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Im Berg der Bebenwächter

Der Geophysiker Reinhard Mittag lauerte jahrzehntelang auf ein Erdbeben im Elbtal. Und nun hat er es verpasst.

Von Jörg Stock

Eines Tages kommt es, das wusste Reinhard Mittag. Das Elbtal hat alle Zutaten, die ein Erdbeben braucht. Nur wann es kommt, das wusste er nicht. Sonst wäre er wohl nicht gerade am 23. September zum Klettern in den Lechtaler Alpen gewesen. An diesem Tag, um 20 Uhr, 2 Minuten und 53 Sekunden, passierte das, was nie zuvor in der Menschheitsgeschichte passiert war: Ein Seismograf zeichnete ein Erdbeben in der Region Pirna auf. Und sein Herr und Hüter bekam davon nichts mit. Später erhielt Reinhard Mittag eine Handy-Nachricht von seiner Frau: Erdbeben in Pirna. „Ich konnte es kaum glauben.“

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Dieses Seismometer sowjetischen Ursprungs gehörte 1960 zur Erstausstattung des Berggießhübeler Observatoriums. 1993 wurde die Technik modernisiert. 2012 erfasste die Messstelle 4.351 regionale und globale Erdbeben sowie 3.666 Explosionen.
Dieses Seismometer sowjetischen Ursprungs gehörte 1960 zur Erstausstattung des Berggießhübeler Observatoriums. 1993 wurde die Technik modernisiert. 2012 erfasste die Messstelle 4.351 regionale und globale Erdbeben sowie 3.666 Explosionen.

Reinhard Mittag ist Geophysiker und Chef des Seismologischen Observatoriums der TU Bergakademie Freiberg in Berggießhübel. Er ist kein großer Mann, aber einer, der Eindruck macht: 60 Jahre alt, drahtige Gestalt, tiefblaue Augen, schlohweißes Haar. Erdbeben sind seine Welt. Seit 1977 fühlt er mit hochsensiblen Apparaten nach Erschütterungen auf dem ganzen Globus. Ärgert es ihn, die allererste Aufzeichnung eines Erdbebens vor der eigenen Haustür verpasst zu haben? Er kann diesen Ärger jedenfalls gut weglächeln. Ob er nun dabei war oder nicht, sagt er, den Maschinen war das egal. Sie haben tadellos gearbeitet. Wir nehmen Leuchte und Helm und machen uns auf den Weg zu diesen Maschinen, die den heißen Draht zu Mutter Erde haben.

Das Observatorium in Berggießhübel hat als Hinterausgang ein eigenes Bergwerk, den Hildebrandt-Stolln. Über dem Mundloch steht die Jahreszahl 1957. Damals wurde dieser Gang ausgebaut, um die Technik der Erdbebenwarte aufzunehmen. Sein Ursprung ist älter. 1886 soll der Hildebrandt-Stolln aufgefahren worden sein. Man suchte Eisenerz, fand aber keins. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Bergbaurelikt ein Luftschutzkeller. Von alten Einwohnern weiß Reinhard Mittag, dass dieser Schutzraum während der Rückzugskämpfe am Kriegsende wirklich benutzt wurde.

Wir betreten die dumpfe Nacht. Von irgendwoher rauscht es. Frischluft wird ins Bergwerg gepustet. Der Fels um uns ist dick mit einem porösen, grauen Stoff gepanzert. Spritzbeton. Er soll verhindern, dass loses Gestein auf unsere Köpfe fällt. Weiße Kalknasen, Stalaktiten, hängen hier und da und lassen Wassertropfen an sich herabrinnen. „Aufpassen!“, raunt Herr Mittag. In Stirnhöhe liegt ein Eisen quer, das offenbar schon viele Beulen verursacht hat. Blauer Schaumstoff ist als Polster für unachtsame Köpfe daran festgebunden.

