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Immer wieder Kraft schöpfen

Erst hat der Sturm das Dach zerstört, dann ein Schwelbrand die Wohnung. Gisela H. gibt trotzdem nicht auf.

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Von Jana Ulbrich

Wenn Gisela H. aus ihrem Küchenfenster sieht, dann reicht ihr Blick weit übers Heide- und Teichland. Sie sieht die Nebel über den feuchten Wiesen, sieht das Laub fallen von der mächtigen Eiche, sieht den Wald und das Schilf am Horizont. Sie liebt diesen Blick. Es ist diese wunderbare, stille Landschaft, sagt sie, die ihr Kraft gibt. Oft geht sie hinaus über die Wiesen bis zu einem der Teiche und sieht den Schwänen zu. Und wenn sie zurückkommt, dann ist ein Lächeln in ihrem sonst oft so ernsten Gesicht. Dann weiß sie: Es wird weitergehen irgendwie. Sie wird es schon schaffen.

Gisela will hier nicht weg. Sie liebt das große Haus am Dorfrand, das Haus ihrer Familie. Die Großeltern ihres früh verstorbenen Mannes haben es gebaut. Seit Ende des 19. Jahrhunderts stehen die Mauern. „Aber es wird immer schwerer, das alles zu erhalten“, sagt Gisela leise. Die 59-Jährige ist seit einer schweren Krankheit EU-Rentnerin. Da bleibt nicht viel übrig zum Sparen. Was überhaupt mal geblieben war, das ist vor fünf Jahren mit dem Sturm davongeflogen. Als im Januar 2007 Orkan Kyrill über die Lausitz fegt, hält das alte Dach nicht mehr stand. Gisela kann überall durch die Sparren in den Himmel sehen.

18000Euro kostet das neue Dach. Die Versicherung zahlt für die alten Schindeln nur 6500. „Das war ein harter Schlag“, sagt Gisela und schließt das Fenster. Sie stellt die dicke Kerze wieder aufs Fensterbrett und schaltet sie an. Der Kerzenschein flackert elektrisch. Echte Kerzen wagt Gisela nicht mehr anzuzünden seit jener Nacht im letzten Winter. Sie schildert die Stunden minuziös. Der Schwelbrand hat sich auch in ihrem Gedächtnis festgesetzt:

Sie legt wie immer auch an diesem Abend das Körnerkissen in die Mikrowelle. Die warmen Körner lindern die starken Rückenschmerzen. Sie macht sich bettfertig und geht ins Wohnzimmer. Sie will sich noch eine kleine Weile aufs Sofa setzen und schläft ein. Sie wird wach, weil sie keine Luft mehr bekommt. Alles ist voller Qualm, beißendem, dunkelbraunem Qualm. Sie rennt im Schlafanzug auf den Hof. Sie weiß vor lauter Schreck die Nummer der Feuerwehr nicht. Sie weiß gar nichts mehr. Sie denkt nur noch: „Oh Gott, das Haus brennt ab, jetzt hast Du alles verloren.“ Sie hat einen Schock und wird ins Krankenhaus gebracht.

Später wird festgestellt werden, dass die Mikrowelle wohl nicht abgeschalten hat. Der Schwelbrand ist durch die ganze Wohnung gezogen. Ein dicker, schmieriger Film hat sich auf alles gelegt – auf Wände und Böden, auf Möbel und Betten. Der Rauch ist in die Matratzen und den Kleiderschrank gezogen.

Sie schrubbt und schrubbt. Ein halbes Jahr lang schrubbt sie. Vieles kriegt sie nicht mehr sauber. „Manche Sachen hab ich sechsmal gewaschen und dann trotzdem wegschmeißen müssen“, erzählt sie. Die Versicherung schickt einen Gutachter. Der schätzt den Schaden auf 8000 Euro. Aber für einen Schwelband zahlt die Versicherung nicht. Ein Anwalt rät ihr zur Klage. Aber sie hat keine Kraft mehr zum kämpfen. Sie weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Die Ersparnisse stecken ja alle auf dem Dach.

Beim Landratsamt rät man ihr, sich an die Caritas in Bautzen zu wenden. Hier trifft sie Andreas Deckwart. „Er war meine Rettung“, sagt Gisela. Der Sozialarbeiter schickt sie erst einmal für eine Woche ins St. Ursula-Heim in die Sächsische Schweiz. Es ist der erste Urlaub ihres Lebens. Sie kann wieder Kraft schöpfen. Und auch die Stiftung Lichtblick hilft. Gisela bekommt 400 Euro, um sich schnell wieder das Nötigste anschaffen zu können. „Ich bin dafür sehr dankbar“, sagt sie.

Vom Brand ist im Haus nichts mehr zu merken. Gisela hat es geschafft. Aber sie braucht ihre Kraft auch weiterhin. Vor Kurzem sind ihr Sohn und der 13-jährige Enkel bei ihr eingezogen. Ihr Sohn ist schwer krank. Und der Enkel braucht ein Zimmer. Gisela zieht sich feste Schuhe und die warme Jacke an. Sie will hinausgehen zu den Schwänen auf den Teichen. Hinaus in diese wunderbare Landschaft, die ihr wieder ein bisschen abgeben wird von ihrer Kraft.