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Im Speicher wohnen

Die Husaren nutzten den Speicher und der Konsum. Jetzt ziehen ältere Menschen ein.

© Anne Hübschmann

Von Birgit Ulbricht

Wer hier wohnt, zieht nicht in eine Einrichtung des Pflegedienstes advita, sondern in seine eigene Wohnung – mit Pflegekräften als guten Nachbarn. Das ist wichtig, findet Dirk Schumann, weil es den Menschen ihre Eigenständigkeit lässt. Schumann ist der Objektleiter des neuen Wohnprojektes im ehemaligen Möbelspeicher von Großenhain. Und die älteren Leute, die etwa ab August hier einziehen können, sind demzufolge keine Bewohner, sondern Mieter. Ihren Mietvertrag schließen sie mit der „Zusammen-zu-Hause GmbH“ aus Berlin ( 030 4372730) ab, die auch hier in Sachsen schon Wohnprojekte betreut, zum Beispiel im Schloss Gröba, in Nossen und in Radebeul.

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Der Mietpreis setzt sich aus einem normalen Quadratmeter-Grundpreis plus einem Pflegeaufschlag zusammen. Dafür ist aber auch 24 Stunden eine Fachkraft vor Ort, die Zimmer sind mit Notrufen ausgestattet und selbstverständlich alters- und behindertengerecht. Wie viel Hilfe bzw. Pflege jemand braucht, entscheidet er selbst und bucht es auch eigenständig dazu. 35 Wohnungen sind so im historischen Möbelspeicher über vier Etagen entstanden, sieben Einraumwohnungen um die 33 Quadratmeter und zwei Zweiraumwohnungen zwischen 55 und 63 Quadratmeter jeweils an den Giebelseiten.

Natürlich gibt es Aufzug, Wirtschaftsräume, alle Zimmer haben Kochnischen. In einer zweiten Etappe wird das Bau-Vorhaben „Tagespflege“ in Angriff genommen. Die entsteht im hinteren Teil des Möbelspeichers, dem eigentlichen Getreidespeicher von Großenhain. Die Tagespflege steht allen offen, und sie hat einen doppelten Vorteil: Wer hier wohnt oder von außerhalb gebracht wird, kann die gemeinsame Geselligkeit suchen. Und, das neue Pflegestärkungsgesetz, das just seit Januar 2015 gilt, unterstützt ganz gezielt diese Form der ambulanten Betreuung. Das ermöglicht zum einen vielen Senioren, länger zu Hause zu bleiben und doch tagsüber betreut zu werden – zum anderen ist das ein Konzept gegen Vereinsamung. „Für viele alte Leute ist doch der Besuch des Pflegedienstes die einzige Abwechslung des Tages. Die Pflegekraft, die Einzige, mit der sie sprechen können“, beschreibt Schumann das Problem. 24 Plätze wird die Tagespflege anbieten. Mit den drei Demenz-Wohngruppen auf der gegenüberliegenden Seite entwickelt sich der Möbelspeicher damit zu einem der großen Betreuungsstandorte.

Erst Pferde, dann Menschen versorgt

Wohnen, wo die Husaren dereinst ihren Proviant einlagerten, sozusagen. Denn der Großenhainer Möbelspeicher war um die Jahrhundertwende genau das, ein riesiges Vorratslager für Reiter und Pferd. Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges wurden die Husarenregimenter aufgelöst und das Gebäude an der Waldaer Straße als Trockenlager für Getreideprodukte und allerlei Fertigprodukte wie Zucker, Nudeln, Gräupchen genutzt.

In den 1930er Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges war dieses Gebäude als Reservelager für Lebensmittel eingerichtet. Nach dem Krieg entdeckte der Konsum den Speicher. Ab dem Jahr 1948 hat nur noch der Volkseigene Erfassungs- und Aufkaufbetrieb für landwirtschaftliche Erzeugnisse (VEAB) den Speicher für die Lagerung von Weizen, Gerste und Hafer genutzt, da die Deckentragfähigkeit 2000 Kilo je Quadratmeter betrug. Heute erinnern Details wie der Tresor der Aufkaufstelle, der in die Deko im Blumengeschäft einbezogen wurde, an diese Zeit.

Die Großenhainer kennen den Speicher als echten Möbelspeicher, denn nach der Wende wurden hier die ersten West-Möbel verkauft. Daher der Name, der sich bis heute im Volksmunde gehalten hat. Schnell zogen in den 1990er Jahren aber Fitnessclub, Getränkemarkt die Gaststätte „Zum Keiler“, der Bildungsträger BAM, Physiotherapeuten oder Chirurg Dr. Büttner ein. Der Standort an der Waldaer Straße begann, sich schon allmählich zum Gesundheitszentrum zu entwickeln. Nach dem Verkauf der Immobilie an die MDU Vermögensverwaltung GmbH ist das Thema „Gesundheitszentrum“ erst recht. Die meisten Leute, die hier her ziehen, kommen tatsächlich aus den umliegenden Orten, in der Nähe zur vertrauten Umgebung eben.

Tag der offenen Tür: am 11. Juli von 10 bis 15 Uhr.