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In Cölln zu Hause

Im ersten Teil der neuen Serie „Mein Viertel“ führt Sportskanone Sigi Lässig durch ihre Kurt-Hein-Straße.

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Von Ulrike Keller

Sigi Lässig macht sich nichts vor: „Woanders zu wohnen, ist bestimmt schöner“, sagt sie mit Blick in die Flucht der Kurt-Hein-Straße. Statt Grün: schier endlose Häuserzeilen und parkende Autos. Oft bläst ein stürmischer Wind vom Plossen herüber. „Die Altstadt hat doch einen anderen Reiz.“ Und trotzdem hält sie Meißen-Cölln die Treue. Die Asphaltierung eines großen Fahrbahnstückes im vergangenen Jahr, die Einrichtung von fünf Kurzzeit-Parkplätzen nahe ihres Sporthauses – immer wieder tut sich etwas. Es geht voran, weil sich die Geschäftsleute kümmern.

Die 60-Jährige schaut aufs Haus für Viele(s). „Eine gute Bereicherung“, kommentiert sie. Mit seinen Zumba-Kursen sei es ein richtiges kleines Zumba-Zentrum geworden. Über ihr Geschäft bietet sie selbst verschiedene Sport-Kurse an. Eine ehemalige Teilnehmerin kommt ihr entgegen. Nach 34 Jahren im Westen ließ sich die aus Ostdeutschland stammende Frau in den 90ern in der Meißner Altstadt nieder. „Diese Straße erinnert mich teilweise an die DDR“, sagt sie und deutet in Richtung der unsanierten Häuser. Eines beherbergt das Cöllner Bierstübchen. In der Raucherkneipe sitzen vor allem ältere Männer aus dem Viertel – die meisten haben wenig Geld und keine Partnerin. Sie trinken ihr Bier, spielen Skat, wollen reden. Inhaberin Christa Thiele übernimmt oft auch die Rolle der „Seelsorgerin“.

Die Seniorin bei Sigi Lässig verabschiedet sich zum Einkaufen. Sie will Baumkuchen holen in der Konditorei Schreiber. Damit füllt sie Weihnachtspakete für Freunde und Verwandte im Westen. Sigi Lässig läuft weiter, an einem neu gemachten roten Haus vorbei. Es gilt als Problemhaus. Anwohner erzählen, dass überwiegend Haftentlassene darin wohnen sollen. Kaum eine Woche vergehe, ohne dass die Polizei, das Krankenauto oder der Leichenwagen vorfährt. Die meisten wollen diese Klientel keineswegs ausgrenzen, fürchten aber ihre Konzentration auf einem Fleck. Lutz Kempe betreibt nicht nur die Sprint-Tankstelle in der Straße, er vermietet selbst Wohnungen. In seinem Haus achtet er auf eine Mischung aus mehreren Generationen und Bewohnern verschiedener sozialer Hintergründe.

Ecke Lutherstraße. Sigi Lässig sagt kurz bei ihren asiatischen Bekannten im Obst- und Gemüseladen Hallo. Auch im Biomarkt gegenüber ist sie Kunde, holt, was man nicht im Supermarkt bekommt, Sojaprodukte zum Beispiel. Die Tochter der Meißner Sportlegende Rudolf Lässig ist flotten Schrittes unterwegs. Ihre Energie äußert sich auch in sprudelnden Ideen zur Bereicherung des Umfelds. Seit Langem träumt sie von einem Rentnerspielplatz. Mit Boule-Anlage und Geräten, an denen man sein Körpergewicht heben kann. Ideal für ein Viertel wie Cölln, das sich in den vergangenen Jahren zum Gesundheitszentrum gewandelt hat. Ärztehäuser, Apotheken, Physiotherapeuten ballen sich in der Gegend.

Auch ein Naturheilpraktiker und Hörgeräteakustiker sind vertreten. Der orthopädische Schuhtechniker Volkmar Walther sagt: „Der Standort ist sehr günstig, die Zusammenarbeit mit den Ärzten gut bis sehr gut.“ Aber vom Handel her erlebt er dieses Jahr als das schwierigste seit seiner Eröffnung 1995. Alle Geschäfte hier klagen über niedrigen Umsatz. Nun kommen Baustellen und Verkehrsänderungen hinzu. Fakt ist: Von den Bewohnern der Straße können die Geschäfte schon lange nicht mehr leben. In der Kurt-Hein-Straße leben vor allem Ältere und sozial Schwächere.

Grund dafür sind die günstigen Mieten bei zentraler Lage und kurzen Wegen zu Ämtern, Bahnhof, Einkaufsmöglichkeiten. Eyk Schade vom Mieterverein Meißen und Umgebung e.V. spricht von 4,70 bis 6,97 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter, je nach Ausstattung. Bäume hat die Straße zwar durchgängig nicht zu bieten, Grünes findet sich aber in vielen Innenhöfen. Sigi Lässig hat sich im Garten hinterm Haus Rückzugsfläche geschaffen. Ein paar Quadratmeter zum Durchatmen von der lebhaften, manchmal auch lauten Kurt-Hein-Straße.

Der zweite Teil der SZ-Serie „Mein Viertel“ erscheint am Donnerstag. Agentur-Chef Walter Hannot zeigt die „Freiheit“. Wenn auch Sie in der SZ Ihr Viertel, Ihre Straße zeigen möchten, senden Sie Ihren Vorschlag bitte an: [email protected] oder Sächsische Zeitung Meißen, Niederauer Straße 43, 01662 Meißen.