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Im Schnelldurchlauf zum Meister

Theresa Wolf aus Leppersdorf ist mit Begeisterung Sattlerin. Deutschlandweit gehört sie zu den Besten.

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© Kristin Richter

Von Thomas Drendel

Leppersdorf. Die junge Leppersdorferin weiß, was sie will. In der zehnten Klasse verlässt Theresa Wolf das Radeberger Humboldt-Gymnasium, obwohl sie die Klassenbeste ist. Im Anschluss beginnt sie eine Ausbildung als Reitsattlerin mit dem Ziel, in dem Beruf den Meister zu machen. Inzwischen hat sie die Lehre absolviert. In zweieinhalb statt in drei Jahren. „Ja ich habe einen Teil der Prüfungen vorgezogen“, sagt die 19-Jährige mit einem Lächeln. So als wäre das nichts Besonderes. Und jetzt? Jetzt macht sie ihren Meister. Neben ihrer Arbeit in einer Sattlerfirma im Sauerland. „Freitag und Sonnabend gehe ich in die Schule. Später kommt noch eine dreimonatige Vollzeitausbildung dazu.“

Auch die Meisterprüfung wird Theresa Wolf voraussichtlich vorzeitig ablegen. Im März 2017 will sie fertig sein. Sie ist dann 21 Jahre alt. Zu diesem Schnelldurchlauf bei der Ausbildung treibt sie niemand, wie sie sagt. Es ist vielmehr die Begeisterung für das Sattlerhandwerk. Die muss schon in ihrer Kindheit angelegt worden sein. Damals half sie in den Ferien in der Ledermanufaktur in Leppersdorf aus. Damals leitete ihr Großvater Wolfgang Thielemann den Betrieb. Er übernahm als Sattler- und Täschnermeister auch die Ausbildung. Heute ist er gemeinsam mit Gunter Wolf – dem Vater von Theresa – Geschäftsführer des Unternehmens. „Der Geruch, die Geschmeidigkeit des Leders, das hat mich schon damals fasziniert. Das ist bis heute geblieben und ist wohl ein Grund, weshalb ich mich für diese Laufbahn entschieden habe“, sagt sie. Dass das Lederhandwerk für sie nicht nur ein Job zum Geldverdienen ist, zeigt eine weitere Tatsache. Auch in ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit dem Werkstoff. „Ich entwerfe beispielsweise Taschen. Einige werden in der Leppersdorfer Manufaktur hergestellt.“

Kreativität ist gefragt

Auf so viel Zielstrebigkeit ist natürlich auch die Handwerkskammer aufmerksam geworden. So wurde Theresa Wolf im vergangenen Jahr zum Landeswettbewerb der besten Lehrlinge eingeladen. Sie gewann den Ausscheid und vertrat Sachsen einige Monate später beim Bundesvergleich. „Wir wurden für zwei Tage nach Bremen eingeladen. Unsere Aufgabe war es, einen Würfelbecher aus Leder und eine Jagdtasche herzustellen, vom Zuschnitt bis zum fertigen Stück.“ Gefragt waren Kreativität und gute technische Fähigkeiten. Am Ende kam Theresa Wolf auf den zweiten Platz. Am Wochenende wurden die Urkunde und eine Medaille in Dresden feierlich überreicht. Was sie als Nächstes vorhat? „Die Firma übernehmen“, sagt sie. So, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. „Natürlich muss ich erst meinen Meisterabschluss in der Tasche haben und auch dann wird es noch eine Weile dauern. Noch führt ja mein Vater den Betrieb.“

Sie betont, dass sie von niemandem zu dem Schritt gedrängt wird. „Als ich die Lehre begonnen habe, sagte ich meinen Eltern, dass das ganz meine eigene Entscheidung sein muss. Meine Geschwister sind ja auch eigene Wege gegangen und haben andere Berufe gewählt.“ Die Ledermanufaktur Thielemann ist eine Firma mit langer Tradition. Sie gibt es seit mehr als 100 Jahren. Moritz Thielemann gründete das Unternehmen 1897. Pferdegeschirre, Schulranzen und auch Treibriemen stellte er in seiner Ein-Mann-Firma her. Bis zum Zweiten Weltkrieg wuchs die Belegschaft auf rund 120 Mitarbeiter an. Nach dem Krieg baute Moritz Thielemann das Unternehmen noch einmal neu auf.

Firma nach der Wende zurückgekauft

In den 60er-Jahren wurde ein Bauernhof an der August-Bebel-Straße gekauft und als Firmensitz umgebaut. Das alte Gebäude auf der anderen Straßenseite war zu klein geworden. In der DDR-Zeit wurde viel für den Export hergestellt, geliefert wurde in die Bundesrepublik und nach Holland. Bis 1972 war die Firma selbstständig. Zum 1. Mai wurde aus dem Privatunternehmen ein volkseigener Betrieb. Nach der Wende konnte Wolfgang Thielemann, Enkel des Firmengründers, die Firma zurückkaufen. Bis heute gehen Taschen aus Leppersdorf in die halbe Welt. „Wir sind der letzte Betrieb dieser Art in Deutschland“, sagt Wolfgang Thielemann.

Übrigens: Taschen nach Vorlagen von Theresa Wolf sind im Werksverkauf der Ledermanufaktur in Leppersdorf, August-Bebel-Straße 4 zu haben. Geöffnet ist das Geschäft immer montags bis freitags jeweils von 7 bis 15 Uhr.