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Immer wieder sonntags

Es ist kurz vor halb vier an diesem Sonntagnachmittag. Marcus Windisch hat sich bei McDonalds noch schnell einen Kaffee geholt. Er muss sich beeilen heute. In Dresden wartet noch ein Kollege, der mitfahren will.

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Von Jana Ulbrich

Es ist kurz vor halb vier an diesem Sonntagnachmittag. Marcus Windisch hat sich bei McDonalds noch schnell einen Kaffee geholt. Er muss sich beeilen heute. In Dresden wartet noch ein Kollege, der mitfahren will. Windisch steigt in seinen VW Passat, klemmt den Kaffeebecher in den Halter am Armaturenbrett und schaltet die Verkehrsnachrichten an.

Er ist auf dem Weg zur Arbeit. Wie jeden Sonntag aller zwei Wochen. 750 Kilometer. Von Friedersdorf im Oberlausitzer Bergland nach Winterthur in der Schweiz. „Das nervt manchmal schon ganz schön“, sagt der 40-Jährige. „Aber es ist nun mal so.“ Er hat sich dran gewöhnt an sein Pendlerleben, sagt er und zuckt mit den Schultern. Er macht das ja mittlerweile schon seit neun Jahren.

Damals, als sein alter Betrieb dicht gemacht hat, erzählt er, da hat er vergeblich versucht, in der Nähe etwas Neues zu finden. Jemand hat ihm dann erzählt, dass in der Schweiz jede Menge Monteure gesucht werden. „Ich hab mich beworben, und die haben mich auf Anhieb genommen“, sagt er. Seitdem arbeitet der gelernte Schlosser als Glas- und Fassadenbauer. Dort, wo andere Urlaub machen.

Für die traumhafte Landschaft rund um seinen Arbeitsort hat Marcus Windisch keine Zeit. Er war in den neun Jahren noch nicht einmal zum Wandern oder Skifahren in den Bergen um Winterthur, sagt er. Wann denn auch? Er braucht ja jeden freien Tag, um so oft wie möglich nach Hause fahren zu können zu seiner Frau und den beiden halbwüchsigen Jungs. „Klar wäre das besser für die Familie, wenn ich nicht mehr fahren müsste“, sagt er und greift nachdenklich nach dem Kaffeebecher. „Nichts lieber als das. aber dann könnten wir uns unser Leben hier nicht mehr leisten.“ Er muss ein Haus abzahlen, die Jungs sind in einem Alter, in dem sie viel brauchen. „Selbst wenn ich alle Kosten dagegen rechne, habe ich am Ende immer noch viel mehr in der Tasche, als ich in der Lausitz je verdienen würde“, sagt der Mann aus Friedersdorf. Dann muss er los.

Sven Mickan sieht den Passat davonfahren. Der freundliche junge Mann im McDonalds-Shirt räumt draußen gerade ein paar Pappen und Papierreste zusammen. Er kennt inzwischen viele der Gesichter, die er hier immer Sonntagnachmittag sieht. Der Parkplatz von McDonalds in Bautzen ist ein guter Treffpunkt für Pendler. „Ich bin früher auch immer von hier losgefahren“, erzählt der 27-jährige Bautzener. Bei ihm ging’s in den Norden, nach Cuxhaven, Bremerhaven, Lüneburg. „Bis ich dann an einem dieser Sonntage zu meinem Job hier gekommen bin“, sagt er. Und er würde nicht mehr tauschen wollen mit dem Norden. Für kein Geld der Welt. „Zu Hause ist eben doch zu Hause“, sagt Sven Mickan. „Das hab ich gemerkt, als ich weg war.“

Johannes Mayer steht schon eine Weile mit seinem Rucksack auf dem Parkplatz und wartet auf einen schwarzen Golf mit Görlitzer Kennzeichen. Er hat sich über die Mitfahrzentrale bei McDonalds verabredet. Das macht er immer so, sagt er. Und das klappt auch immer. Der 28-jährige Singwitzer hat Fahrzeugbau studiert und arbeitet jetzt seit drei Jahren als Entwicklungsingenieur bei BMW in München. „Ich mache das vor allem für mich, um vorwärtszukommen im Beruf“, sagt er. Er war auch schon mal ein halbes Jahr in Detroit in den USA.

Auf Dauer will Johannes Mayer aber nicht pendeln. Er wird auf jeden Fall wiederkommen, versichert er. Fachkräfte wie er werden doch jetzt auch hier gesucht. Vielleicht kann er später ja mal bei Bombardier anfangen. „Es ist ziemlich anstrengend, sich zwei Lebenswelten aufzubauen“, sagt der Singwitzer, „eine hier in der Heimat, eine da unten in München.“

Er trifft viele Lausitzer in München, erzählt er. „Den ostdeutschen Pendlern wird dort wirklich der rote Teppich ausgerollt.“ Jetzt wird Johannes Mayer langsam unruhig. Vorsichtshalber wählt er noch mal die Handynummer, die er bekommen hat. Aber da biegt der schwarze Golf auf den Parkplatz. Der Fahrer arbeitet als Mechaniker bei VW. „Bessere Arbeitsbedingungen, besserer Verdienst – was muss er da noch erklären“, sagt der Görlitzer, lädt Mayers Rucksack in den Kofferraum neben seinen – und los geht’s.

Sebastian Ziesch arbeitet als Koch in Berlin. Auch er wartet mit der Reisetasche in der Hand auf seine Mitfahrgelegenheit. Seine Freundin hat ihn hergebracht. Der Abschied fällt schwer. Der 25-Jährige dreht sich noch schnell eine Zigarette. „Die Arbeit in Berlin ist in Ordnung“, sagt der Bautzener. „Und sie wird gut bezahlt.“ Wenn er hier eine hätte, die auch so gut bezahlt würde, würde er nicht fahren. Liebend gerne würde er als Koch in Bautzen arbeiten. „Aber wissen Sie, was ein Koch in Bautzen verdient?“, fragt der junge Mann.

Es wird langsam dunkel.

Und immer noch kommen vor allem junge Männer mit Rucksäcken und Reisetaschen und warten auf ihre Mitfahrgelegenheit. Fast 9000 Oberlausitzer fahren zum Arbeiten in die alten Bundesländer. Für viele beginnt die Arbeitswoche schon am Sonntagnachmittag: auf dem Parkplatz bei McDonalds.