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„Im Moment fühle ich mich arbeitslos“

Was Metallicas neuem Album folgt, weiß Gitarrist Kirk Hammett nicht. Sicher schwärmt er aber weiter für deutsche Musik.

Metallica-Bassmann Robert Trujillo (v. l.), Schlagzeuger Lars Ulrich, Leadgitarrist Kirk Hammett sowie Frontmann James Hetfield begehen im nächsten Jahr das 40-jährige Jubiläum der Bandgründung.
Metallica-Bassmann Robert Trujillo (v. l.), Schlagzeuger Lars Ulrich, Leadgitarrist Kirk Hammett sowie Frontmann James Hetfield begehen im nächsten Jahr das 40-jährige Jubiläum der Bandgründung. © PR

Kirk Hammett, Gitarrist der Metal-Band Metallica, steht auf der Rolling-Stone-Liste der 100 besten Gitarristen an aller Zeiten an elfter Stelle. Im Interview zum jetzt erschienenen neuen Metal-Klassik-Crossover-Werk der Band lacht er viel. Der 57-Jährige spricht aber auch sehr ernsthaft über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die USA sowie über seine musikalischen Einflüsse und Helden, zu denen etliche deutsche Komponisten zählen.

Wie offen sind Sie für Genres jenseits der harten Rockmusik?

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Ich liebe es, fast alle Stile auf meinem Instrument auszudrücken; Jazz, Klassik, Bossa Nova, Reggae, Country, Blues, Hawaiianische und insbesondere europäische Musik. Ich bin von Natur aus neugierig und will wissen, wie man bestimmte Klänge kreiert. Ich finde es cool, zum Beispiel einen Bossa Nova aus Südamerika zu interpretieren mit Griffen, Akkordfolgen, Tempi und Beats, die ich nie zuvor gespielt habe. Die meisten Stile haben eine oder mehrere Formeln, mit der man sie reproduzieren kann. Jazz hat sogar Tausende Formeln, Country vielleicht zehn oder zwölf. Und bei Heavy Metal geht es eigentlich nur um Downpicking, Distortion und Attitüde. Ich habe sogar etwas gelernt über deutsche Volksmusik, nur über Schlager weiß ich noch nicht viel, auch wenn diese einen wichtigen Teil der deutschen Kultur darstellen. Ich finde es spannend, mich mit der Geschichte der zeitgenössischen Musik in Deutschland zu beschäftigen.

Haben Sie Gemeinsamkeiten mit klassischen Komponisten?

Deutsche Komponisten und Musiker hatten den größten Einfluss auf mich. Bevor ich Profi wurde, liebte ich Strauss, Bach und Beethoven. Später entdeckte ich zeitgenössische Rock-Musiker wie Michael und Rudolf Schenker für mich. Gegenwärtig finde ich die Band Neu! aus Düsseldorf sehr inspirierend. Keine Ahnung, weshalb ich mich von dem musikalischen Können der Deutschen so angezogen fühle. Aber ich möchte ihnen für die Inspiration danken!

„The Iron Foundry“ von Alexander Mossolow aus dem Jahr 1927 gilt als ein herausragendes Beispiel für futuristische Musik aus der Sowjetunion. Wie war es, das ungewöhnliche Stück jetzt fürs neue Album live zu spielen?

Wir haben es ein paar Mal geprobt, und als es schließlich saß, schauten wir uns an und dachten: Was war das? Das Stück hat ein sehr interessantes Tempo. Bei der Live-Aufführung mussten wir uns voll und ganz auf den Dirigenten konzentrieren. Es war das erste Mal, dass wir so etwas gemacht haben. Wir wussten überhaupt nicht, wann das Stück enden würde. Bei der ersten „S & M“-Platte vor 20 Jahren haben wir die Songs so gespielt wie immer und das Orchester hat uns streckenweise begleitet. Diesmal war es eine völlig neue Erfahrung.

Haben Alexander Mossolow und Sergej Prokofjew vor 100 Jahren die Rockmusik vorweggenommen?

Bei Mossolow klang ein Orchester wie eine Maschine, wie eine Fabrik. Das ist definitiv nicht weit entfernt von der Attitüde des Heavy Metal. Mossolow und Prokofjew haben diese dunkle Hochenergie mit ganz anderen Instrumenten hingekriegt und Verstärker gab es damals ja auch noch nicht.

Können Sie eigentlich Noten lesen?

Ja, aber ich kann nicht gleichzeitig lesen und spielen, wie klassische Musiker es zu tun pflegen. Diese Leute können 16 Noten pro Sekunde lesen und spielen. Dafür muss man viele Jahre üben. Wenn du dich dazu entscheidest, Orchestermusiker zu werden, dann musst du täglich sechs Stunden proben – und zwar bis ans Ende deiner Tage. Anders funktioniert es nicht.

