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Bautzen

Im falschen Körper geboren

Alina Obst  aus Hoyerswerda ist transident. Immer weiter lässt sie zurück, was einst Martin war. Doch auf diesem Weg liegen Steine.

„Ich wurde menschenunwürdig behandelt“, sagt Alina Obst. Heute denkt sie mit Ärger an die Änderung ihres Namens und des Geschlechts im Pass zurück. Zwei Gutachten musste sie erstellen lassen und dafür intimste Fragen beantworten.
„Ich wurde menschenunwürdig behandelt“, sagt Alina Obst. Heute denkt sie mit Ärger an die Änderung ihres Namens und des Geschlechts im Pass zurück. Zwei Gutachten musste sie erstellen lassen und dafür intimste Fragen beantworten. © Gernot Menzel

Wenn Alina Obst jemanden den Namen „Martin“ rufen hört, zuckt sie manchmal noch zusammen. „Martin“ – akzeptiert da jemand ihre Identität nicht, will sie jemand provozieren? „Martin“ – es ist der Name, auf den sie über 20 Jahre lang reagiert hatte. Heute ist sie in der Regel nicht mehr gemeint, wenn jemand diesen Namen ruft. Aber so einfach lässt sich der Reflex nicht ausschalten. Der Name ist ein Teil von ihr – und doch ist er heute nicht mehr als eine Erinnerung an die Jugend, die sie mit dem Namen verbindet.

Ihre Haut ist feinporiger geworden als Martins, die Haare länger, die Stimme höher, die Bewegungen sind weicher – so vieles hat sich in den letzten Jahren verändert für Alina Obst. Denn die 26-jährige Hoyerswerdaerin ist eine trans Frau, noch vor Kurzem war sie ein Mann.

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Vor etwa fünf Jahren besuchte sie eine „Cross Dressing Party“, auf der sich die Gäste das anziehen, was sonst meistens das andere Geschlecht trägt. Dort spürte sie zum ersten Mal, dass sich die Frauenkleidung an ihrem Körper irgendwie so richtig anfühlt. Immer mehr Nächte verbrachte sie daraufhin schlaflos, fasste dann den Entschluss.

Mehr als 20 Jahr lebte Alina Obst als Martin.
Mehr als 20 Jahr lebte Alina Obst als Martin. © privat

„Mir war plötzlich klar, dass es der einzig logische Weg ist“, erklärt Alina Obst. Nur ab und zu Frauenkleider tragen, auf Partys? „Ich will immer ich sein“, entschied sie – und ging dann, ganz Mathematikerin, pragmatisch ans Werk. „Wenn ich etwas entscheide, setze ich das schnell und konsequent um“, sagt sie heute kurz vor Ende ihrer „Angleichung“. So nennt sie den Wandel ihres Körpers. Angleichung, nicht Umwandlung – denn das würde ja bedeuten, dass sie tatsächlich mal ein Mann war. Als solcher hat sie sich aber nie gefühlt.

Es war vor etwa drei Jahren, als Alina – damals noch als Martin – das erste Mal im Kleid die Treppe hinabstieg, an dessen Ende gerade ihre Eltern warteten. Ihr Outing. „Kurz war ich sprachlos“, erinnert sich ihre Mutter, „ich kannte so etwas nicht.“ Doch es dauerte nicht lange, bis sie sich gefasst hatte. „Martin, schau dir die Mädchen da draußen an“, sagte sie. „Tragen die Glitzer?“, fragte sie ihren Sohn, der heute ihre Tochter ist, – und entschied, gemeinsam mit der neu gewonnenen Tochter einkaufen zu gehen. Frauenklamotten, ohne Glitzer und Pompom.

Heute sitzen Alina und ihre Mutter am Tisch im Wohnzimmer und unterhalten sich darüber, wie sie gemeinsam Kleidung kaufen gingen, den Schrank nach und nach mit Alinas neuem Leben füllten. Immer wieder lachen die beiden – nein, da steht nichts zwischen ihnen. Doch Alina war sich damals bewusst: „Das ist jetzt ein Schritt, bei dem ich viel verlieren kann.“ Sie kennt andere Transidente, so nennen sich die Betroffenen, die Familie und Freunde verloren haben, die belästigt worden sind. Einer Freundin zum Beispiel, so erzählt sie, hatten Unbekannte in Hoyerswerda aufgelauert. Diese Freundin musste schlussendlich in ein Frauenhaus. Doch Alina Obst hatte Glück: Ihre Familie, ihre Freunde – sie alle hielten zu ihr.

Intime und voyeuristische Fragen

Glücklich ist die Mathematikerin trotzdem nicht, wie das alles gelaufen ist. Vor allem ein Erlebnis lässt sie nicht mehr los: die Änderung ihres Namens und des Geschlechts im Pass. Genaugenommen ist es das, was davor nötig war. Denn um die Einträge ändern zu können, sind psychiatrische Gutachten notwendig. Und die Art und Weise, wie die Fragen dafür gestellt wurden, macht sie noch heute wütend. Es gibt dafür keinen einheitlichen Standard, und „die Fragen, die mir gestellt wurden, gingen in den intimsten und voyeuristischen Bereich“, erinnert sie sich. Wann sie ihren ersten Samenerguss gehabt habe, wie oft sie sich selbst befriedige, wie oft sie Sex habe und mit wem – Fragen wie diese musste sie einem Gutachter beantworten. Auch, ob sie pädophil sei, wurde sie gefragt. Von anderen weiß sie, dass oft auch die Frage nach Zoophilie, also Sex mit Tieren, gestellt wird. „Ich wurde einfach menschenunwürdig behandelt“, sagt sie. „Denn das tut doch alles nichts zur Sache.“

Es folgte ein Katalog von weit über 600 schriftlich zu beantwortenden Fragen. „Aber wieso soll das ein anderer für mich entscheiden? Nur ich selbst kann doch beurteilen, ob ich mich im richtigen Geschlecht fühle“, ärgert sich Alina Obst. Zudem ging es dabei lediglich um die Eintragung im Pass; „für die Hormonbehandlung und die geschlechtsangleichende Operation sind zusätzliche Befunde notwendig“, erzählt sie. Die Geschlechtsänderung im Pass, es ist nur ein Stein von vielen, der trans Frauen und trans Männern in den Weg gelegt wird. Alina Obst versucht, diese Steine wegzuräumen. Sie kämpft für einen freien Geschlechtseintrag im Pass und will, dass die psychiatrischen Gutachten vor der Passänderung abgeschafft werden. Es ist der Grund, weshalb sie abermals einen Entschluss gefasst hat – und einer Partei beigetreten ist, um sich politisch zu engagieren.

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