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Im Hausgarten des Schlossgärtners

Wolfgang Friebel war lange der oberste Gärtner in Dresden-Pillnitz. Sein privater Garten ist Teil einer alten königlichen Hofgärtnerei. Was baut er dort an?

Stinkt gar nicht, die Stinkesche, unter der Wolfgang Friebel sitzt. Für seinen privaten Garten hat der ehemalige Gartenmeister von Pillnitz erst seit der Rente Zeit.
Stinkt gar nicht, die Stinkesche, unter der Wolfgang Friebel sitzt. Für seinen privaten Garten hat der ehemalige Gartenmeister von Pillnitz erst seit der Rente Zeit. © J. Loesel, loesel-photographie.d

Manche werden vielleicht enttäuscht sein, wenn sie meinen Garten sehen“, sagt Wolfgang Friebel. Er zählt zu den bekanntesten Gartenfachleuten Sachsens. 17 Jahre lang war er Gartenmeister im Park von Schloss Pillnitz. Bis zu seiner Rente hat er sich in der barocken Anlage um die wertvolle Baumsammlung gekümmert und um die uralte Kamelie, die jedes Frühjahr mit ihren karmesinroten Blüten die Touristen busweise anlockt. In seiner Zeit wurden der Holländische Garten neu angelegt, das Palmenhaus und die Wege in den Heckengärten erneuert, der Lustgarten nach historischem Vorbild neu gestaltet. Man kann ihn durchaus als eine Koryphäe der sächsischen Gartenkunst bezeichnen.

Privat trägt die Koryphäe beige Shorts und Birkenstocklatschen. Fast entschuldigend hebt Friebel die Schultern, bevor er mit einladender Geste die Pforte öffnet. „Hier ist nicht viel mit Park“, sagt er und geht voraus. Sein Hausgarten ist Teil der ehemaligen königlichen Hofgärtnerei Pillnitz. Friedrich August III hat sie von 1913 bis 1915 unweit des Schlosses auf den Feldern des Pillnitzer Kammergutes errichten lassen. Er liegt quasi in Laufdistanz zu Friebels alter Arbeitsstelle.

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„Nicht viel mit Park“ heißt: Nutzgarten. Aber was für einer! Überbordendes Grün empfängt den Besucher. Prächtig stehen Salat, Kohlrabi, Zwiebeln. Das Kräuterbeet löst Neidgefühle aus. Die Tomaten haben so viele Früchte angesetzt, dass Friebel die Rispen einzeln hochbinden musste. Dazwischen blühen Levkoi, Rosen, Türkenbundlilien. Links vom Weg füllt ein Feigenbaum ein kleines Gewächshaus. Er macht sich so breit, dass die Zweige durchs Fenster wachsen. Dicke grüne Knubbel an den Ästen versprechen reiche Ernte. Auch Stachelbeersträucher, Johannisbeeren und Erbsen sind üppig bestückt mit Früchten. Zwischen Liebstöckel und Buschbohnen wachsen weniger bekannte Delikatessen. Der toskanische Palmkohl zum Beispiel, brassica oleracea, eine hocharomatische Schwarzkohlsorte, oder das Bamberger Hörnchen, eine alte fränkische Kartoffelsorte mit Nussaroma. Unter einem alten Birnbaum stehen Brennnesseln. „Dort gedeiht ohnehin nichts anderes. Ich hoffe immer, ein Schmetterling legt seine Eier darauf.“

Die Feige passt kaum noch in Friebels Gewächshaus. Üppig wächst das Gemüse.
Die Feige passt kaum noch in Friebels Gewächshaus. Üppig wächst das Gemüse. © Jürgen Lösel

Friebels Garten hat nichts von barocker Strenge. Pflanzung in Reih und Glied, sich wiederholende Muster, exakt beschnittene Hecken wird man vergeblich suchen. Hier darf wachsen, was will und kann. Kenntnisreich wird unterstützt, was Hilfe braucht und reduziert, was sich zu breitmacht. Sind die Beete im Herbst abgeerntet, wird nicht umgegraben, sondern Phazelia oder Buchweizen gesät. „Dann liegt der Boden im Winter nicht blank“, sagt Friebel. Im Frühling grubbert er die Pflanzenreste unter. Sie sind ein ausgezeichneter Gründünger – sein Rezept für guten Boden. Für ihn ist der Garten nicht nur ein Ort, der Geist und Seele nährt, sondern gern auch den Bauch füllen darf.

Friebels Frau Ortrun sitzt im Schatten eines mächtigen Kirschbaums und pult Steine aus den Kirschen. Die Hände tropfen vor tiefrotem Saft. Auch sie war Gärtnerin. Die beiden haben sich auf dem Gelände kennengelernt. Seit 50 Jahren leben sie hier zur Miete, erst im Gehilfenhaus, seit 1978 im Dachgeschoss der Direktorenvilla. „Früher gab es im Garten einen Springbrunnen und einen Rundgang“, sagt sie. Beides wurde abgerissen, bevor die Familie einzog. Erhalten geblieben aber ist eine Gartenlaube. Im gleichen Baustil wie das Haus ist sie wie ein Ausguck in die Mauer eingebettet, die die gesamte alte Hofgärtnerei schützend umgibt. Friebels haben eine Lichterkette hineingehängt und Lilien an die Laubenmauer gepflanzt.