Wie viel haben Sie persönlich für die „S & M 2“-Shows geprobt?

Ich habe mich vier Wochen vor der ersten Show hingesetzt und intensiv praktiziert. Täglich sieben bis acht Stunden auf der akustischen Gitarre, was viel schwerer ist als auf der elektrischen. Erst dann hatte ich das Gefühl, dass ich mit dem Orchester mithalten konnte. Die machen das aber jeden Tag bis zum Ende ihres Lebens! Unsere Musik erfordert in technischer Hinsicht nicht so viel Hingabe, aber wir sind schon immer sehr gut vorbereitet gewesen.

Sind Sie an diesem Projekt als Musiker gewachsen?

Ja, absolut. Normalerweise machen wir unsere Platte nur zu viert. Aber bei „S & M 2“ waren über 80 Instrumente auf der Bühne. Die Arbeit hat sich gelohnt, weil der Sound dieser Aufnahme einfach fantastisch ist.

Braucht man eine Obsession, eine absolute Leidenschaft, um als Künstler wirklich voranzukommen?

Ja, ich bin sehr nach vorne orientiert. Als Musiker mit meinem Anspruch ist es erforderlich, jeden verdammten Tag hart zu üben. Ich spiele jetzt seit 40 Jahren Gitarre und will immer noch Neues lernen und ausprobieren. Deshalb höre ich mir so gerne neue Töne und Klänge an. Ich habe ein Auge auf Zukunftstechnologien und wie diese meine Musik und meine Instrumente besser machen können. All diese Dinge beschäftigen mich in meinem Alltag. Ich bin besessen von Gitarren und vom Musikmachen – und ich bewundere meine Helden, denen ich immer noch nacheifere. Ich höre mir dauernd Platten von Jimi Hendrix an, das ist fast schon zu viel des Guten. Aber ich lausche auch fast jeden Tag Klassik und Jazz. Und im Moment fahre ich total auf die deutsche Band Accept ab.

Was ist so besonders an den Gitarrenriffs aus Hannover, Solingen und anderen deutschen Städten?

Die Technik, der Sound, das Feeling. Die Deutschen spielen Rockmusik mit klassischen Elementen, um ihr Soundspektrum zu erweitern. Ihr Ton ist sehr selbstbewusst, aggressiv, streitlustig und unvorhersehbar. Das sind alles Eigenschaften, die ich mag. Die Deutschen werden nicht müde, tolle Melodien zu erfinden. Das haben sie von den Klassikern gelernt. Das musikalische Erbe der Deutschen umfasst 700 Jahre. Wir Amerikaner haben nichts Vergleichbares. Wir kopieren immer nur andere und versuchen, aus der Kopie heraus etwas Neues zu erschaffen.

Metallica werden kommendes Jahr 40 Jahre alt. Ist „S & M 2“ bereits Teil der Jubiläumsaktivitäten?

Nein, es ist ein Projekt, das für sich steht und bereits 2019 aufgenommen wurde. Unser Jubiläum findet ja erst 2021 statt. Im Moment kann man eigentlich nichts planen, weil in Amerika ein Virus umgeht. Covid 19 spaltet unser Land. Ich fühle mit allen Amerikanern mit, aber als Nation müssen wir noch viel lernen. Alles, was jetzt gerade passiert, wird uns dabei helfen, eine erwachsenere Nation zu werden mit so viel Verantwortungsbewusstsein wie in Europa. Wir müssen noch herausfinden, wie man Probleme gemeinsam lösen kann. Ich denke, wir werden wohl eher im Ausland spielen als in den USA. Eigentlich wünsche ich mir nichts sehnlicher, als Musik zu schreiben, sie aufzunehmen und auf Tour zu gehen. Das ist mein Leben. Im Moment fühle ich mich daher wie arbeitslos.

Was macht Musik so wichtig?

Die Verbindung. Es fasziniert mich, welche Emotionen Musik bei einem Menschen auslösen kann. Musik hat auch mein Leben gerettet und mich zu dem gemacht, der ich bin. Sie hat mir eine Stimme gegeben. Ich bin mir absolut sicher, dass ich als Musiker niemals in Rente gehen werde. Ich werde immer spielen. Alles andere ist für mich von geringerer Bedeutung. Corona unterstreicht das noch einmal, weil es dich über das Leben, den Tod und das, was wirklich wichtig ist, nachdenken lässt.

Das Interview führte Olaf Neumann.

Das Album: Metallica, S & M 2. Universal Music

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