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Im Zick-Zack nach Radeberg

Die Staatsstraße 177 ist eine Dauerbaustelle mit vielen Hindernissen. Eine Fahrt von Pirna in die Bierstadt.

© Thorsten Eckert

Von Marleen Hollenbach

Eng ist die Straße. Ein großer Laster quält sich den steilen Berg hoch. Der Transporter dahinter drängelt. Immer wieder startet er einen Überholversuch. Doch die steilen Kurven machen es unmöglich, am Laster vorbeizukommen. Das wissen auch die Fahrer der Pkws. Aufgefädelt wie die Perlen an einer Kette schleichen sie hinterher. Viele von ihnen sind auf dem Weg zur Arbeit. Eine halbe Stunde haben sie eingeplant. Doch wie lange die Fahrt von Pirna nach Radeberg dieses Mal dauert, wissen sie nicht. Unweit der Straße arbeitet eine ältere Frau in ihrem Garten. Als der Tross an ihr vorbeirollt, blickt sie kurz auf, schaut verärgert. Dann widmet sie sich wieder ihren Blumen.

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Kurz nach Rossendorf wartet eine Holperpiste auf die Autofahrer. Dieser Abschnitt wird bald saniert.
Kurz nach Rossendorf wartet eine Holperpiste auf die Autofahrer. Dieser Abschnitt wird bald saniert. © Thorsten Eckert
Wer auf der S 177 von Pirna nach Radeberg fahren möchte, der braucht gute Nerven. Beinahe täglich ändert sich die Verkehrsführung. Auch SZ-Reporterin Marleen Hollenbach ist auf dieser Strecke unterwegs. Mit Geduld und Konzentration. Foto: Thorsten Eckert
Wer auf der S 177 von Pirna nach Radeberg fahren möchte, der braucht gute Nerven. Beinahe täglich ändert sich die Verkehrsführung. Auch SZ-Reporterin Marleen Hollenbach ist auf dieser Strecke unterwegs. Mit Geduld und Konzentration. Foto: Thorsten Eckert © Thorsten Eckert
Gleich hinter Bonnewitz staut sich der Verkehr. Eine Bauampel ist der Grund.
Gleich hinter Bonnewitz staut sich der Verkehr. Eine Bauampel ist der Grund. © Thorsten Eckert

Alltag auf der Staatsstraße 177 zwischen Pirna und Radeberg. Und ich bin mittendrin. Es ist eine Fahrt durch kleine Dörfer, an saftigen Wiesen und umgeackerten Feldern vorbei. Idyllisch könnte man meinen. Doch wer als Pendler zwischen Pirna und Radeberg unterwegs ist, der passiert eine der größten Dauerbaustellen der Region. 210 Millionen Euro wird der Ausbau der S 177 insgesamt kosten. Der Freistaat blickt hoffnungsvoll auf die neue Ortsumfahrung, welche die A 17 mit der A 4 verbinden soll. Doch noch ist das Zukunftsmusik. Baustellen, zahlreiche Ampeln und immer neue Verkehrsschilder prägen das Bild. Aufmerksam muss sein, wer hier noch durchsehen will. Auch ich habe so meine Probleme. Über die Sachsenbrücke gelange ich zur Staatsstraße. Ab jetzt verläuft die Fahrbahn einspurig. Der Schilderwald beginnt. Ich bremse auf 60 Kilometer pro Stunde ab. Auf der neuen Straße rollt mein Fahrzeug wie von allein. Es ist ein kleiner Vorgeschmack. Kaum auszudenken, wie es wäre, auf dieser Trasse bis nach Radeberg düsen zu können. 2018 soll es so weit sein. Ich drehe das Radio an, träume von kurzen Arbeitswegen. Doch lange in Gedanken schwelgen kann ich nicht. Schon nach fünf Minuten Fahrtzeit ist meine Aufmerksamkeit gefragt. Nach einer steilen Linkskurve geht es über eine von vielen Brücken, die im Zuge des Ausbaus der S 177 entstehen.

