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Hoyerswerda

Immer auf Augenhöhe

Philipp Schwabe bringt sich als Schulsozialarbeiter in der Wittichenauer Oberschule mit vielen Ideen ein.

Philipp Schwabe ist seit April 2019 Schulsozialarbeiter in der Korla-Awgust-Kocor-Oberschule Wittichenau. Dort bringt er sich mit vielen Ideen ein. Dort arbeitet er mit Schülern, Lehrern, Schulleiterin und Eltern intensiv zusammen.
Philipp Schwabe ist seit April 2019 Schulsozialarbeiter in der Korla-Awgust-Kocor-Oberschule Wittichenau. Dort bringt er sich mit vielen Ideen ein. Dort arbeitet er mit Schülern, Lehrern, Schulleiterin und Eltern intensiv zusammen. © Foto: Andreas Kirschke

Wittichenau. Verblüffend echt flimmerte die „Tagesschau“ auf dem Fernseh-Bildschirm. Schüler verlasen als Nachrichtensprecher Meldungen aus aller Welt. Zum Tag der offenen Tür in der Korla-Awgust-Kocor-Oberschule Wittichenau brachte sich die Gruppe Ganztagsangebot „Film und Video“ rege mit ein. „Wir stellten unsere Inhalte vor. Jeder zog dabei mit. Das Interesse für das Ganztagsangebot ist enorm. 24 Schüler meldeten sich zum Schuljahres-Beginn an. Es gibt jetzt eine jüngere Gruppe mit Schülern der 5. bis 7. Klassen und eine ältere Gruppe mit Schülern der 8. bis 9. Klassen“, freut sich Philipp Schwabe über den starken Zuspruch. Seit April 2019 ist der 31-jährige gebürtige Wittichenauer vor Ort als Schulsozialarbeiter tätig. Finanziert wird die Stelle vom Freistaat Sachsen durch die Förderrichtlinie Schulsozialarbeit. Träger der Stelle ist die gemeinnützige Mrs.-Nikovich-Stiftung zur Förderung der Kinder- und Jugendarbeit in Wittichenau.

Projektarbeit ist breit gefächert

Großes Glück kann so klein sein

Hellwach oder im lieblichen Schlummer zeigen sich die süßen Babys. In unserer Themenwelt Stars im Strampler gibt es den Nachwuchs zu sehen.

„Schulsozialarbeit ist breit gestreut“, erklärt Philipp Schwabe. Sie besteht aus den Bereichen der Einzelfallhilfe, der sozialen Gruppenarbeit, der Konflikthilfe und der Netzwerkarbeit. Gerade die soziale Gruppenarbeit, so verdeutlicht er, kann mit vielfältigen Projekten kreativ und schülerorientiert gestaltet werden. Die Projektarbeit ist breit gefächert zum Beispiel durch Medien-, Demokratie-, Sport- und soziale Projekte. Die Schule, so betont Philipp Schwabe, gibt als Institution den Schülern klare Regeln, Strukturen und Grenzen vor. Diese können durchaus den Schülern Halt und Orientierung geben. Schulsozialarbeit setzt mit den Prinzipien der Freiwilligkeit, der Lebensweltorientierung, Niedrigschwelligkeit und der Beteiligung der Schüler ihrerseits Schwerpunkte. „Sie kann somit einen anderen Zugang zu Schülern am Lebensort Schule eröffnen.“

In Wittichenau wuchs der junge Katholik auf. Nach dem Besuch der Krabat-Grundschule Wittichenau legte er im Lessing-Gymnasium in Hoyerswerda sein Abitur ab. 1998 wurden in Wittichenau die Pfadfinder gegründet. „Ich selbst kam 2002 dazu“, erzählt Philipp Schwabe. Begeisterung in ihm weckte vor allem Betreuer Mario Berthold. Er konnte Jugendliche mitreißen, ihnen Verantwortung und Eigenständigkeit geben. „Mit ihm bin ich zum Beispiel einen Monat durch Kanada gewandert zur Westküste der Rocky Mountains und nach Vancouver. Ich war auch oft im Harz oder in der Sächsischen Schweiz“, erzählt der Schulsozialarbeiter. „Mit anderen Pfadfindern bin ich zwei Wochen durch Norwegen gewandert.“ Diese Offenheit für das Leben hat sich tief in ihm eingeprägt. Das Feuer und die Leidenschaft aus der Pfadfinder-Zeit brennen noch immer.

Nach dem Abitur studierte Philipp Schwabe zunächst an der Berg-Akademie Freiberg Wirtschaftsingenieurwesen. Dabei spürte er: Das liegt zu weit weg vom Menschen. So studierte er Soziale Arbeit an der Hochschule Zittau/Görlitz. Praktika absolvierte er im katholischen Kindergarten Jakubetz-Stift in Wittichenau und bei der Landesarbeitsstelle für Schulsozialarbeit in Dresden. Dort reifte sein Wunsch, später mit Schülern zu arbeiten.

