SZ +
Merken

Immer weniger Menschen – und nun?

Der Bevölkerungsrückgang trifft das Heideland besonders. Doch aufgeben gilt nicht, sagen Experten. Die SZ erklärt, warum.

Teilen
Folgen

Von Annett Kschieschan

Immer mehr Häuser für immer weniger Menschen. So lässt sich die Entwicklung im Dresdner Heidebogen zusammenfassen. Die Region, die den westlichen Teil des Landkreises Bautzen und den östlichen Teil des Landkreises Meißen umfasst, wird Prognosen zufolge im Jahr 2025 deutlich weniger als 80 000 Einwohner haben. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es noch 115 000. Parallel dazu wuchsen in den Gemeinden immer neue Häuser. Wohngebiete für Bauwillige wurden ausgewiesen. Während die in vielen Gemeinden recht gut ausgelastet sind, verfallen mehr und mehr Gebäude in den Ortszentren. Dazu streichen Busunternehmen unrentable Busverbindungen. Landärzte finden keine Nachfolger, ebenso wie Ladenbesitzer. Ein unumkehrbarer Trend? Nein, sagen Experten. Ausgehend von der rückläufigen Bevölkerungsprognose für die Heideregion arbeiten sie an Strategien, die das Leben in der Region rund um Königsbrück auch künftig lebenswert erhalten sollen. Die SZ gibt einen Überblick.

Thema Leerstand: Abriss ist nicht der einzige Weg

Es gibt fast nichts Schlimmeres für ein Dorf: Ein verfallener Gasthof mitten an der Hauptstraße, das geschlossene Schulgebäude als Negativ-Blickfang und die verstaubten Schaufenster des verwaisten Tante-Emma-Ladens. Einige solche Anblicke gibt im Dresdner Heidebogen bereits. Es sollen möglichst nicht mehr werden, findet man beim Heidebogen-Management. Hier werden zurzeit Daten zum Leerstand von Gebäuden zusammengetragen. Das Projekt geht aber über die reine Bestandserfassung hinaus. „Wir wollen zeigen, wie man im ländlichen Raum mit Leerstand umgehen kann, was das kostet oder eben auch, was es nicht kosten muss“, sagt Regionalmanagerin Michaela Ritter. Deswegen werden auch positive Beispiele gesammelt. Und die gibt es. So wurde zum Beispiel an der Hüttenstraße in Schwepnitz ein zentral gelegenes und lange ungenutztes Wohnhaus mit Fördermitteln abgerissen. An seiner Stelle wird Stück für Stück ein Festplatz ausgebaut. Ob mit Fördergeld, durch Vereins- und privates Engagement, durch kreative Umnutzungen und nicht zuletzt die regionale Gebäude-Börse kann man dem Leerstand begegnen, sagt die Regionalmanagerin und ermuntert Kommunen, die Recherchen zum Leerstand weiter zu unterstützen. Am Ende sollen alle von den Ergebnissen profitieren.

Thema Daseinsvorsorge: Kombi-

Busse und alternative Schulen

Wer auf dem Land lebt, braucht dieselbe Grund-Infrastruktur wie ein Städter. Anhand eines Modellprojektes, das gegenwärtig in der Region Oberes Elbtal/Osterzgebirge läuft, lassen sich dafür auch Schwerpunkte für die Heideregion aufzeigen. Das Modell geht von vier Pfeilern aus: 1. Wer auf dem Dorf lebt, muss mobil sein und das auch ohne eigenes Auto. Alternative Beförderungskonzepte wie das Rufbus-Modell oder Kombibusse, die Menschen und Produkte transportieren dürfen, könnten hier helfen. 2. Die Bildungschancen im ländlichen Raum dürfen nicht schlechter sein als in der Stadt. Alternative Lernmodelle, die den Erhalt der Schulen sichern, sollten nach Expertenmeinung besondere Beachtung finden. 3. Auch die Älteren, die auf den Dörfern leben, brauchen Perspektiven. Wohnprojekte für Senioren, die Vernetzung von Pflegediensten und Alltagshelfern müssen auf den Weg gebracht oder intensiviert werden. 4. Feuerwehr und Brandschutz müssen gestärkt werden – durch kommunale Planungen, aber auch durch mehr Eigenvorsorge und eine stärkere ehrenamtliche Vernetzung.

Thema Gesundheit: Netzwerk für Senioren auf dem Dorf

Wer auf dem Dorf alt geworden ist, will in der Regel nicht mehr umziehen. Auch wenn er Hilfe braucht. Im Heidebogen wird derzeit getestet, wie ein Gesundheitsnetzwerk im ländlichen Raum funktionieren kann. Das Ziel: Die Koppelung aller an der Versorgung älterer Menschen beteiligten Einrichtungen. Im Idealfall sitzen Hausarzt, Klinikärzte, Pflegedienst und Seniorenbetreuer damit in einem Boot. Individueller kann Hilfe im Alter kaum aussehen. Aber auch diese Perspektive muss noch erprobt werden. „Sie braucht vor allem natürlich Mitstreiter“, sagt Michaela Ritter. Das Geriatrische Netzwerk Radeburg arbeitet für den Test mit ähnlichen Zentren wie dem Pflegenetz Bautzen und dem Geriatrie-Netzwerk Ostsachsen zusammen.

Thema Kultur: Museen

durch Verbund erhalten

Kultur gehört auch aufs Land. Im Heidebogen gibt es etwa 25 Museen. Neben großen Häusern in Kamenz oder Großenhain sind es viele kleine Heimatstuben, die von Ehrenamtlern betrieben werden. Um ihnen die Arbeit leichter zu machen und gleichzeitig mehr Publikum anzulocken, gibt es seit wenigen Wochen einen Museumsverbund im Heidebogen. Konkrete Informationen zu Struktur und Inhalt werden gegenwärtig erarbeitet. Erste Ergebnisse sollen im Januar vorliegen. Ziel des Verbundes ist es, möglichst alle 25 Museen im Heidebogen zu erhalten. „Das Netzwerk macht es leichter, zu werben. Auch Schulungen für die meist ehrenamtlichen Mitarbeiter und museumspädagogische Angebote für Besuchergruppen können gemeinsam leichter organisiert werden“, so Michaela Ritter.

Das Fazit: Modelle für das Heideland brauchen Mitstreiter

Fazit: Bis auf den Museumsverbund, der bereits gegründet wurde, sind alle Konzepte noch in der Erprobungsphase. Sie leben von vielen Mitstreitern, von der Unterstützung durch Kommunen und Ämter, von Ärzten, die sich mit ins Boot holen lassen. Die Regionalplaner vom Heidebogen-Management wissen: Ohne Strategien wie die genannten wird die Region den demografischen Wandel nicht ohne Blessuren überstehen.