Im ehemaligen Gehilfenhaus sitzt jetzt das Landesumweltamt.
Im ehemaligen Gehilfenhaus sitzt jetzt das Landesumweltamt. © Susanne Plecher

Auf der Elbe hupt ein Dampfer. Die Schlössertour, die im Dresdner Stadtzentrum startet, endet hier. 350 Meter hinter dem Garten wenden die Schaufelradriesen auf dem Fluss und fahren zurück. Früher reisten die königlichen Hoheiten per Gondel an, zur Sommerfrische und zu rauschenden Festen. Die üppigen Blütenbouquets dafür stammten später aus der Hofgärtnerei. Sie ist vor allem gebaut worden, um den höfischen Bedarf an Zierpflanzen zu bedienen. Drei Jahre bevor der König 1918 abdankte, war der Bau beendet. „Vermutlich hat Dresdens Stadtbaurat Hans Erlwein die Hofgärtnerei geplant. Aber Belege dafür kennen wir nicht“, sagt Ingolf Hohlfeld, Referatsleiter für Garten- und Landschaftsbau am Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Es hat heute zusammen mit dem Julius-Kühn-Institut, der Hochschule für Technik und Wirtschaft und dem Staatsbetrieb Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen seinen Sitz dort. Sie sind Friebels Nachbarn.

Die Hofgärtnerei hatte gigantische Dimensionen. Mit einem Hektar Gewächshausfläche in 40 Glashäusern und neun Hektar Freilandfläche mit großer Frühbeetkastenanlage war sie eine der größten und modernsten Anlagen in Europa. Das zeigte sich zum Beispiel in der Außenbeschattung: Um sommerliche Hitze gar nicht erst in die Gewächshäuser gelangen zu lassen, wurden sie mit Holzrollos beschattet. Wie das funktioniert hat, kann man sich jetzt noch im Garten des Landschlosses Pirna-Zuschendorf ansehen. Zwei der Gewächshäuser sind dorthin versetzt worden, die anderen existieren nicht mehr. Noch 1918 ist die Hofgärtnerei in die „Staatlichen Versuchs- und Beispielsgärten zu Pillnitz“ umgewandelt worden, 1922 wurde die Höhere Staatslehranstalt für Gartenbau gegründet. Aus Marstall und Nebengelassen wurden Schulgebäude und Wohnheimplätze. Seither ist Pillnitz ein wissenschaftliches Zentrum des Gartenbaus. Vor der Wende hat auch Friebel hier gearbeitet. Zuerst als Gärtner, am Ende war der Gartenbauingenieur im Volkseigenen Gut Saatzucht Zierpflanzen sogar Chef. „Lange her“, sagt er.

Auch ein Umweltmammutbaum steht in Friebels Garten.
Auch ein Umweltmammutbaum steht in Friebels Garten. © Jürgen Lösel

Hitze flimmert über den Wegen. Mauersegler zerschneiden die Luft. Auf einem schmalen Pfad führt der Gartenmeister a. D. zu seinen Bäumen. Im Schatten wird es sofort kühler: Aufatmen neben einem ausufernden Buchsbaum. Wenige Fraßstellen verraten einen Falter, auf dessen Nachwuchs Friebel nicht gehofft hat. Der Buchsbaumzünsler, in Sachsen zum ersten Mal 2008 nachgewiesen, hat vor zwei Jahren auch die alte Hofgärtnerei erreicht. Lässt man sie gewähren, fressen seine Raupen Hecken und Büsche buchstäblich kahl. Fachleute empfehlen, die Tiere abzulesen, abzuspülen, mit Gift oder biologischen Insektiziden zu besprühen. 

Friebel hat einen anderen Weg gefunden. „Die Raupen nehmen das Gift des Buchsbaums auf und sind für viele Vögel ungenießbar. Aber unsere Spatzen stört das nicht“, sagt er. Um sie anzulocken, hat er es den Vögeln behaglich gemacht: Der Buchs ist nicht beschnitten und bietet Unterschlupf. Eindeutige Spuren an Vogeltränke und Futterhäuschen verraten reges Interesse. Es tschilpt und raschelt im Geäst. Auch gegen andere ungebetene Gäste geht Friebel mit Umsicht vor. Neben die Tomaten hat er Studentenblumen gepflanzt. „Ihr Geruch soll die weiße Fliege abhalten“, sagt er. Solche Tipps hat er den SZ-Lesern viele Jahre lang als Gartenkolumnist gegeben. Und was stoppt die Schnecken, zu deren Leibspeisen Studentenblumen gehören? „Schneckenkorn.“ Die Umsicht hat Grenzen.

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Gleich hinter dem Buchs zieht ein lebendes Fossil den Blick in die Höhe. Der Umweltmammutbaum galt als ausgestorben, bis ihn Botaniker 1941 in einer unzugänglichen Bergregion in Sichuan wiederentdeckten. Das erste Exemplar, das in den 1950er Jahren in Deutschland gepflanzt wurde, steht im Pillnitzer Schlosspark, das zweite unweit davon im Kammeyer-Garten. Der Baum in Friebels Garten ist ein Ableger davon. Im Herbst wirft er die mimosenartigen Blätter ab. In langen Streifen löst sich die graubraune Borke. Vis-à-vis wächst eine andere Seltenheit aus Asien, eine Stinkesche. Ihre üppigen, duftenden Blüten bieten Bienen Anfang August viel Nahrung, wenn alle anderen Bäume längst Früchte tragen. Auch rechts des Weges findet sich noch ein bisschen Park. Karmesinrot wie die Kamelie blüht dort die Rose „Fanal“. Fünf Jahrzehnte hat sie im Schlossgarten gestanden. „Sie ist ein Überbleibsel der ehemaligen Rosenbänder im Lustgarten“, sagt Friebel. Jetzt blüht sie neben einer lieblich duftenden Gertrude Jekyll-Rose aus England. Wer könnte da enttäuscht sein?

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