Hilfe im Einzelfall

Die Stelle in seiner Heimatstadt in der Oberschule sieht er als Glücksfall und als gute Fügung an. Vielfältig sind die Aufgaben vor Ort. Ganz oben steht Hilfe im Einzelfall. „Das fängt bei kleineren Problemen an wie schlechte Noten, Streit mit Mitschülern, Streit mit den Eltern, Liebeskummer. Auch diese Probleme nehme ich ernst. Größere Probleme entstehen dann bei selbstverletzendem Verhalten oder bei längerem schuldistanzierten Verhalten“, unterstreicht Philipp Schwabe. Feinfühlig hört der 31-Jährige zu. Sorgfältig achtet er auf die Zwischentöne. Vertrauen braucht Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen. Jeder Schüler, so betont er, verdient Respekt und Achtung. Manchmal, so Philipp Schwabe, sind „dicke Bretter“ zu bohren.

Schüler testeten „Wahl-O-Mat“

Eng arbeitet er mit dem Schülerrat, mit Schulleiterin Ines Lesche und mit Vertrauenslehrer Ralf Coburger zusammen. Kontroverse Themen scheut er nicht. Zur Kommunal-Wahl im Mai 2019 und zur Landtagswahl im August 2019 testete er mit den Schülern den „Wahl-O-Mat“. Dort gab es Argumente pro und contra. Dort lernten die Schüler, kontrovers zu diskutieren. „Das war sehr bereichernd“, meint der Schulsozialarbeiter zurückblickend.

Im September 2019 nahm er mit Schülern an der sachsenweiten Initiative „genial-sozial – lokal“ der Sächsischen Jugendstiftung teil. Einen Tag lang tauchten die Schüler der 8. und 9. Klassen in verschiedene Berufe ein wie Verkäufer im Supermarkt, Friseur, Altenpfleger, Krankenpfleger und Hausmeister. Der symbolische Lohn summierte sich auf insgesamt 3.000 Euro. Davon wollen die Schüler jetzt 930 Euro an die Hoyerswerdaer Tafel spenden. Einige von ihnen, so erzählt Philipp Schwabe, halfen bereits bei der Tafel mit aus (TAGEBLATT berichtete). Damit stärkten sie ihre soziale Ader. Damit entwickelten sie Solidarität und Mitmenschlichkeit.

Bereits im Juni 2019 nahm die Oberschule an der „48-Stunden-Aktion“ für soziale Zwecke teil. Grundschüler in Wittichenau fertigten zehn Insekten-Hotels an. Einige Oberschüler wiederum strichen die Skater-Rampe am Stadtteich. Damit beseitigten sie Graffiti-Schmierereien. Philipp Schwabe und Doris Altmann als Verantwortliche des Schulklubs begleiteten die Schüler bei der „48-Stunden-Aktion“.

Stark liegt dem Schulsozialarbeiter auch die Geschichtsarbeit am Herzen. So fuhr er 2019 mit Schülern der 9. Klassen in die Gedenkstätte Kreisau in Polen. Am ersten Tag erlebten die Schüler die Brutalität und die Vernichtung im Konzentrationslager anhand einer Ausstellung, anhand eines Filmbeitrages von Zeitzeugen und anhand einer Führung durch das Lager. Am späteren Nachmittag erfuhren die Schüler vom Widerstand des Kreisauer Kreises um Helmuth James Graf von Moltke (1907-1945). Am zweiten Tag wurde in einem Workshop das Erlebte im KZ besprochen. Welche Eindrücke konnten die Schüler gewinnen? Welche Fragen entstanden? Tragen die Jugendlichen eine Schuld? Haben sie eine Verantwortung? Solche und ähnliche Fragen wurden diskutiert, damit die Schüler ihren eigenen Standpunkt entwickeln und festigen konnten.

Eine weitere Exkursion ist geplant

Es folgte eine Führung auf Gut Kreisau. Die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen wurde in einer Ausstellung dargestellt. „So bildete die Exkursion einen Rahmen von Vernichtung, Widerstand und Versöhnung“, sagt Philipp Schwabe. „In Kreisau erlebten wir am dritten Tag die Versöhnungsmesse. Sie prägte sich bei den Schülern ein.“ Philipp Schwabe fühlte sich ermutigt durch die Exkursion. Er hat vor, sich mit den Schülern weiter mit der NS-Geschichte zu befassen. Dieses Jahr soll es mit Schülern der 9. Klassen in die Gedenkstätte Theresienstadt nach Tschechien gehen.