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Ihre emotionale Rückkehr auf die Radrennbahn

Seit ihrem schweren Trainingsunfall ist Kristina Vogel querschnittsgelähmt. Ihr Ehrgeiz ist derselbe, die Pläne aber andere. Eine Begegnung.

Erstmals kehrt Kristina Vogel auf die Bahn zurück, wo sie große Erfolge feierte. Die 28-Jährige wird am Rande des Weltcups in Berlin als Radsportlerin des Jahres geehrt.
Erstmals kehrt Kristina Vogel auf die Bahn zurück, wo sie große Erfolge feierte. Die 28-Jährige wird am Rande des Weltcups in Berlin als Radsportlerin des Jahres geehrt. © dpa/Joerg Carstensen

Wieder trägt sie die knallroten High Heels mit der auffälligen Knöchelschnürung. Ihr Schuhtick ist nicht neu. Doch nach ihrem folgenschweren Unfall wirken diese hochhakigen Schuhe wie ein Zeichen, so, als wolle Kristina Vogel der Welt mitteilen: Seht her, ich sitze jetzt im Rollstuhl, aber das Leben geht weiter und ist bunt wie vorher.

Als sie am Samstagabend in Jeansjacke und den High Heels auf die Holzbahn in Berlin kommt, erheben sich die Zuschauer von ihren Plätzen, applaudieren. Es ist ihr erster großer Auftritt vor einem Publikum seit dem Trainingssturz im Sommer und eine emotionale Rückkehr an die alte Wirkungsstätte, wo sie noch vor rund 13 Monaten zweimal Gold und einmal Silber bei der Heim-WM gewonnen hatte. „Es ist schön, alle wiederzusehen“, sagt sie ins Mikrofon, „ich habe gar nicht so viel Zeit für alle. Ein Drücker, ein Knutscher – dann kommt schon der nächste.“ 

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Kristina Vogel ist gerührt bei der Auszeichnung als Radsportlerin des Jahres, aber Tränen vergießt sie nicht. Später am Abend beim RTL-Jahresrückblick im Gespräch mit Günther Jauch erklärt sie dann auch, sie habe „Weinen tatsächlich erst lernen müssen. Ich war nie jemand, der so viel Emotion zugelassen oder gezeigt hat, weil ich immer eine Kämpferin sein wollte und es nach außen so darstellen wollte. Es gehört zum Prozess aber dazu, es so zu verarbeiten.“

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Zu verarbeiten, wie eine Sekunde das Leben der elfmaligen Weltmeisterin auf den Kopf stellte. Die Erfurterin war am 26. Juni im Training bei Tempo 60 mit einem Juniorenfahrer auf der Radrennbahn in Cottbus kollidiert. Ihr Rückenmark wurde am siebenten Brustwirbel durchtrennt.

An den Moment des Aufpralls kann sie sich bis heute nicht erinnern. „Da ist für ein paar Sekunden ein schwarzes Loch. Ich sehe mich erst wieder, wie ich auf dem Beton liege.“ Es ist nicht nur das jähe Ende einer außergewöhnlichen Karriere, sondern der Beginn eines Lebens im Rollstuhl.

Vogel konnte den Zeitpunkt, an dem sie über ihre Querschnittslähmung spricht, selbst bestimmen. Die verhängte Nachrichtensperre hat gehalten. Erst Anfang September hatte sie in einem emotionalen Interview mit dem Magazin Spiegel die Diagnose publik gemacht und schon damals mit bemerkenswerten Aussagen verblüfft. Auch bei der erstem Pressekonferenz im Krankenhaus kurze Zeit später beeindruckte Vogel, wie sie die Situation schon angenommen und für sich verarbeitet hatte.

„Der Satz ,Ich fühle mich frei‘ klingt schwierig, oder?“ Im Fernsehinterview mit Günther Jauch erklärt sie nun noch einmal, was doch so paradox klingt. „Ich habe 18 Jahre lang Hochleistungssport gemacht. Wir haben jedes Jahr Weltmeisterschaften und jedes Jahr Europameisterschaften. Das ist ein enormer Druck, den ich mir selber gemacht habe. Ich wollte immer gewinnen. Jetzt fühle ich mich wieder frei und habe Zeit, mir neue Ziele zu setzen, mich neu zu orientieren und das zu machen, was mir am meisten Spaß macht“.

Die zweimalige Olympiasiegerin war getrieben von ihren Erfolgen. Das Gewinnen-Wollen war längst dem Gewinnen-Müssen gewichen. „Die Konkurrenten wollen dir extrem an den Eiern spielen. Jeder will mich fallen sehen. Die Fallhöhe nimmt von Jahr zu Jahr zu“, hatte Vogel auf die für sie typische, zugespitzte Weise erst im Interview mit der Sächsischen Zeitung wenige Wochen vor dem Unfall erzählt. Das abrupte Ende ihrer Karriere hält für sie auch Positives bereit. „Ich habe zum ersten Mal seit Jahren die Chance durchzuatmen, konnte mich darauf besinnen, was im Leben wichtig ist. Nicht das Im-Kreis-rum-Fahren, sondern die Familie, die einem den Rücken stärkt.“ Lebensgefährte Michael Seidenbecher, der schon 2009 beim ersten schweren Radunfall an ihrer Seite war, als sie sich unter anderem einen Brustwirbelbruch und schwere Schnittverletzungen im Gesicht zuzog, ließ sich als Bundespolizist in die Nähe von Berlin versetzen.

Im Unfallkrankenhaus Hohenschönhausen arbeitet Vogel noch immer intensiv in der Reha. Das große Ziel für dieses Jahr: Weihnachten zu Hause. „Ich hoffe, dass ich Mitte Dezember entlassen werde. Meine Rehabilitation ist dann aber noch nicht abgeschlossen“, schrieb sie vor einigen Wochen bei Instagram, wo sie Bilder und Videos ihrer Reha postet.

Keine Paralympics-Karriere geplant

Der Umbau ihres neugebauten Hauses in Erfurt ist bereits in Planung, wird wohl aber noch länger dauern. Was sie nach der Zeit im Krankenhaus machen wird, weiß die Bundespolizistin nicht. „Ich hatte immer Fünf-Jahres-Pläne – auf einmal habe ich nicht einmal einen Plan für die nächsten sechs Monate. Natürlich macht mir das etwas Angst“, meint sie. Man wisse nie, was das Leben für einen bereit halte. „Ich glaube, dass man sich manchmal treiben lassen muss. Am Ende wird schon alles gut.“

An eine Paralympics-Karriere, die ihr viele einreden wollen, denkt Kristina Vogel nicht. „Im Moment bin ich froh, keine Wettkämpfe bestreiten zu müssen. Um bei den Paralympics wettbewerbsfähig zu sein, würde es Jahre dauern. Denn ich will nicht Zweite werden, ich will gewinnen.“ Der Ehrgeiz steckt noch immer in dieser Frau, über die der Bundestrainer wegen ihrer mentalen und körperlichen Stärke mal sagte: „Kristina ist unser bester Mann.“

Ihre Fortschritte in der Reha teilt die Thüringerin hin und wieder in sozialen Netzwerken. Das erste Video bei Facebook zeigte sie in ihrem Krankenzimmer, wie sie es selbstständig vom Rollstuhl ins Bett schaffte. Später sieht man sie beim Slalomfahren in der Turnhalle, beim Kegeln, Bogenschießen oder Basketballspielen. Jeder kleine Schritt ist einer zurück ins Leben.

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