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Meißen

Idylle über den Dächern der Stadt

Ein Kleingarten galt lange Zeit als spießig und als etwas für alte Leute. Gerade in der jetzigen Situation ist er nicht nur eine Oase, sondern auch ein Zufluchtsort.

Der Kleingarten ist der ideale Rückzugsort für die Familie gerade in dieser Zeit.
Der Kleingarten ist der ideale Rückzugsort für die Familie gerade in dieser Zeit. © Claudia Hübschmann

Lommatzsch. Der Blick ist fantastisch hier,  von oben auf die Dächer der Stadt. An einem Hang grast rund ein Dutzend brauner Schafe, der markante Turm der Lommatzscher Kirche mit seinen drei Spitzen spiegelt sich in der tiefstehenden, langsam untergehenden Abendsonne. Es ist eine ruhige Idylle in einer aufgewühlten, hektischen,  ungewissen Zeit. 

Und eine Oase ist nicht fern. "Bergfrieden" heißt sie,  ist eine Kleingartenanlage. Ein Schrebergarten galt ja lange Zeit als spießig, etwas für alte Leute. Durch das vermeintlich schlechte Image haben manche Kleingartenvereine ein großes Problem mit leerstehenden Gärten. Doch es geht auch anders. Hier im "Bergfrieden" steht kaum ein Garten leer. 

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Vor allem aber: Immer mehr Leute im jüngeren und mittleren Alter interessieren sich für eine grüne Oase. So auch Stephanie Wendler und Henryk Hache. Die 37-Jährige und ihr fünf Jahre älterer Lebensgefährte haben vor knapp zwei Jahren einen Kleingarten im "Bergfrieden" erworben. Privates Glück auf 350 Quadratmetern.  

Gerade in der jetzigen Situation ist das fast wie ein Lottogewinn. "Hier sind wir an der frischen Luft, die Kinder können im Garten toben", sagt Stephanie Wendler. Der zwölfjährige Colin und seine sechs Jahre jüngere Schwester Amelie genießen das in vollen Zügen. Fast jeden Tag ist die Familie jetzt draußen im Kleingarten. 

"Ich komme vom Dorf, hielt einen Kleingarten bis vor einiger Zeit für altmodisch und bieder. Aber wenn man wie wir in einer Mietwohnung lebt, fehlt etwas", sagt die gelernte Bankkauffrau, die in einem Maklerbüro in Dresden arbeitet. Seit drei Wochen ist auch sie im Homeoffice. "Vor allem in der ersten Woche war das sehr anstrengend, eine große Umstellung. Als Familie muss man da erst einmal seinen Rhythmus finden. Ich musste nicht nur arbeiten, sondern mich auch um die Kinder kümmern, Essen kochen", sagt sie. 

Das alles unter einen Hut zu bringen, sei nicht leicht. Konzentriertes Arbeiten ist oft nur abends möglich, wenn die Kinder im Bett sind. Tagsüber muss sie sich nicht nur um die Schulsachen kümmern, sondern auch so manchen Streit schlichten. "Die beiden vertragen sich nun mal so, wie sich Geschwister vertragen", sagt sie vieldeutig und lacht.

Umso schöner, wenn die Familie nachmittags in den Garten kann. Dort toben sich die Kinder aus, sind abends müde. Auch Lebenspartner Henryk kommt am späten Nachmittag dazu. Er arbeitet als Baumaschinist in Leipzig. Jetzt, wo die Tage wieder länger sind, wird abends oft der Grill angeworfen. 

Ihren Garten möchte die Familie jedenfalls nicht mehr missen, in der Zeit der Coronakrise mit den ganzen Einschränkungen sowieso nicht, aber auch sonst nicht. " Wir haben hier unseren Rückzugsort gefunden. Es ist wie Kurzurlaub und viel schöner, bei diesem Wetter draußen Kaffee zu trinken als in der Wohnung", sagt Stephanie Wendler.

Nein, einen "grünen Daumen" habe sie noch nie gehabt. "Bei mir sind früher oft Wohnzimmerpflanzen vertrocknet, einmal sogar ein Kaktus", sagt sie und lacht wieder. Doch der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Jetzt pflanzt sie Erdbeeren, Bohnen Knoblauch an. Vor allem Tochter Amelie hilft ihr dabei, teilt die Begeisterung der Mutter für einen Garten. "Obst und Gemüse selbst anzubauen, macht Laune. Und es schmeckt doch auch ganz anders", sagt sie. Und dennoch: Der Garten ist für die Vier vor allem ein Erholungsort.

Dafür haben sie viel getan. Die Terrasse der Laube wurde überdacht, ein kleiner Pool angeschafft. Die Kinder haben ein Spielhaus. Und weil die "Großen" eine Terrasse hatten, wollte Amelie auch eine. Also zog Papa los und zimmerte eine zusammen. Auch ein Strandkorb wartet, ebenso wie eine Sonnenliege, auf warme, sonnige Tage. 

Mehr Investitionen sind erstmal nicht geplant. "Wir möchten jetzt mal den Garten genießen ohne große Baustelle", so die 37-Jährige. Na gut, die Laube soll noch einen Anstrich erhalten. Henryk Hache traut dem Frieden nicht. "Wir werden schon etwas Neues finden, das wir machen wollen", sagt er.

Sogar den Schulanfang von Amelie hat die Familie vergangenes Jahr im Garten gefeiert. Es waren rund 30 Gäste da. "In unserer kleinen Wohnung hätten wir gar nicht gewusst, wie wir das machen sollen", sagt Henryk Hache. Im Garten schon. Da wurde kurzerhand ein Zelt aufgestellt, eine Hüpfburg auch, der Zaun geöffnet, die Nachbarn informiert, dass es an diesem Tag mal etwas lauter werden könnte. Die haben nicht nur sehr verständnisvoll reagiert. Der eine oder andere kam zur Feier, brachte eine kleine Zuckertüte mit. 

Überhaupt sei das Verhältnis zu den Nachbarn toll. "Die sind alle sehr nett, wir verstehen uns gut, alle achten aufeinander", sagt die Lommatzscherin. Einer dieser Nachbarn ist übrigens ihr Bruder. Der hatte ihr den Tipp gegeben, dass ein älterer Herr seinen Garten abgeben möchte. Und so kam die Familie zu ihrer kleinen Oase.

Die könnte noch ein zweites Mal in diesem Jahr von großem Nutzen sein. Die Familie hat für den Sommer Urlaub in der Türkei gebucht. Ob sie tatsächlich hinfliegen können, ist derzeit keineswegs sicher. "Dann bleibt uns für den Urlaub immer noch der Garten", sagt die zweifache Mutter.

Inzwischen geht die Sonne unter, taucht die Dächer der Stadt, den Kirchturm, den Hang mit den Schafen ins Abendlicht. Auf dem Berg im "Bergfrieden" herrscht Frieden in einer aufgewühlten, unsicheren Zeit. Stephanie Wendler schaut in die untergehende Sonne: "Ist das nicht traumhaft?"

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