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Im Schatten der Bürgerhäuser

Mit der Sanierung der Bürgerhäuser in Bautzen geht es seit Jahren nicht voran, nun kommen neue Probleme dazu. Wie gehen die Händler in der Nachbarschaft damit um?

© Uwe Soeder

Von Theresa Hellwig

Bautzen. Die Arme hinter dem Rücken verschränkt, steht Werner Dombrowski vor seinem Laden. Aus der geöffneten Tür dringt Duft auf die Straße, Edelsteine glitzern im Schaufenster. Doch dafür hat Dombrowski gerade keine Augen. Sein Blick ist auf andere Steingebilde gerichtet: Er betrachtet den Bienenkorb, der über der hölzernen Eingangstür von einem der Bürgerhäuser in der Inneren Lauenstraße hängt.

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Dombrowskis Laden liegt gegenüber von den Häusern, seit vielen Jahren verkauft er aus diesem Geschäft seine Waren und organisiert für seine Kunden Edelsteinexkursionen nach Österreich. Oft blickt er aus seinem Fenster auf die alten Häuser und verfolgt, was dort vor sich geht. Dass er den Bienenkorb zum letzten Mal gesehen hat, ist eine Weile her: Lange verdeckte eine Plane die Häuser. Nun schneiden Arbeiter die Halterungen auf, Stück für Stück fällt die Hülle auf den Boden.

Ein Gerüst wird gebaut, das die Häuser sichern soll. Wenn es steht, kann die Straße wieder für den Autoverkehr freigegeben werden. Vor dem Wochenende wird das jedoch nichts mehr, sagt Stadtsprecher André Wucht. Dombrowski ist nicht der einzige Händler auf der Inneren Lauenstraße. Er und die anderen, sie alle erleben nicht nur Veränderungen, sondern auch den langen Stillstand mit.

Ein Symbil für Fleiß

Dombrowskis Haltung ist vor allem getrieben von seiner geschichtlichen Neugier. Mit dem Theologen Siegfried Seifert unterhielt er sich damals häufiger über die Häuser. „Hier müssen einst fleißige Menschen ansässig gewesen sein“, sagt er. Das habe ihm Siegfried Seifert erzählt. Dombrowski zeigt auf den Bienenstock: „Den Korb habe ich noch gut in Erinnerung, er ist das Symbol für Fleiß.“ Aus einem oberen Stockwerk hat er schon oft auf das Dach der Bürgerhäuser geschaut. „Da ist so viel kaputt.“ Sorgenvoll blickt er deshalb dem Winter entgegen. „Es ist traurig, zu sehen, wie die Gebäude zerfallen“, sagt er.

Die Häuser liegen direkt am Eingang zur Altstadt. Für Dombrowski ist klar, dass das Konsequenzen hat: „Solche Ruinen schrecken Touristen ab.“ Auch Daniel Po- lenk, Inhaber des Präsenteladens „Die Geschenkidee“, ärgert sich über die abschreckende Wirkung der Häuser. „Ich bin seit 17 Jahren hier und verfolge das Ganze von Anfang an“, sagt er. „Da passiert nichts.“ Er erinnert sich an die Zeit zurück, in der Geschäfte in den Häusern ansässig waren. „Es ist schade zu sehen, wie hier nach und nach alle weggehen.“

Polenk stört vor allem die derzeitige Straßensperrung. Insbesondere der Romantica blickt er deshalb sorgenvoll entgegen. „Mit der Sperrung kommen hier sicher nur wenige Leute entlang“, vermutet er. Gerade jetzt, vor dem Einkaufsfest, komme zudem viel Ware an. Vor allem der Lieferverkehr leide unter der Sperrung. Insbesondere Lastwagen haben Schwierigkeiten, aus der Stadt wieder herauszukommen. Auch ältere Kunden, die auf kurze Wege angewiesen sind und mit dem Auto kamen, schauen gerade seltener vorbei.

Stammkunden finden die Läden

Edelsteinverkäufer Dombrowski sieht die Sperrung nicht so dramatisch. Auf der Seite, auf der sein Geschäft ist, ist der Fußweg frei. „Hier kommen die Leute direkt vorbei“, sagt er, „ich kann mich nicht beschweren.“ Außerdem wüssten die Stammkunden ohnehin, wie sie zu ihm finden.

Citymanagerin Gunhild Mimuß blickt im Übrigen auch der Romantica ganz entspannt entgegen. „Die Straße wäre für das Wochenende sowieso gesperrt worden“, sagt sie. „In Fußgängerzonen wird doch sowieso mehr eingekauft“, meint sie, „und verkehrsberuhigte Bereiche sprechen für eine gesunde Stadt.“ Außerdem könnten Händler aus der Not auch eine Tugend machen. „Baustellenschnäppchen“ wären doch eine nette Idee.

Ein Problem, das Mimuß in den leer stehenden Gebäuden sieht, betrifft vor allem die direkten Nachbarn. Für die gingen die Heizkosten in die Höhe. Davon berichtet auch Annett Scholz, deren Fotostudio direkt an die Gebäude grenzt. Fast doppelt so hoch seien die Rechnungen, seit die Gebäude leer stehen. Zudem waren die Häuser lange Zeit sehr dunkel, bis sie angestrahlt wurden. Scholz ist dennoch eine derjenigen, die optimistisch in die Zukunft blicken: „Ich bin seit 24 Jahren auf dieser Straße und habe eine enge Verbindung zu den Gebäuden.“ Dass nun ein Gerüst gebaut wird, sei für sie ein Zeichen, dass sich tatsächlich mal etwas bewege. „Jeder, der die Stuckelemente sieht, muss doch erkennen, was für Schmuckstücke das mal waren und wieder werden.“

Und auch Polenk verzagt am Ende nicht. Um trotz der Sperrung Menschen in die Straße zu locken, hat er sich für die Romantica etwas Besonderes ausgedacht. Seine Kolleginnen aus dem Modegeschäft Lifestyle haben ein Konzert im Geschäft organisiert, das auch draußen zu hören sein wird. Polenk möchte die Bautzener mit Duft von hausgemachtem Eierpunsch und frisch geröstetem Kaffee anlocken.

Auch positive und hoffnungsvolle Stimmung gibt es in der Straße.

Wenn die Geschäfte durch die Sperrung vielleicht übersehen werden könnten – überriechen und überhören soll sie an diesem Wochenende keiner.