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Illegales Rennen mit Todesfolge?

Ein Horrorunfall bei Bautzen rückt das Problem illegaler Wettfahrten wieder in den Blickpunkt. Die Polizei will so ein Rennen nicht ausschließen.

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Von Christoph Scharf

Die Fahrt geht in den Tod. Mit voller Wucht rast das Auto durch den Vorgarten in ein Umgebindehaus. Eine 19-jährige Insassin stirbt, drei junge Männer werden teils schwer verletzt. So die nüchterne Kurzform eines Unfalls, zu dem es vor gut einer Woche in Ebendörfel bei Bautzen kam. Der Fall beschäftigt die Menschen im Dorf. Nicht nur die Angehörigen fragen sich nun: Wie konnte das überhaupt passieren? Die Bundesstraße 96 macht an dieser Stelle nur eine leichte Rechtskurve. Die Fahrbahn wurde kürzlich neu ausgebaut. Allenfalls eine kleine Verkehrsinsel ist ein potenzielles Hindernis. Doch sie bleibt unbeschädigt in jener Nacht. Der 21-jährige Fahrer fährt nach rechts über Fußweg und Gartenzaun in das unbewohnte Umgebindehaus, wo ein massiver Balken wegbricht wie ein Streichholz. Durch den Aufprall schleudern gelagerte Pflastersteine weiträumig durch die Luft. Ein Zwei-Meter-Kantholz landet 50Meter weiter auf dem Gehweg.

Die Feuerwehr geht nun davon aus, dass der BMW kurz vor Mitternacht mit deutlich mehr als Tempo100 durch den Ort fuhr. Besonders merkwürdig: Ein Ersthelfer schildert, dass nach dem Crash fünf weitere Fahrzeuge aus Richtung Bautzen an der Unfallstelle warteten. Offenbar waren sie direkt hinter dem BMW unterwegs. Noch bevor Polizei und Rettungsfahrzeuge eintrafen, verschwanden die Autos. Haben sie sich vor dem Unfall ein Rennen geliefert? Die Polizei bezieht diese Möglichkeit in ihre Nachforschungen mit ein – ermittelt allerdings in alle Richtungen. Drogen oder Alkohol waren jedenfalls nicht im Spiel, das wurde noch in der Unfallnacht überprüft.

Würfel als Erkennungszeichen

Das Problem: Noch immer haben sich keine direkten Unfallzeugen gemeldet. Sollte sich der BMW zuvor mit anderen Autos ein Rennen geliefert haben, wäre das Schweigen allerdings nicht überraschend. „Bei einem illegalen Rennen kommen gleich mehrere Straftaten in Betracht“, sagt Christopher Gerhardi, Sprecher der Bautzener Staatsanwaltschaft. Die Teilnahme könnte als gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr geahndet werden, aber auch als fahrlässige Körperverletzung oder Tötung. Nicht zuletzt droht der Verlust des Versicherungsschutzes. Im Fall Ebendörfel hätte das erhebliche Folgen: Schließlich gab es nicht nur eine Tote und drei Verletzte. Zusätzlich schätzt die Polizei noch einen Schaden von mehr als 35000Euro – das kaputte Umgebindehaus nicht mit eingerechnet.

Ob sich ein Autorennen – falls es eins war – jemals nachweisen lässt, ist allerdings fraglich. „Die Polizei ist in solchen Fällen auf Hinweise angewiesen“, sagt Verkehrsrechtler Dieter Müller, der an der Fachhochschule der Polizei in Rothenburg lehrt. Solche Hinweise kommen allerdings selten. Die Rennen finden meist nachts auf leeren Straßen statt. Schwerpunkte sind etwa Hoyerswerda und der Zittauer Stadtring. „Idealerweise braucht man dafür mehrere Fahrbahnen in eine Richtung – und eine rote Ampel“, sagt der Professor.

Anders als an Szenetreffs wie in Hohnstein in der Sächsischen Schweiz ist für kleine Rennen gar keine Organisation nötig. Es genügt, wenn zwei Fahrer an der Ampel warten, die ein typisches Erkennungszeichen dabei haben. „Wer an seinem Rückspiegel Würfel baumeln hat, gibt damit zu verstehen, dass er jederzeit für Rennen bereit ist“, sagt Dieter Müller.

Genauere Untersuchungen gebe es zu dem Thema leider noch nicht, sagt Müller. Dazu müsste man ähnliche Unfälle dahingehend analysieren. Im Regelfall handle es sich bei den Fahrern aber um junge Männer mit großem Imponiergehabe. „Wer ein getuntes Auto hat, will es auch ausprobieren.“ Völlig zu unterbinden seien solche Rennen kaum. Dafür sollten Polizei und Kommunen an einem Strang ziehen – und viel öfter nachts und am Wochenende blitzen. „Es ist eine Frage des guten Willens, eine Nachtschicht im Ordnungsamt einzulegen“, sagt der Verkehrsrechtler. Und es mache die Straßen sicherer, glaubt er.