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In Bautzen sind noch Zellen frei

Sachsens Gefängnisse gelten als überbelegt. In der JVA Bautzen ist das Problem ein anderes.

© Uwe Soeder

Von Jana Ulbrich

Station 1 im neu renovierten Westflügel ist nicht mal zur Hälfte belegt. Es sind noch nagelneue Zellen frei in diesem Teil der Bautzener Justizvollzugsanstalt: durchaus komfortabel eingerichtete Einbettzimmer mit eigener Toilette und Waschecke, mit Schreibtisch, Fernsehanschluss und Telefon. Die Möbel sehen aus wie Designerstücke. Darauf ist Anstaltsleiter Bernhard Beckmann besonders stolz, Sie werden von den Häftlingen in der gefängniseigenen Tischlerei selbst gebaut. In solchen Zellen lässt sich die Haftzeit schon aushalten.

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So sieht eine Bautzener Gefängniszelle aus. Die Möbel werden von Gefangenen in der anstaltseigenen Tischlerei selbstgebaut.
So sieht eine Bautzener Gefängniszelle aus. Die Möbel werden von Gefangenen in der anstaltseigenen Tischlerei selbstgebaut. © Uwe Soeder

Bernhard Beckmann wäre trotzdem ganz froh, wenn sie jetzt nicht unbedingt gleich gebraucht würden. Noch könne man in der Bautzener JVA zwar nicht von einer Überbelegung sprechen, wie das momentan in den meisten anderen der zehn sächsischen Gefängnisse der Fall ist. Aber für mehr Insassen würde ihm auch schlicht das Personal fehlen. Mindestens vier Stellen im Vollzugsdienst sind unbesetzt. Und ausgebildete Vollzugsbedienstete sind schwer zu kriegen, weiß der Leiter der JVA.

Zellen wohnlich gestaltet

Station 5 ist mit 30 Insassen voll belegt. Wären nicht die eisernen Gittertore und die Schlösser vor den aufbruchsicheren Zellentüren – man könnte die Station fast für ein Studentenwohnheim halten mit Aufenthaltsecke und Gemeinschaftsküche. Gekocht und gebacken wird hier gerne, erzählt Bernhard Beckmann. Am Nachmittag stehen die Zellentüren alle offen. Die Gefangenen treffen sich auf dem Gang, in der Küche oder in den Zellen, die sie sich so wohnlich wie möglich gemacht haben.

Der junge Mann von Zelle 4 ist trotzdem froh, hier bald wieder rauszukommen. Zwei Jahre hat er schon abgesessen, erzählt er, fünf Monate hat er noch. Und dann: „Nie wieder Knast!“ Das hat er sich wirklich geschworen. Auf Station fünf sind die Motivierten, erklärt der JVA-Chef, diejenigen, die man hier auch guten Gewissens wieder in die Welt entlassen kann. Viele haben Familie. Im Gefängnis haben sie gelernt, dass sie künftig Verantwortung übernehmen und Vorbild sein müssen für ihre Kinder. Die meisten hier nutzen die Zeit und die Möglichkeiten, die ihnen in der JVA geboten werden. Der junge Mann von Zelle 4 macht gerade einen Computerkurs. Und mindestens viermal die Woche treibt er Sport, erzählt er stolz.

Taschengeld als Arbeitsentlohnung

Die Gefangenen können hier einen Schulabschluss machen oder eine Berufsausbildung. Wer vormittags arbeiten geht, verdient ein zusätzliches Taschengeld. Dreiviertel aller Gefangenen nutzen die freiwilligen Arbeitsmöglichkeiten in der Tischlerei, im Garten- und Landschaftsbau, in der Hauswerkstatt, der Küche, der Wäscherei, der Schlosserei oder dem Auto-Pflegeservice. Das ist eine der höchsten Quoten in den sächsischen Gefängnissen, sagt Bernhard Beckmann.

Der junge Mann von Zelle 4 hat sich seine Jacke angezogen. Von 15.15 bis 16.15 Uhr ist Hofgang. Die Stunde frische Luft tut gut, auch wenn es gerade saukalt draußen ist. Vielleicht geht er ja joggen auf die „Piste“, wie die Gefangenen den Rundweg um den Innenhof nennen. Wer nicht mit rauskommt, wird in dieser Zeit im Haftraum eingeschlossen. Der einzige Vollzugsbedienstete für die 30 Gefangenen auf der Station kann sich ja nicht teilen.

Auch Ausländer sitzen in Bautzen ein

Bernhard Beckmann rechnet nicht damit, dass sich die Zahl der Strafgefangenen in Bautzen derart erhöht, dass die Einrichtung an ihre Kapazitätsgrenzen gelangen könnte. Auch die Zahl der ausländischen Strafgefangenen hält sich mit rund 18 Prozent seit Jahren auf demselben Niveau. Die meisten von ihnen kommen aus Polen und Tschechien. An zahlenmäßig dritter Stelle stehen Tunesier. Ob er in Zukunft auch mit einer höheren Zahl an Asylbewerbern rechnet, die zu Haftstrafen verurteilt werden, das lässt der Leitende Regierungsdirektor offen. „Das müssen wir abwarten“, sagt Beckmann nur.

Die Justiz in Sachsen will aber offensichtlich vorbereitet sein. Für das im September beginnende neue Ausbildungsjahr zum Justizvollzugsbediensteten werden in der Ausschreibung im Internet ausdrücklich auch Interessenten mit Migrationshintergrund aufgefordert, sich zu bewerben. Ohnehin ist die Personallage in den sächsischen Justizvollzugsanstalten an der Grenze, bestätigt ein Sprecher des Justizministeriums. Deswegen ist ja auch der JVA-Chef in Bautzen ganz froh, dass Station 1 im neu renovierten Westflügel noch nicht mal zur Hälfte belegt ist.