Zum Auftakt das Große Chile-Beben

Der Gang schlenkert und biegt sich, bis wir jäh in einem hohen, weiten Raum stehen. Von der Decke hängt, an einem dünnen Drahtseil, ein massiger Sandsteinzylinder. An der Unterseite des Steins steckt ein Dorn, der in einen Sandkasten spießt. Es ist ein Pendel, das Prinzip des Seismografen, uralt, aber bis heute gültig, sagt Reinhard Mittag. Wenn die Erde wackelt, bleibt das Pendel wegen seiner trägen Masse in Ruhe. Der Dorn kratzt im Sandkasten, damit ist das Beben nachgewiesen. Solche Erschütterungsanzeiger waren bis Ende des 19. Jahrhunderts in Gebrauch. Begrenzt konnte man damit Richtung und Stärke des Bebens ausmachen, nicht aber den zeitlichen Verlauf. Hier drinnen ist das Pendel ein Vorführobjekt, so wie die ersten Seismografen, die anfangs im Observatorium Dienst taten und nun an dieser Stelle ruhen dürfen. Sie haben den Nachhall vieler Katastrophen gespürt. Am 22. Mai 1960, das Observatorium war erst wenige Tage in Betrieb, erschütterte das stärkste je gemessene Erdbeben die Instrumente: das Beben von Valdivia, auch Großes Chile-Erdbeben genannt. Es hatte eine Stärke von 9,5 auf der Richter-Skala. Mehr als 1 600 Menschen starben. In Berggießhübel bewegte sich der Boden damals immerhin zehn Millimeter.

Der aktuelle Seismograf, der als erstes technisches Gerät ein Pirnaer Erdbeben registrierte, steht hinter einer dicken Eichenholztür. Wir sind jetzt 36 Meter unter der Oberfläche, ringsum ist dichtes Schiefergestein, der ideale Ort, um nach dem Puls der Erde zu forschen. Reinhard Mittag stemmt die Riegel auf. „Das Allerheiligste!“ Doch die Heiligkeit enttäuscht mich. Sie steckt in einem weißen Styroporwürfel. Auspacken verboten. Das Gerät, ein Werk Schweizer Techniker, ist zu empfindlich. Schon, dass wir hier umhertappen, hat es genau gemerkt und hat – wie wir später feststellen – ein paar Nanometer Bodenbewegung an den Überwachungscomputer gemeldet.

Was unter dem Styropor steckt, umschreibt Reinhard Mittag mit „große Käseglocke“. Und was hat diese Käseglocke nun am 23. September Alarm schrillen lassen? Kein umgefallener Schrank beim Nachbarn, kein Düsenflieger über der Sächsischen Schweiz, kein Huster im Stolpener Vulkan. Das Rumpeln und Zittern in der Abendstunde war tatsächlich ein Erdbeben der Stärke 2,0 mit Epizentrum zehn Kilometer tief im Raum von Liebethal.

Pro Jahr nur ein Millimeter

Reinhard Mittag glaubt, dass der Erdstoß von der sogenannten Westlausitzer Überschiebung ausging. Sie begrenzt das Elbtal im Nordosten. Elbtalkreide und Lausitzer Granit schrammen hier aneinander vorbei, allerdings so langsam, dass sich das Tempo einer Schnecke dagegen wie das eines Ferraris ausnimmt. Pro Jahr geht es nur etwa einen Millimeter voran. Doch das genügt, um eine Spannung aufzubauen, die sich irgendwann entladen muss. Offenbar ist das schon früher passiert. Die Aufzeichnungen über Erdstöße im Elbraum reichen bis ins Mittelalter zurück. Jedoch: Es waren Beobachtungen, keine Messungen. Daher, so sagt Reinhard Mittag, war stets bezweifelt worden, ob die geschilderten Erscheinungen wirklich Erdbeben waren.

Nun hat die „Käseglocke“ wohl den Beweis geliefert. Reinhard Mittag hofft, dass mobile Seismometer, die er im Ursprungsgebiet des Bebens aufgestellt hat, seine Theorie erhärten. Dass ein Elbtalbeben irgendwann zerstörerische Kraft entfalten könnte, hält er für ausgeschlossen. Jedenfalls wäre er beim nächsten Mal gern dabei. Vielleicht funktioniert der heiße Draht zu Mutter Erde ja so gut, dass sie ihn erhört.

Verdacht auf Erdbeben? Das Observatorium Berggießhübel freut sich über jede Meldung: Tel. 035023 62491