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Im Wald ein Glückspilz

Stefan Zinke ist der jüngste Pilzsachverständige Ostsachsens. In der Dresdner Heide findet er Abendessen und gefährliche Doppelgänger.

Von Anna Hoben

Der Giftzwerg kommt scheinbar harmlos daher: kurzer Stiel, am Hut so breit wie ein Daumen, gelbe Farbe, hübsche, runde Form. „Was bist du denn?“, fragt Stefan Zinke und hält sich den unscheinbaren Pilz dicht unter die Nase. „Oh“, sagt er, es klingt überrascht, „ein Gifthäubling“. Doppelgänger des essbaren Stockschwämmchens, zu erkennen vor allem am silbrig überfaserten Stiel. Und eben am angenehmen, intensiv mehligen Geruch.

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So ist das im Wald: Nichts ist, wie es scheint, das Gute hat immer auch einen bösen Doppelgänger, und der Teufel steckt im Detail. Ein bisschen wie im Märchen.

Vielleicht ist es das, was Stefan Zinke an Pilzen fasziniert. So genau kann der 32-Jährige das selber gar nicht benennen. Fest steht: Wenn er sich für etwas begeistert, dann richtig, eine Sache nur mit halbem Herzen zu betreiben, kommt für ihn nicht infrage. Los ging es schon als Kind, da war er vier oder fünf. Mit seinen Eltern ging er oft in den Wald, Pilze sammeln. Am Heller, in der Heide, Richtung Radeberg. „Die üblichen fünf oder sechs Röhrlinge.“ Später vertiefte er sich in weitere Röhrlingsarten, irgendwann kannte er 30 oder 40 Arten. Als Jugendlicher verfolgte er sein Hobby weiter. Anders als die gleichaltrigen Jungs konnte er mit Fußball wenig anfangen. Nach der Schule spielte er Computer – oder ging in den Wald, zu den Pilzen.

Heute ist Stefan Zinke der jüngste Pilzsachverständige in Ostsachsen. Es gibt noch zwei in seinem Alter, dann kommt lange niemand, dann kommen die um die 50, und dann ganz viele Rentner. Nach dem Studium der Lebensmittelchemie rief er seinen Mentor an und erzählte von seinem Wunsch, Sachverständiger zu werden. Schön, sagte der, denn auch in Pilzberaterkreisen herrscht Nachwuchsmangel. Das war 2006. Der ältere Kollege nahm den jüngeren mit zu Pilzwanderungen, und irgendwann sagte er: „Sie wissen genug.“

Daraufhin ging Zinke alleine los, er sammelte und bestimmte, und wenn es nicht auf Anhieb klappte mit dem Bestimmen, brachte er den Pilz zu befreundeten Pilzsachverständigen. Sechs Jahre sammelte und lernte er in Eigeninitiative – ein zweites Studium nach dem Studium. 2012 machte er die Prüfung, mit der er sich zum Sachverständigen qualifizierte. Eine Dreiviertelstunde Grundlagen-Theorie: Was ist der Unterschied zwischen Schlauchpilzen und Ständerpilzen? Wie vermehren sie sich? Dann eine halbe Stunde Praxis: ein Tablett mit 30 oder 40 Pilzen, die er sicher bestimmen musste. Und dann: Herzlichen Glückwunsch, Prüfung bestanden.

Ein Tag im Frühherbst 2014. Es ist nicht zu warm und nicht zu kühl, noch halten die dunklen Wolken am Himmel den Regen zurück. Ein guter Tag, um in den Wald zu gehen. Los geht es auf dem Parkplatz am Fischhaus, am Rand der Dresdner Heide. Zinke hat Wanderschuhe und Regenjacke an, ein mit Zeitungspapier ausgelegtes Körbchen in der Hand, um seinen Hals baumelt eine Lupe – manchmal reichen die bloßen Augen nicht aus zur Bestimmung. Mit den langen schwarzen, zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren hat der Pilzsammler etwas von einem Indianer.

Die erste Entdeckung wächst an einem umgekippten Baumstamm gegenüber den parkenden Autos: ein Buchenstachelbart, „relativ selten“, sagt Stefan Zinke. Und schmackhaft: „Einfach zwei bis drei Minuten in Butter braten.“ Ein Stück Brot dazu, weiter nichts, das wäre die Mahlzeit der Wahl für den Pilzexperten.

Dann geht es hinein in den Wald. Der Soundtrack zum Pilzesammeln: leises Vogelgezwitscher, plätschernder Bach, raschelnde Blätter. Das vergangene Jahr war kein gutes Pilzjahr, viel zu lange war es viel zu trocken. Und dieses Jahr? „Sehr merkwürdig“, sagt Stefan Zinke. Anfangs gab es gar nichts, wieder waren Mai und Juni extrem trocken. Schließlich ein ziemlich nasser August, „das war der Knackpunkt.“

Am liebsten geht Stefan Zinke morgens in den Wald. Zurzeit ist der Lebensmittelchemiker arbeitslos – viel Zeit also für das Hobby: sammeln, bestimmen, kartieren. In Internetforen tauscht er sich mit anderen Pilzliebhabern aus.

Da hat er auch seinen Mannheimer Pilzfreund kennengelernt, der bald nach Dresden kommen will, wegen des Ritterlings, oder seinen Reutlinger Pilzfreund, den er in Süddeutschland besucht hat, wo die Pilzlandschaft ganz anders aussieht als in Sachsen.

Es muss nicht immer der Wald sein. Manchmal fährt Stefan Zinke in den Großen Garten. „Da gibt es auch schöne Pilze.“ Und immer wieder Neues zu lernen.
300 Arten kann er bestimmen, 200 muss ein Sachverständiger kennen. Doch anstatt stolz auf sein Wissen zu sein, bleibt Zinke bescheiden: „Es gibt Leute, die können 1 000 Arten bestimmen.“ Selbst das ist nur etwa ein Fünftel der Arten, die es in Sachsen gibt. Und es kommen ständig neue dazu. Beispiel Rotfußröhrling: Vor zehn Jahren war das noch eine Art, heute unterscheidet man fünf bis sieben Unterarten.

Einen davon hält Stefan Zinke jetzt in der Hand. „Endlich ein Röhrling, sehr schön.“ Die übrigen sind wohl schon von anderen Sammlern abgegrast worden. Das Exemplar ist ein älteres und deshalb nicht genießbar; um es genau zu bestimmen, schneidet Zinke es mit seinem Schweizer Taschenmesser einmal in der Mitte durch. Die aufgeschnittene Fläche läuft blau an, und der Experte hat natürlich Recht gehabt: Es handelt sich um einen sogenannten stark blauenden Rotfußröhrling.

Die Körbchen-Bilanz nach zwei Stunden: ein paar wenige schmackhafte Speisepilze, eine Mahlzeit ist das noch nicht. Dafür hat Stefan Zinke ein paar seltene Exemplare gefunden, die er für eine Pilzausstellung brauchen kann. Seine Sammelwut hört lange nicht beim Essbaren auf.

Pilzberater Stefan Zinke:  0160 3045977.