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Im Stich gelassen

Die agile Kommunalpolitikerin Barbara Lässig flog unerwartet aus dem Stadtrat. Nun sucht sie einen Neuanfang.

© Eric Münch

Von Bettina Klemm

Zwanzig Jahre lang war Barbara Lässig Stadträtin in Dresden. Sie galt als Zugpferd, erzielte immer Traumergebnisse. Plötzlich ist das vorbei. Mit 1 532 Stimmen wird die FDP-Politikerin nicht mehr im neuen Stadtrat vertreten sein. Auch fast eine Woche nach der Wahl kann Barbara Lässig ihre Niederlage nicht fassen. Hatte sie doch vor den Wahlen ihrer „Herzenszielgruppe“, wie sie es nannte, geschrieben und vor allem die Sportler in der Stadt um Unterstützung gebeten. Doch Lässig trat diesmal im Wahlkreis 1 an, in dem traditionell CDU und Linke stark sind. Und bei einem relativ hohen Altersdurchschnitt der Wähler kann dort auch eine „Skatermutter“ nicht punkten.

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„Du warst die beste Stadträtin, es tut mir in der Seele weh, Dich ausscheiden zu sehen“, hatte ihr tröstend Jan Mücke geschrieben. Er, der selbst im vergangenen Jahr mit der FDP aus dem Bundestag geflogen war und nun Stadtrat in Radebeul ist, hatte Barbara Lässig zur FDP gelockt. Das war auch in der FDP nicht unumstritten.

Nun sucht sie einen Neuanfang, einen neuen Job und vielleicht auch wieder Hobbys, denn all das war auf der Strecke geblieben. „Brauchen Sie mehr Aufmerksamkeit“ , heißt ein Slogan ihrer Agentur LWD, Lässig Werbung Dresden. Doch in dem Unternehmen lenkt längst ihre Tochter Anja die Geschicke. Lässig war in letzter Zeit nur Ratgeberin und akquirierte hin und wieder Aufträge. Nun wieder komplett in der Firma zu arbeiten, das kann sich die 57-Jährige nicht vorstellen. „Das ist nicht mehr mein Metier“, sagt sie. In ihrem Büro stehen fein säuberlich geordnet die Aktenordner. Lässig hat sich mit vielen Themen befasst und dazu alles gesammelt. Mehr als 200 dicke Ordner werden es sein. Nun sind sie wohl ein Fall für den Reißwolf.

Lässig, immer impulsiv und laut, legt sich mit nahezu jedem an, wenn sie von einer Sache überzeugt ist. „Ich streite mich mit der ganzen Welt. Es ist nicht einfach mit mir“, sagt sie selbst. Wenn andere abends beim Wein sitzen, hat sie ihren Laptop auf dem Schoß und schreibt Anfragen und Beschwerden. Wozu?, fragt sie nun.

Sie ist gelernte Kindergärtnerin und Diplom-Sportlehrerin. Vor der Wende war sie an der Fachschule für Kindergärtner, pausierte aber, weil 1988 ihr Sohn, das jüngste ihrer drei Kinder, geboren wurde. „Ich wollte nach der Wende aus der Partei austreten. Doch als ich die Stapel von Parteibüchern von Kollegen, die immer 180 prozentig waren, gesehen habe, wollte ich nicht mit denen auf einem Haufen liegen“, sagt sie rückblickend. Glühende Sozialisten hatten plötzlich die Marktwirtschaft mit Löffeln gefressen, mit diesen Leuten sei sie nicht klar gekommen.

Sie machte eine Umschulung zur Sachbearbeiterin für Datenverarbeitung. Eigentlich wollte sie einen privaten Kindergarten eröffnen. Doch als sie letztlich eine Immobilie dafür gefunden hatte, schlossen überall die Kindergärten. So kam sie über Umwege zu einer Werbeagentur. Als diese dann Pleite ging, baute sie auf dem Scherbenhaufen eine eigene auf.

Als die Kali-Werker in Bischofferode 1993 in den Hungerstreik gingen, war Lässig dabei. So bekam sie auch engeren Kontakt zur damaligen PDS-Chefin Christine Ostrowski. Im Jahr darauf zog Lässig in den Stadtrat ein. Doch sie legte sich mit ihrer Partei an. Die Genossen setzten sie auf hintere Plätze auf der Landesliste, obwohl sie immer bei Wahlen eine hohe Stimmenzahl verbuchen konnte. Lässig wehrte sich, trat aus der Partei aus und klagte bis zum Landesverfassungsgericht. Als Parteilose trat sie aber wieder für die Linken im Stadtrat an. Dann gehörte sie zu jenem Flügel, der für den Verkauf der städtischen Wohnungen stimmte, um Dresden von den drückenden Schulden zu erlösen. So wurde sie als Vertreterin der Woba-Fraktion für die PDS zur Persona non grata.

Barbara Lässig hatte 1998 das Nachtskaten in Dresden begründet. Als Präsidentin und spätere Geschäftsführerin sorgte sie 2009 dafür, dass die Dresdner Eislöwen gerettet wurden. Aber sie hatte auch Probleme und Geldsorgen öffentlich und sich so im Sportverein unbeliebt gemacht.

Politisch fand die Unternehmerin bei der FDP eine neue Heimat. Zumindest kämpfte sie in den vergangenen fünf Jahren für diese Partei im Stadtrat. Nun ist auch das vorbei. „Es kommt etwas Besseres“, tröstet sie ihr Lebensgefährte Elmar Schmähling. Bei Niederlagen zeigt sich, wer wirkliche Freunde sind. Und Lässig entwickelt Trotz: „Die sind mich noch lange nicht los, ich will wieder was machen“, sagt sie. Wenn sie nur schon wüsste, was.