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Im Elbland werden die Ärzte knapp

Die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) wird im Elbland immer stärker. Ihr Marktanteil liegt bei 44 Prozent. Grund des Zulaufs sind die geringen Beiträge. Über die Zukunft der Kasse und einen möglichen Ärztemangel sprach die SZ mit dem AOK-Sachsen-Vorstand Günther Rettich.

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Von Interview: Ulf Mallek

Die AOK Sachsen befindet sich gerade mal auf einem Höhenflug. In gut sechs Monaten stieg die Anzahl der Versicherten um fünf Prozent. Besonders kräftig fiel der Zuwachs im Elbland aus. Liegt das nur am niedrigen Beitragssatz?

Die 12,9 Prozent sind in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein gutes Argument für einen Kassenwechsel. Deshalb wenden sich viele Menschen wieder der AOK zu. Wir gewinnen auch junge Kunden. Allerdings ist unser Beitragssatz derzeit nicht kostendeckend. Wir subventionieren unsere Leistungen und bauen einen Überhang an Betriebsmitteln ab. Etwa 120 bis 150 Millionen Euro in diesem Jahr. Wir werden versuchen, den niedrigen Satz auch im nächsten Jahr zu halten. Natürlich freuen wir uns über die guten Zahlen aus den Landkreisen Meißen und Riesa-Großenhain. Dort haben wir einen Marktanteil von über 46 Prozent, in ganz Sachsen sind es 43 Prozent.

Dennoch ist das schwer zu verstehen: Die AOK Berlin knöpft ihren Mitgliedern über 15 Prozent ab, Sie so viel weniger. Was ist der Grund für die gute Kassenlage?

Wir hatten einfach Glück. Als der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer 1997 zwangsweise die Absenkung der Beiträge um 04, Prozent angeordnet hatte, waren wir davon ausgenommen. Durch die Fusion der drei AOKs in Dresden, Leipzig und Chemnitz zur AOK Sachsen galten wir als neues Unternehmen und konnten den Beitragssatz selbst festlegen. Die anderen Krankenkassen mussten sich verschulden, um den Beitragssatz zu halten, wir bauten uns ein Finanzpolster auf. Davon zehren wir heute noch. Außerdem kommt uns die vorausschauende Krankenhausplanung in Sachsen zugute.

Die Bundesregierung will doch mit der Gesundheitsreform im nächsten Jahr ohnehin eine Absenkung des Beitragssatzes um 0,7 Prozent durchsetzen. Sie wollen sich verweigern?

Das hat damit nichts zu tun. Wir sind so niedrig, dass die anderen auch nach großen Absenkaktionen nicht mal in unsere Nähe kommen. Realistischerweise rechnen die meisten Krankenkassen mit einer Beitragsreduzierung von vielleicht 0,4 Prozent. Höchstens.

Wird die Gesundheitsreform Ihnen Entlastung bringen?

Kaum. Mit der Reform ist der Regierung und der Opposition kein großer Wurf gelungen. Sie ist nur eine Verschiebung der Lasten hin zum Versicherten. Ich sehe auch kaum Einsparungen, dafür mehr Kosten durch mehr Bürokratie.

Sie wollen mehr telefonische Beratung, um Kosten zu sparen. Wie weit sind Sie schon gekommen?

Wir haben vier Call-Center aufgebaut, in denen 60 Leute arbeiten. Diese Telefon-Beratung ist ausbaufähig. Demnächst werden die Mitarbeiter in den Call-Center elektronisch auf die Unterlagen der Versicherten zurückgreifen können. Dann werden wir 75 Prozent aller Anfragen am Telefon bearbeiten.

Werden Sie ihr Personal reduzieren?

Wir haben 5000 Mitarbeiter, davon 200 Auszubildende. Eine Prognose über die Personalentwicklung kann ich jetzt nicht abgeben.

Es ist die Rede davon, dass Sie Ihre Geschäftstelle in Meißen aufgeben wollen. Warum?

Aus Kostengründen. Die komplette Beseitigung aller Flutschäden an unserem Haus in der Fährmannstraße 17 kostet 1,2 Millionen Euro. Dieses Geld wollen wir nicht mehr in den Standort investieren. Zumal er verkehrsungünstig gelegen ist und Behinderte nur schwer Zugang finden. Wir ziehen bis Mitte September in die Niederauer Straße um. Die Geschäftsstelle wird etwas verkleinert. Die Zentrale für den Landkreis Meißen ist dann eben in unserem Haus in Radebeul, in der Rennerbergstraße. In Meißen arbeiten von ehemals 21 Mitarbeitern aber immer noch 15. Birgit Schemmel bleibt Chefin, wird zwischen Meißen und Radebeul pendeln.

Aus Städten und Gemeinden sind Klagen zu hören: Die Ärzte könnten knapp werden. Wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation ein?

Im Moment gibt es eher zu viel Ärzte, sowohl in Sachsens als auch im Elbland. In Meißen liegt der aktuelle Versorgungsgrad bei 110 Prozent, in Riesa-Großenhain bei 101. Da demnächst viele Ärzte das Rentenalter erreichen, könnte es in ein paar Jahren Probleme geben. Wenn nichts unternommen wird, sinkt die Hausarztquote im Elbland bis 2010 in die Region um 70 Prozent ab. Da wird es langsam kritisch. Es muss mehr getan werden, um junge Mediziner aufs Land zu holen. Auch bei der Vergütung.