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Im Zweifel muss der Baum fallen

Lars Morgensterns Revier ist der Wald. Er erklärt, warum am Löbauer Berg so viele Bäume weg mussten.

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Von Carina Brestrich

Für Lars Morgenstern ist die Sache schnell klar. Mit einem Handgriff zieht er die Farbdose aus seiner Hosentasche, schüttelt sie kurz und kräftig. Dann verpasst der Revierförster der Buche einen roten Strich. Nur wenige Zentimeter von der grellroten Farbe entfernt, ist erkennbar warum: Der Stamm des Baumes ist kurz über dem Boden verletzt. Die Rinde fehlt, dunkle Flecken machen sich auf dem blanken Holz von unten her breit: „Das ist die Weißfäule“, erklärt der Mitarbeiter vom Staatsbetrieb Sachsenforst. Eine Gefahr für den Baum – und Spaziergänger.

Immerhin steht die Buche an einem gut besuchten Platz. Direkt neben dem Wanderparkplatz an der Fernsehturmstraße, der rauf zum Fernsehturm auf den Löbauer Berg führt, ragt sie in die Höhe. Auf den ersten Blick sieht sie gesund aus. Und trotzdem muss sie umgesägt werden, erklärt Lars Morgenstern. Denn was ist, wenn die Fäule sich im Inneren schon so weit vorgearbeitet hat und der Baum irgendwann umfällt? Und wer übernimmt die Verantwortung, wenn er dann Schaden an einem parkenden Auto oder gar einem Wanderer anrichtet?

Die Rechtssprechung hat darauf in den vergangenen Jahren eindeutige Antworten gefunden. Während früher die Waldnutzer noch mehr selbst in der Verantwortung waren, gibt es inzwischen zahlreiche Gerichtsurteile, die zuungunsten des Waldbesitzers ausgefallen sind, erklärt Cyrill Schulze, Referent der Stabsstelle Privat- und Körperschaftswald beim Staatsbetrieb Sachsenforst. Denn gesetzlich ist es heute so: „Stehen die Bäume an einem öffentlichen Weg oder Platz, muss sich deren Besitzer darum kümmern, dass durch seine Bäume andere nicht zu Schaden kommen können“, erklärt Scholze.

Alles unter Kontrolle

Abgesichert hat sich der Waldbesitzer auch im Falle der Buche und der benachbarten Bäume: Die Stadt Löbau, der der frisch besprühte Baum und ein Großteil des Waldes am Löbauer Berg gehören, hat den Staatsbetrieb Sachsenforst mit der Kontrolle der Bäume beauftragt. Mindestens zweimal im Jahr prüfen Lars Morgenstern und seine Kollegen die Bäume am Löbauer Berg. Unter Berücksichtigung der geltenden Gesetze sprechen sie dann der Stadt Empfehlungen aus, um welche Bäume es kritisch aussieht und wie schnell sie wegmüssen.

So ist das auch an der Auffahrt zum Honigbrunnen passiert. Mehrere Hundert Bäume wurden dort zu Beginn des Monats links und rechts des Weges gefällt, weil sie nach Angaben von Revierförster Morgenstern morsch waren oder andere Schäden hatten. Unter den Löbauern hatte die Fäll-Aktion für Entrüstung gesorgt. Immerhin hatten die Sägen innerhalb kurzer Zeit eine breite Schneise am Berg hinterlassen.

Lars Morgenstern hat für diesen Unmut sogar Verständnis. Denn schließlich bedeutet der Wald für die Löbauer ein Stück Heimat und ist daher ein sensibles Thema. Das bekommt Morgenstern, der derzeit rund 1 750 Hektar Wald für die Stadt betreut, bei seiner Arbeit im Wald deutlich zu spüren. „Natürlich werde ich hin und wieder angesprochen, wenn ich bei meinen Touren auf Spaziergänger treffe“, erzählt er. Meist wissen die Leute dann schon, was es bedeutet, wenn er die Sprühdose in der Hand hält. „Klar können sie nicht unbedingt erkennen, warum der Baum ein Risiko sein soll.“

Genau das wiederum ist Lars Morgensterns Job. Was der Laie nicht unbedingt sieht, erfasst der Forstingenieur innerhalb weniger Augenblicke. Blitzschnell wandern seine Augen vom Boden hinauf in die Krone. „Schauen Sie mal, diese Quetschfalte hier“, sagt Morgenstern und zeigt auf die nächste Buche nur wenige Schritte von der anderen entfernt. Tatsächlich zeichnet sich in der Rinde eine Schwulst ab. „Das ist der perfekte Nährboden für Fäule oder Pilze“, sagt er. Obendrein sind bereits einige trockene Äste in der Krone abgebrochen. Auch diesmal also ist die Sache klar.

Weniger klar ist dagegen, wie wahrscheinlich es ist, dass wirklich irgendwann Teile des Baumes abbrechen oder der Baum ganz umkippt. Aber Wahrscheinlichkeiten sind für den Revierförster egal. „Im Zweifel muss der Baum fallen, wenn er gefährlich ist oder es werden könnte“, sagt er. Freilich könne er nicht in die Bäume hineinschauen, und sicher kann ein Baum hinter einer Faulstelle an der Oberfläche völlig in Ordnung sein. „Aber keiner kann ausschließen, dass nicht doch mal was passiert.“

Mehr als 40 sichtbare Anzeichen zwischen Wurzel und Krone zählt der Sachsenforst auf. Anzeichen, die darauf hindeuten, dass der Baum irgendwann zu einer Gefahr werden kann. Meist handelt es sich um Schäden im Stamm- und Wurzelbereich, erklärt Morgenstern. So sind Wucherungen oder Verletzungen in der Rinde ein schlechtes Zeichen. Auch Pilze, Misteln und tote Äste deuten darauf hin, dass etwas mit dem Baum nicht stimmt. Selbst ein Stamm mit Schieflage und Vergabelungen sind kritisch: „Gerade bei Schnee besteht das Risiko, dass unter der Last Äste abbrechen“, so der Revierförster.

Neben der Buche mit Weißfäule und der mit der Quetschfalte kommen in den nächsten Wochen noch einige weitere Bäume am Löbauer Berg im Bereich des Fernsehturms weg. Allerdings handelt es sich insgesamt nur um einige wenige Bäume, sagt Lars Morgenstern. Dass so viele Bäume gefällt werden müssen, wie an der Auffahrt zum Honigbrunnen, das ist selbst für ihn eine Seltenheit. „So oft zücke ich die Farbdose sonst nicht.“