesengroß.

Sie hatten nach Ihrer überragenden Qualifikation also nur ein Ziel – die Goldmedaille?

Ich wusste schon eher, dass ich Gold holen kann. Ich habe aber bisher eher damit geliebäugelt, anstatt zu sagen: Ich bin der, der heute den Titel holt.

Sind nach diesem WM-Titel Dinge auf Sie eingeprasselt, mit denen Sie so nicht gerechnet haben?

Das mediale Interesse war enorm, im Bereich Social Media ist das förmlich explodiert. Die riesige Anteilnahme ist natürlich eine schöne Sache – und eigentlich für mich das Erstaunlichste. Weil man selbst noch nicht realisiert hat, was da genau passiert ist. Aber die anderen wissen ganz genau, was man geleistet hat.

Haben Sie Ihre Weltmeister-Prämie von 60 000 Dollar schon verplant?

Nein. Die Leute, die mich kennen, wissen, dass ich bodenständig bin und mir jetzt nichts gönne, was exorbitant teuer ist. Ich mache das Ganze nicht für das Geld, sondern weil es mir unheimlich viel Spaß macht, meine Leidenschaft ist. Mit der Prämie habe ich mich nicht einmal befasst.

Viel Neues stürmt nun auf Sie ein. Wie gehen Sie damit um?

Das Drumherum ist natürlich stressig, weil die letzten Wettkämpfe auch noch ausstehen. Ich versuche jetzt, das alles in Eigenregie irgendwie zu managen. Mein Anspruch ist es schon, noch ein paar ordentliche Leistungen hinzulegen. Aber ich muss sagen, das ist ein sehr angenehmer Stress.

Können Sie sich nach dem größten Triumph Ihrer Karriere tatsächlich auf die noch ausstehenden vier Saisonwettkämpfe fokussieren?

Mein Ziel ist und bleibt, bei den vier Wettbewerben noch vorn mitzumischen, gar keine Frage. Sicher muss da viel über die Form kommen, da jetzt nicht mehr viel mit Training ist – einmal am Tag. Die Form, die ich jetzt habe, wird in den nächsten ein, zwei Wochen nicht einfach weg sein.

Sie steigerten sich in den letzten drei Jahren um 15 Meter, erzielten den zweitweitesten Wurf aller Zeiten mit dem neuen Speer. Wo ist Ihre Grenze?

Die Grenze würde ich mir offen halten, zumal wir wissen, dass wir im technischen Bereich noch Reserven haben. Auch was die Trainingsreize angeht haben wir viele Ideen, die wir testen und umsetzen wollen. Trotzdem ist die Frage nach dem Weltrekord oder den 100 Metern, die es immer mal wieder gibt, für mich Schwachsinn. Damit setze ich mich nicht auseinander. Ich nehme mit, was ich mitnehmen kann. Ich bin mit meinen 24 Jahren noch jung, habe noch einiges zu tun. Der Schlüssel wird sein, weiterhin gesund zu bleiben, das ist die Voraussetzung für den Erfolg.

Sind Sie für Rückschläge gewappnet?

Ich fühle mich durch meinen Trainer, mein sportliches und privates Umfeld gut aufgestellt und ausreichend geschützt. Sicher werde ich nicht jedes Jahr 94 Meter werfen, das ist mir auch klar. Aber mit der Frage beschäftige ich mich jetzt eigentlich nicht. Es bringt nichts, sich vorher darüber den Kopf zu zerbrechen, was wäre, wenn.

Wie genau sieht Ihre viel besprochene Technikveränderung aus?

Wir haben gar nicht so viel an meinen Kraft-, Sprint- und Sprungfähigkeiten verändert. Ich bin schon als relativ komplexer Athlet zu Boris Henry gekommen. Das hat uns Freiräume geschaffen, viel an der Technik zu feilen. Er lässt mich da aktiv sehr viel an der Entwicklung teilhaben. Wir haben einfach an sehr, sehr vielen Kleinigkeiten gearbeitet. Ein Beispiel: Eine ein Meter pro Sekunde höhere Anlauf- oder Abwurfgeschwindigkeit bringt vier, viereinhalb Meter mehr Weite. Wir haben die technischen Details extrem spezifiziert. Meine Körperposition, also mein ganzes Wurfsystem, bleibt jetzt sehr lange geschlossen. Der vielleicht wichtigste Punkt, weshalb ich jetzt so weit werfe, ist, dass wir meine Fußarbeit kurz vor dem Abwurf optimiert haben. Das Umspringen vom rechten Fuß auf das linke Stemmbein dauerte bei mir früher knapp 300 Millisekunden. Die Phase konnten wir auf 200 bis 220 Millisekunden verkürzen, das macht viele Meter aus.

