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Im Wartezimmer ballt sich die Unsicherheit

Susanne E. tut momentan etwas, was sie sonst nie tut. Sie notiert sich akribisch Termine. „Man muss ja plötzlich an so viel denken, und ich will nichts vergessen“, erklärt die 58-Jährige ihr Verhalten....

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Von Carola Lauterbach

Susanne E. tut momentan etwas, was sie sonst nie tut. Sie notiert sich akribisch Termine. „Man muss ja plötzlich an so viel denken, und ich will nichts vergessen“, erklärt die 58-Jährige ihr Verhalten. Die Sachbearbeiterin fühlt sich durch die Gesundheitsreform getrieben, sagt sie. Was heißt, sie müsse im letzten Quartal des Jahres noch Hausarzt, Zahnarzt, Augenarzt aufsuchen, denn: „Ab kommendem Jahr kostet das doch alles richtig Geld.“

So wie Frau E. denken derzeit offenbar viele. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) hält man sich jedoch bedeckt. Die Wartezimmer insbesondere bei Hausärzten seien zwar momentan sehr voll, bestätigt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVS, Klaus Heckemann, der SZ. Jedoch sei das auf Grund der Witterung in dieser Jahreszeit nichts ganz Außergewöhnliches.

Auch der Sprecher der 4 500 Zahnärzte in Sachsen, Thomas Breyer, will nicht jenen Recht geben, die buchstäblich einen Ausnahmezustand in Zahnarztpraxen beschreiben. Selbst niedergelassener Zahnarzt in Meißen, beobachte er freilich auch, „dass zurzeit mehr los ist als sonst“. Patienten müssten nicht in Panik verfallen, beruhigt er. Zum einen gelte 2004 auch bei Zahnersatz noch die Regelung wie bislang. Außerdem müssten 2005 alle eine Pflichtversicherung für Brücken und Kronen abschließen. „Und die Leistungen werden dann in gleichem Umfang und gleicher Qualität geboten“, sagt er. Dennoch lassen weder Hecke mann noch Breyer einen Zweifel daran, dass sie die neuen Regelungen für wenig glücklich halten.

Ärzte leisten die nötige Aufklärungsarbeit

In Arztpraxen wird der Frust auf beiden Seiten deutlicher. Der Dresdner Zahnarzt Peter Schneider aus Löbtau hat derzeit volle Wartezimmer. Das Hauptproblem sieht er darin: „Die Patienten sind durch die Gesundheitsreform völlig verunsichert. Wir müssen sie beruhigen und aufklären“, sagt er. Das größte Ärgernis sei die geplante Praxisgebühr. „Wir treiben das Geld für die Krankenkassen ein. Das gibt endlose Bürokratie.“

Irina Horn, Arzthelferin in Großenhain, könnte explodieren bei diesem Thema. Im Wartezimmer werde geschimpft wie noch nie. Glücklicherweise habe sich bei den meisten Patienten jetzt die Erkenntnis durchgesetzt, dass nicht der Arzt der Erfinder und Nutznießer der Praxisgebühr sei. „Das war nicht immer so.“

Sie gehe davon aus, dass manche Patienten, die jetzt kämen, hofften, sie könnten Medikamente horten, um sich ein-zwei Praxisgebühren zu ersparen, sagt sie.

Geldkartenleser-Vertreter neue Gäste in den Praxen

„Das funktioniert natürlich nicht“, versichert die engagierte Frau. Doch sie ist wütend, dass „wir es sind, die das immer wieder erklären müssen, obwohl wir auch nur von Informationen aus den Medien leben“. An den bürokratischen Aufwand mit den Gebühren will sie lieber noch gar nicht denken, obwohl sie eigentlich an nichts anderes denken kann. „Laufend stehen Vertreter hier bei uns, die uns EC-Kartenlesegeräte anbieten wollen.“

Auch Schwester Anita in der Augenarztpraxis in Neustadt/Sachsen lässt die Chefin lieber arbeiten und erklärt resolut: „Außer in akuten Fällen haben wir in diesem Jahr keine Termine mehr.“ So etwas gab es noch nie. Wer nur eine Augenuntersuchung wünsche, um sich noch eine Brille machen zu lassen, werde an Optiker verwiesen oder auf das nächste Jahr vertröstet. Das alles sei so unbefriedigend, sagt sie und: „Wer sich so etwas ausdenkt…“