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In alten Zeiten schwelgen

Handwerk. Gesterntrafen sich 25 frühereDamenschneiderinnen im Zittauer Brauhaus. Füreinige war es ein Wiedersehen nach vielen Jahren.

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Von Jan Lange

Die Freude ist Lore Richter wahrlich ins Gesicht geschrieben. Immerhin sind seit ihrem letzten Treffen mit Gerda Hänsch über 20 Jahre vergangen. Und sofort kramen die beiden in ihren Erinnerungen. „Wir haben zusammen die Meisterprüfung gemacht“, erzählt Lore Richter.

Fast 50 Jahre ist dies nun schon her – im Februar 1956 erwarben insgesamt elf Schneiderinnen ihren Meistertitel in Bautzen. Auch Sonja Borgmann gehörte dazu. „Es war damals ein ganz kalter Winter, die Temperaturen erreichten teilweise minus 30 Grad“, erinnert sich die 73-Jährige. Nach ihren Worten waren die sechs Wochen ganz hart. Vor allem machten sie aus den Absolventen enge Freunde. „Wir waren ein gutes Kollektiv“, steht für Lore Richter fest.

Neben der Arbeit als Damenschneiderin kam aber auch das gemütliche Beisammensein nicht zu kurz. „Früher gab es alle vier Wochen eine Versammlung, und zweimal im Jahr ein Vergnügen“, berichtet Lore Richter weiter. Dabei blieben die Schneiderinnen aus dem Altkreis Zittau meist unter sich – nur einmal waren auch die Löbauer Kolleginnen dabei. Heute sieht dies ganz anders aus. „Schließlich waren wir eine der ersten Innungen, die sich zusammengeschlossen hat – noch vor der eigentlichen Kreisreform“, erklärt die derzeitige Innungsobermeisterin Monika Bruntsch. Zählte die Damenschneiderinnung bei der Vereinigung der beiden Altkreise zirka 30 Betriebe, so sind jetzt noch sieben übrig geblieben. „Es gibt derzeit 23 Damen- und Herrenschneiderbetriebe im Landkreis“, stellt die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft, Anett Stadlbauer, dar.

Trotz der gesunkenen Anzahl von Damenschneidern, hat sich laut Monika Bruntsch die Arbeitssituation zuletzt gebessert. „Unserer Innung gehört auch eine Kollegin aus Bautzen an, die wieder große Maßaufträge bekommt – vor allem aus dem Großraum Dresden.“ Weniger erfreulich sieht es dagegen bei den Lehrlingen aus. „Früher hatten wir sehr viele Lehrlinge. Jetzt ist es so gut wie unwahrscheinlich, dass ein Schneidermeister einen Lehrling ausbildet. Die Kosten sind für einen kleinen Betrieb einfach zu groß“, sagt Monika Bruntsch.

Richtige Maßaufträge bekommt Lore Richter zwar nicht mehr, aber für Nachbarn oder Bekannte schneidert die Wittgendorferin weiterhin. Auch wenn sie bereits 1990 aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden ist. „Ohne Arbeit geht es eben nicht“, so die 74-Jährige. Monika Bruntsch kann dem nur zustimmen: „Wer rastet, der rostet.“ Im Februar 2006 blickt Lore Richter dann auf 50 Jahre Meistertitel zurück. Dieses Jubiläum feiert Ruth Gutsche bereits in diesem Jahr. Der damit verbundene „Goldene Meisterbrief“ sollte der Hartauerin eigentlich beim Treffen der ehemaligen Damenschneiderinnen überreicht werden. „Leider konnte sie nicht kommen“, sagt Anett Stadlbauer. Die Auszeichnung wird sie aber dennoch erhalten. „Wir übergeben ihr den ,Goldenen Meisterbrief‘ in den nächsten 14 Tagen“, verspricht die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft.

Doch nicht nur Ruth Gutsche erhält in diesem Jahr den „Goldenen Meisterbrief“. „Wir haben ihn für insgesamt 14 ehemalige Damenschneiderinnen beantragt“, erzählt Anett Stadlbauer, „darunter auch viele, deren Meistertitel schon länger zurückliegt, wo aber bisher keiner beantragt wurde.“