Merken
PLUS Plus Riesa

Im Untergrund von Riesa

An der Sachsen-Arena gibt es fünf Meter unterhalb der Straße gerade eine Premiere. Davon profitieren auch die Autofahrer.

 4 Min.
© Sebastian Schultz

Riesa. Ein Mord? Ein Bombenfund? Ein Unfall? Autofahrern an der Sachsen-Arena dürfte alles Mögliche durch den Kopf gehen, wenn sie am Straßenrand Männer in weißen Schutzanzügen im Scheinwerferlicht hantieren sehen. Was die tatsächlich treiben, können die Vorbeikommenden nicht beobachten. Denn das spielt sich in fünf Meter Tiefe unter Fahrbahn, Fußweg, Wiese ab. Dort lässt die Stadt eine Hauptschlagader des Abwassersystems sanieren – mit einem Verfahren, das so deutschlandweit erstmals zum Einsatz kommt.

Und deswegen sind die Männer nicht nur tagsüber zugange, sondern auch mal am späten Abend im Licht von LED-Technik. Denn sie kleiden eine unterirdische Röhre, durch die ein Kind bequem durchlaufen könnte, mit einem neuartigen Kunststoffschlauch aus. Der wird auf einem Hänger angeliefert, dann Stück für Stück in die 80 Jahre alte Betonröhre hinabgelassen und aufgeblasen. Der mit Kunstharz getränkte Schlauch schmiegt sich an die vorhandene Betonwand an – und muss dann schnell weiter verarbeitet werden. Dazu kommt ein merkwürdiges kniehohes Gefährt zum Einsatz, das fast nur aus Stahlrohren, Kunststoffrädern und Lampen zu bestehen scheint. Es fährt langsam durch die Röhre – und härtet das Material durch UV-Licht aus.

Gesundheit und Wellness
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de
Gesundheit und Wellness auf sächsische.de

Immer gerne informiert? Nützliche Informationen und Wissenswertes rund um das Thema Gesundheit und Wellness haben wir in unserer Themenwelt zusammengefasst.

Chirurgischer Eingriff

„Dieses Sanierungsverfahren wird in dieser Konstellation erstmalig in Deutschland ausgeführt“, sagt Heiko Zscheile vom Riesaer Ingenieurbüro IBZ. Er betreut im Auftrag der Stadt die Arbeiten im Untergrund und ist dabei selbst ein Stück begeistert. „Durch das Verfahren sparen wir uns das Aufgraben und damit Zeit und viel Geld“, sagt der Ingenieur. 750 000 Euro mehr hätte die Baumaßnahme gekostet, wenn man sie klassisch mit Bagger und Baugrube angegangen wäre – und nicht quasi chirurgisch durch die Zugangsschächte. Von den Auswirkungen auf den Verkehr ganz zu schweigen. So müssen Autofahrer auf der Pausitzer Straße derzeit eine kurze Umleitung an der Arena vorbei nehmen. Im klassischen Fall hätte der Bau rund fünf Monate länger gedauert – und wesentlich mehr Behinderungen gebracht.

So kommt man mit kleinräumigen Sperrungen an den Stellen aus, wo die Arbeiter in den Schutzanzügen über die Einstiegsschächte zu ihrem Einsatzort gelangen. Über die Schächte muss auch das Material nach unten – nicht ganz einfach. Die Modernisierung ist allerdings nötig: Damit wird der sogenannte Hauptsammler 17 abgedichtet und stabilisiert – und zwar gleich für die nächsten 50 Jahre. Und die unsichtbare Röhre ist enorm wichtig für die Stadt.

Dort landen die Abwässer aus Toiletten und Waschbecken in weiten Teilen der Stadt: Der knapp drei Kilometer lange Kanal verläuft von der Meißner Straße über den Mergendorfer Weg, weiter durch die Pausitzer Delle und das Gelände des ehemaligen Aropharmwerks bis zur Lommatzscher Straße. 1935 gebaut, wurde er später noch bis zur Rostocker Straße in Höhe Riesapark verlängert und entwässert damit ein Gebiet von Weida bis Altriesa.

Abwasserkanäle trockengelegt

Während die Arbeiter in einem der größten Abwasserkanäle der Stadt zugange sind, muss es dort natürlich trocken zugehen – deswegen wird das derzeit anfallende Abwasser mit einem oberarmdicken Schlauch vor dem zu sanierenden Abschnitt aus dem Kanal zur Erdoberfläche gepumpt, über Wiese, Fahrbahn und Parkplatz weiter geleitet, um später wieder nach unten zurück in den Kanal zu gelangen.

Das klappt zwar mit dem normal anfallenden Abwasser – tagsüber etwa 100 Liter pro Sekunde, früh und abends, wenn die Leute duschen gehen, etwas mehr. Aber bei einem richtigen Regenguss wäre die Umleitung überfordert. Dann muss die Röhre im Untergrund wieder geöffnet werden – und die Arbeiter der Rohrsanierungs-Firma Aarsleff mit Hauptsitz nahe Nürnberg müssen pausieren.

Weiterführende Artikel

Riesa: Kanalisation durchkreuzt Solarpark-Pläne

Riesa: Kanalisation durchkreuzt Solarpark-Pläne

Auf dem einstigen Aropharmwerk-Gelände soll ein Sonnenkraftwerk entstehen. Wegen einer Abwasserleitung muss es kleiner werden.

Deshalb beobachten sie jetzt sehr genau den Wetterbericht und planen immer nur wenige Tage im Voraus. Ende November soll an der Arena alles fertig sein. „Das klappt nur, weil die Kunststoffröhre so schnell fest wird und wieder nutzbar ist“, sagt Heiko Zscheile. So braucht man für 300 Meter im Untergrund auch nur so viel Zeit, wie man für 30 Meter mit Aufgraben kalkuliert. Auch der Baupreis pro Meter liegt bei einem Zehntel der üblichen Summe – und das ist für Autofahrer an der Arena wohl allemal einen Hingucker wert.

Mehr zum Thema Riesa