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„Im Triebischtal gibt es weiter jede Menge zu tun“

Die Afra-Pfarrer sind besorgt über die sozialen Probleme Meißens und freuen sich auf ein neues Haus der Kirche.

© hübschmann

Der Bevölkerungsrückgang macht auch vor der Afra-Kirchgemeinde in Meißen nicht halt. Für die rund 2 200 Gemeindemitglieder wurden letztes Jahr nur noch anderthalb Pfarrer-Stellen genehmigt. Uwe Haubold bleibt Pfarramtsleiter und wird sich weiter um die umfangreiche Bautätigkeit der großen Stadtgemeinde kümmern. Pfarrer Bernd Oehler widmet sich neben seiner halben Pfarrerstelle verstärkt dem Religionsunterricht.

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Herr Pfarrer Oehler, im Oktober 2014 wurde auf dem Meißner Markt mit einem Freiheitsfest an die Leipziger Montags-Demonstrationen erinnert. Wo sehen Sie die Ursachen für die Pegida-Aufmärsche aktuell montags in Dresden?

Mein Eindruck ist, dass viele Menschen mit der Demokratie und mit ihrer Freiheit nur sehr schwer zurechtkommen. Sie wünschen sich eine Sicherheit zurück, in der sie sich in der DDR besserer gefühlt haben. Schüler von mir haben sich bei der Freiheitsfest-Umfrage erkundigt, was den Befragten wichtiger ist: Freiheit oder Sicherheit? Dabei kam heraus, dass viele Menschen großen Wert auf Sicherheit im weiteren Sinne legen. Die Geschwindigkeit der gesellschaftlichen Veränderungen war und ist für eine große Zahl von ehemaligen DDR-Bürgern offenbar zu hoch.

Wenn Sie für das vergangene Jahr aus Sicht der Afra-Gemeinde eine Schulnote vergeben müssten, wie würde die ausfallen? Und warum?

Schulnoten verteile ich nur an meine Schüler. Ich möchte mir nicht anmaßen, ein ganzes Jahr oder eine ganze Gemeinde auf eine Schulnote zu reduzieren. Wenn ich aber etwas Gutes nennen möchte, dann wären das ganz aktuell zwei neue Angebote der Afra-Gemeinde auf den Dörfern. Mich hat es im Vertretungsdienst auf 33 Dörfern im vergangenen Jahr wieder betroffen gemacht, wie stark das Gefälle beim kirchlichen Leben zwischen Stadt und Land ausfällt. Die traditionellen Landbibelstunden sterben langsam aus. Dagegen gehen wir jetzt an. Aller 14 Tage bietet die Afra-Gemeinde mithilfe von Gemeindediakon Johannes Albrecht im Herrenhaus Niederjahna einen Landkindertreff an, der mit den Zeiten des Schulbusses harmoniert. Außerdem laden wir regelmäßig zusammen mit dem Hausherrn und Autoren Dr. Matthias Donath zu offenen Gesprächsrunden nach Niederjahna ein.

Worauf freuen Sie sich 2015 am meisten?

Eine sehr schöne Sache wird sicher, dass wir in der Afra-Kirche die restaurierte romantische Orgel wieder in Betrieb nehmen können. Dazu wird es eine ganze Orgelwoche geben, zu der auch der Gewandhausorganist aus Leipzig kommt.

Was ist das Besondere an der Afra-Orgel?

Sie bereichert die Vielfalt der Orgeln in der Stadt um eine ganz neue Klangfarbe. Als romantische Orgel hat sie einen sehr orchestralen Klang. Ganz anders, als zum Beispiel irgendwann die Porzellan-Orgel in der Frauenkirche klingen wird. Dieser orchestrale Klang war so über viele Jahrzehnte nicht mehr erlebbar, weil das Geld für eine umfassende Restaurierung fehlte. Ich denke, die neue Orgel wird viele Musiker und Musikliebhaber aus der Stadt und von außerhalb begeistern und anziehen.

Vor 25 Jahren trat die DDR im Oktober der BRD bei. Wird das für Sie als Christen im Oktober wieder Anlass zum Feiern sein?

Ja, die Einheit Deutschlands in Freiheit ist für uns ein Grund zum Feiern. Ich gehe davon aus, dass das Land die Rolle Meißens bei diesem Ereignis entsprechend würdigen wird. Auf der Albrechtsburg wurde der Freistaat 1990 neu gegründet. Ich denke schon, dass Landtagspräsident Matthias Rößler daran sehr konkrete Erinnerungen hat. Wenn es aus diesem Anlass Veranstaltungen gibt, werden wir uns daran sicherlich beteiligen.

Der Terminkalender der Afra-Gemeinde präsentiert sich schon jetzt gut gefüllt. Was – glauben Sie – wird dieses Jahr die größte Herausforderung?

Die vielen Bau-Aufgaben fordern von unserer Gemeinde einen sehr hohen Krafteinsatz. Gleichzeitig ist es eine große Chance, mit unserem Haus Markt 10 der Kirche ein Alltagsgesicht geben zu können. Viele Menschen denken ja, Kirche gebe es nur sonntags, vielleicht noch Ostern und Weihnachten. Am Markt haben wir die Gelegenheit zu zeigen, dass wir jeden Tag da sind für die Senioren, die Familien, die Jugendlichen und Kinder, für alle, die Ansprechpartner suchen. Ich verspreche mir davon ein niederschwelliges Angebot, welches es einfacher machen soll, zu Glauben und zu Kirche zu finden.

Im Frühjahr wird für den Kirchenbezirk Meißen ein neuer Superintendent bestimmt. Was erwarten Sie von ihm?

Nach evangelischem Verständnis ist der Superintendent ein regionaler Bischof. Das heißt, er sollte seelsorgerlich für seine Mitarbeiter da sein, sie geistlich begleiten und Themen setzen. Dazu kommt der Verwaltungsbereich. Er muss sich in Finanz- und Rechtsfragen auskennen und dieses Wissen umsetzen können. Grundsätzlich traue ich das Amt beiden Bewerbern zu – sowohl Akademie-Direktor Johannes Bilz als auch MDR-Pfarrer Andreas Beuchel.

Jetzt habe ich keine Frage mehr, aber Sie vielleicht noch eine Antwort?

Wir würden als Kirche versagen, wenn wir uns nicht für die Schwachen einsetzen. Wir werden uns weiter für unser Kinder- und Jugendhaus Kaff stark machen und versuchen, soziale Schieflagen aufzufangen. Aus unseren Erfahrungen gibt es da weiter jede Menge zu tun. Leider sind viele gut gemeinte Initiativen der Behörden irgendwann ins Leere gelaufen. Zu den Schwachen zähle ich auch die Asylsuchenden. Ich bin sehr froh darüber, dass es in unserer Stadt mit dem Bürgerbündnis Buntes Meißen gelungen ist, eine fraktionsübergreifende Begrüßungskultur zu entwickeln und zu pflegen. Hier werden wir uns weiter engagieren, werden Hilfe anbieten und Hilfe vermitteln.

Das Gespräch führte Peter Anderson.

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