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Im Fall der missglückten Augen-OPs drängt die Zeit

Zweieinhalb Jahre, nachdem bei Augen-OPs in Löbau Probleme aufgetreten sind, läuft am Jahresende die Verjährungsfrist aus. Anwälte wollen reagieren.

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Von Anja Beutler

Löbau/Bautzen. Wenn Rechtsanwältin Kerstin Clemens aus Bautzen einen Geduldsfaden hätte, stünde der kurz vor dem Zerreißen: Seit Jahren geht in den Ermittlungen rund um mehrere missglückte Graue-Star-Operationen eines Bautzener Mediziners in den Räumen einer ambulanten Klinik in Löbau im September 2010 nichts so richtig vorwärts. Auch für ihren Mandanten nicht, der inzwischen über 80 Jahre alt ist. Bei mindestens fünf Patienten – hauptsächlich aus dem Landkreis Bautzen – waren nach dem Routineeingriff schwere Entzündungen aufgetreten, die auf dem jeweils behandelten Auge am Ende zur Erblindung geführt hatten.

Und nun drängt ein weiteres Problem: Im zivilrechtlichen Bereich greift Ende dieses Jahres die Verjährung. Das heißt, wer von den Geschädigten bis dahin nicht Klage erhoben hat, hat keine Chance mehr, auf zivilrechtlichem Wege etwas zu erreichen. Und das wäre bei Anwältin Clemens aus der Kanzlei Drach & Drach bei mindestens zwei weiteren Mandanten der Fall. Denn bislang hat eben nur einer der Patienten sich tatsächlich für eine Klage entschieden und sich damit auch abgesichert, dass sein Fall verhandelt wird.

Dass es in diesem Fall dermaßen hakt, liegt vor allem an einem Gutachten, das die Staatsanwaltschaft Görlitz für ihre strafrechtlichen Ermittlungen in Auftrag gegeben hat. Hier war es zunächst sehr schwer, überhaupt einen geeigneten Gutachter zu finden, hieß es vonseiten der Staatsanwaltschaft. Und nun zieht sich die Bearbeitungszeit stark in die Länge, weil für alle Fälle aufwendige Einzelgutachten nötig sind. „Das ist mir in meinem bisherigen Anwaltsleben noch nicht untergekommen“, sagt Frau Clemens kopfschüttelnd. Und da nicht nur die Staatsanwaltschaft auf das Gutachten wartet, sondern auch die Richter des Landgerichtes Görlitz in der Außenkammer Bautzen erst dann weitermachen wollen, wenn die Ergebnisse vorliegen, geht es auch in dem einen Fall nicht weiter, in dem Kerstin Clemens bereits Klage erhoben hat.

Doch was kann sie nun für ihre Mandanten tun, die bislang noch Kosten und Mühen gescheut haben, wirklich eine Klage einzureichen? „Wenn sich bis Sommer nichts geändert hat, werden wir verjährungshemmende Mittel einlegen“, erklärt Frau Clemens fachtechnisch. Im Klartext heißt das, man müsse entweder auch in den anderen Fällen Klage einreichen oder beispielsweise mit der Gegenseite verhandeln, um sie dazu zu bringen, auf die Verjährungsfrist ihrerseits zu verzichten.

Dass es gute Chancen gibt, dass die Gegenseite auf Letzteres eingeht, ist in den Augen der Anwältin realistisch. Denn momentan weiß ja niemand, wie das Gutachten ausgeht. Enden die Untersuchungen zugunsten des operierenden Bautzener Augenarztes und der ambulanten Löbauer Klinik, dann haben diese keinen Nachteil von der Vereinbarung. Ergibt das Gutachten eher einen Vorteil für die Geschädigten, dann besteht immer noch die Möglichkeit, sich außergerichtlich mit ihnen zu einigen und sich dadurch eine große, teure Gerichtsverhandlung zu ersparen. „Das ist für beide Seiten von Vorteil“, sagt die Rechtsanwältin.

Einer Theorie erteilt Kerstin Clemens im Zusammenhang mit den Augenklinik-Fällen eine Absage: Dass die Behörden die Aufklärung systematisch verzögern würden, damit sich durch den Tod der allesamt zwischen 70 und 85 Jahre alten Geschädigten die Sache selbst regelt, sei Unsinn. „Die Ansprüche auf Schmerzensgeld erlöschen nicht mit dem Tod der Betroffenen, sie werden weitervererbt“, erklärt die Anwältin. Kinder und Enkel könnten die Rechte ihrer Verwandten dann also geltend machen. Deshalb würde eine solche Taktik nicht wirklich greifen. Doch soweit solle es nicht erst kommen: Frau Clemens hofft, dass es bald Bewegung in der Sache gibt.