Ihr berühmter Vetter-Hechtsprung bringt also gar nichts?

Es ist einfach so, dass meine hohe Anlaufgeschwindigkeit gegen mein linkes Stemmbein wirkt. Ich kann den Wurf manchmal gar nicht anders halten, als mich einfach hinzuwerfen. Im Training passiert mir das sehr, sehr selten. Bisher vielleicht zwei, drei Mal. Das passiert nur im Wettkampf, weil man da noch mal fünf Prozent mehr Leistung draufpackt.

Nach WM-Gold äußerten Sie sich kritisch über Ihren Ex-Verein, den Dresdner SC. Würden Sie mit einigen Tagen Abstand alles noch mal so formulieren?

Die Medien haben das weitaus dramatischer dargestellt als es gemeint war. Das waren zwei kurze Sätze, auf die sich alle gestürzt haben. In der Mixed-Zone, 30 Minuten nach WM-Gold, sollten Journalisten einem Sportler zugestehen, dass er nach so einer Leistung, so einem Druck, so einer Euphorie noch unter Strom steht und vielleicht anders reagiert als unter normalen Umständen. Das Feedback, das ich nach der WM bekam, war zu 99 Prozent positiv. Das eine Prozent weiß ich einzuordnen.

Ihre beiden Dresdner Ex-Trainer gehen davon aus, dass sie bei Ihnen hier die Grundlage für Ihr WM-Gold gelegt haben. Das sehen Sie also auch so?

Natürlich, das ist gar keine Frage. Das habe ich seit meinem Abschied aus Dresden mehrfach betont. Ich bin stolz auf meine Dresdner Wurzeln. Und es ist völlig klar, dass die beiden meine ersten Schritte begleitet haben, mich bis zu einem bestimmten Punkt geformt haben. Das würde ich nie leugnen. Ich bin zu einem gewissen Teil auch dankbar für meine Dresdner Zeit, die hat zu meiner Persönlichkeitsentwicklung wesentlich beigetragen. Es war nie meine Absicht, jemanden zu beleidigen oder verbal abzuwatschen.

Können Sie die Reaktionen der Trainer nachvollziehen, die sich menschlich enttäuscht zeigten?

Das kann ich verstehen. Am Ende müssen sich beide Seiten eingestehen, dass sie etwas falsch gemacht haben. Ich leugne auch nicht, dass ich meinen Abschied aus Dresden heute komplett anders gestalten würde – allein von der Kommunikation mit den Trainern her. Ich habe aus meinen Fehlern gelernt, muss mir da auch an die eigene Nase fassen. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Grundsätzlich werde ich mich künftig nicht mehr zu dem Dresden-Thema äußern, da ich finde, dass man das in persönlichen Gesprächen bereden sollte. Es wird in naher Zukunft ein konstruktives Gespräch geben.

Ist es wahr, dass Sie in der U16 das Sportgymnasium Dresden verlassen sollten und Ihre Karriere auf der Kippe stand?

Das war tatsächlich so, dass ich kurz vor dem Abschuss stand. Ich hatte in dieser Zeit durch die Scheuermann-Krankheit viel mit Verletzungen zu tun, hatte den Willen auch ein bisschen verloren. Frau Wünsche hat durchgesetzt, dass ich mich ein Jahr bewähren durfte, die Chance habe ich genutzt. Dafür bin ich dankbar. Da muss ich auch meinem ehemaligen Klubkollegen Lars Hamann danken, er war damals ein Schlüssel, dass ich den Ehrgeiz entwickelt habe, weiterzumachen, dranzubleiben.

Auf Sie wird als einziger deutscher Leichtathletik-Weltmeister künftig intensiver geachtet. Ist Ihnen das wichtig und wird Sie diese Rolle verändern?

Ich hoffe nicht, dass mich das menschlich verändert. Ich will weiter natürlich auftreten – auch mit meinen Emotionen und Gedanken. Mir ist klar, dass jetzt mehr auf mich geachtet wird. Mein Ziel wird es sein, den Nachwuchs zu motivieren. Dass so viele Leute wie möglich sehen, was für eine geile Sportart die Leichtathletik ist. Ich würde mich freuen, wenn es mir gelingt, für einige Kinder als Vorbild zu agieren, die Leichtathletik schmackhaft zu machen.