An der nächsten Kreuzung biege ich rechts ab. „Radeberg“ steht in großen Lettern auf dem Schild. Das macht Hoffnung. Bis ich aber die Bierstadt erreiche, warten noch viele Hindernisse auf mich. Die enge Straße in Bonnewitz kann man sehr wohl als erste Hürde bezeichnen. Der Verkehr ist ins Stocken geraten. Der Grund: Ein Laster möchte den steilen Berg nach unten, einer nach oben fahren. Aneinander vorbei passen sie nur, wenn sie beinahe auf die Grundstücke der Bonnewitzer ausweichen. Zentimeter für Zentimeter schieben sie sich vorwärts. Eine Geduldsprobe für alle Beteiligten. Während ich hinter dem Laster darauf warte, dass die Fahrt weitergehen kann, beobachtet Carola Tiepmar das Geschehen vom Küchenfenster aus. An den Wochentagen ist der Lärm vor ihrem Haus beinahe unerträglich. „Ich kann das Fenster kaum öffnen. Und mich einfach mal nach draußen setzen, ist auch nicht drin“, erklärt die Bonnewitzerin. Sie und ihr Mann zählen schon die Tage. Im Oktober soll der Abschnitt bis Wünschendorf abgeschlossen sein. Dann rollen die Fahrzeuge nicht mehr durch den Ort, sondern daran vorbei. „Wir sind optimistisch. Schlimmer kann es sowieso nicht mehr werden“, sagt Carola Tiepmar.

Bauampeln und Schlaglöcher

Noch schlimmer wird es allerdings für mich. Ein Traktor mit Anhänger ist offenbar von Bonnewitz nach Wünschendorf unterwegs. Die steilen Kurven hinauf schafft er nur zehn Kilometer pro Stunde. An der berühmten 180-Grad-Kurve sind es sogar noch weniger. Zu Fuß wäre man jetzt wahrscheinlich schneller. Ich schaue auf die Uhr. Schon fünfzehn Minuten bin ich unterwegs. Hinter einem Waldstück wird der Blick auf die riesige Baustelle frei. Bagger fahren hier ohne Unterlass. Eine Brücke ist fertig. Passieren kann man sie aber nicht. Die Anbindung an eine Straße fehlt. Stattdessen geht es eine Behelfsstraße abenteuerlich hinauf und wieder herunter.

Danach heißt es für mich wieder einmal warten. Jetzt ist es eine Bauampel, die mich an der Weiterfahrt hindert. Circa fünf Minuten darf der Gegenverkehr die Straße passieren, dann sind wir an der Reihe. Wünschendorf ist das Ziel. Eine Fahrradfahrerin tritt kräftig in die Pedale. Gefährlich nah fährt ein Transporter an ihr vorbei. Von Weißig kommend ist die Frau in Richtung Dürrröhrsdorf/Dittersbach unterwegs. „Der Radweg Schönfelder Hochland ist bei Familien besonders beliebt“, sagt sie. Vor allem am Wochenende kreuzen unzählige Fahrradfahrer die Straße in Wünschendorf. Sie alle hoffen auf die Ortsumgehung, damit der Weg schon bald ein wenig sicherer wird.

Ich bremse ab, warte, bis die Radfahrerin die Straße überquert hat. Dann gebe ich Gas. Noch zwei Dörfer muss ich passieren. Die Uhr läuft gegen mich. Will ich es pünktlich schaffen, darf jetzt nichts mehr dazwischenkommen. In Eschdorf rollt der Verkehr. Keine Ampel, keine Staus, keine Traktoren. Ich atme auf. Das Gleiche gilt für Rossendorf. Auch hier komme ich gut voran. Nach der Kreuzung mit der Bundesstraße 6 am Schänkhübel in Rossendorf wird es allerdings noch einmal haarig.

Eine echte Huckelpiste gibt es hier, ein Schlagloch nach dem anderen. Zumindest das wird sich in absehbarer Zeit ändern. Weil die Ortsumgehung auf sich warten lässt, soll der Abschnitt saniert werden. Das versprach neulich Staatssekretär Roland Werner (FDP). Noch einmal kracht es leise. Dann haben es mein Auto und ich geschafft. Ab Großerkmannsdorf kann ich schon auf der neuen S 177 fahren. Zweispurig sogar. Bis zum Radeberger Krankenhaus gebe ich Vollgas. Die verlorene Zeit aber ist nicht mehr aufholbar. Das Resultat: 40 Minuten Fahrtzeit und zehn Minuten Verspätung. Der Chef wird es verstehen.