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In den eigenen vier Wänden

Selbstständig leben auch im hohen Alter, das ist der Wunsch vieler Senioren. Wie das mit Hilfsmitteln und Hilfsbereiten klappen kann, zeigt das Beispiel einer 93-Jährigen aus Bischofswerda.

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© Steffen Unger

Jana Ulbrich

Bischofswerda. Nach dem Armband mit dem großen roten Knopf greift Elise Duschinger jeden Morgen gleich als Erstes. Es liegt griffbereit auf dem Nachttisch. Die Rentnerin trägt es den ganzen Tag. Egal, was passiert, ob sie in Not ist oder stürzt: Sie muss nur auf den roten Knopf drücken, dann klingelt es bei der Notrufzentrale der Volkssolidarität. Die Mitarbeiter dort veranlassen umgehend alles Nötige, informieren die Angehörigen und den Rettungsdienst.

Elise Duschinger ist 93 Jahre alt. Und noch immer lebt sie weitgehend selbstständig in ihren eigenen vier Wänden, einer Parterre-Wohnung in einem Bischofswerdaer Neubaublock. „Dass ich immer noch hier in meinem Zuhause sein kann, das ist ein großes Glück für mich“, sagt sie. „Und es ist ein großes Geschenk.“ Dafür ist die 93-Jährige sehr dankbar. Sie weiß, dass das nicht selbstverständlich ist, dass ihr selbstständiges Leben ohne die Hilfe ihrer Familie und der Nachbarn im Haus im Grunde nicht funktionieren würde.

Ihre beiden Kinder und zwei ihrer drei Enkel leben in der Nähe und kommen regelmäßig vorbei. Sie helfen beim Saubermachen, bringen Einkäufe und Mittagessen, sind zur Stelle, wann immer die Omi sie braucht. Elise Duschinger hat auch sehr hilfsbereite Nachbarn im Haus. Sie bringen ihr jeden Morgen ihre „Sächsische“ aus dem Briefkasten. Und sie helfen ihr über die sieben Treppenstufen, die von der Haustür des Neubaublocks bis zu ihrer Wohnung im Parterre führen.

Die Knie machen nicht mehr mit

Diese verflixte halbe Treppe. Die kann Elise Duschinger mit ihrem Rollator nicht mehr allein überwinden. Sie hat die erste Pflegestufe, ihre Knie machen nicht mehr richtig mit. Das schmerzt die alte Frau nicht nur körperlich. Die sieben Stufen bis zur Haustür sind ihr Tor zur Welt. Ohne Hilfe würde es ihr verschlossen bleiben. Genauso wie der kleine Balkon, auf den sie nicht mehr hinauskommt, weil die Schwelle der Balkontür zu hoch ist. Zum ersten Mal hat sie deswegen in diesem Sommer keine Blumenkästen mehr am Balkongeländer. Als sie traurig darüber war, hat ihre Enkeltochter kurzerhand einen Kasten fürs Fensterbrett bepflanzt. Den kann sie jetzt ganz bequem von der Stube aus gießen. Und vom Sofa aus sieht sie es blühen. Es sind eben auch die kleinen Dinge, die den Lebenswert ausmachen.

Durch ihre Wohnung bewegt sich Elise Duschinger mit einem speziellen Rollator für Innenräume. Der ist kleiner und wendiger als ein normaler Rollator, hat vorn nur ein Rad und obendrauf ein kleines Tablett, auf dem sie ihr Mittagessen und die Kaffeetassen von der Küche in die Stube transportiert. Den Rollator für innen und den für draußen hat Elise Duschinger über die Pflegekasse bekommen. Genauso wie den Badewannenlift, mit dessen Hilfe es ihr weiterhin möglich ist, ein Bad zu nehmen. Für den roten Notrufknopf an ihrem Handgelenk muss sie nur knapp acht Euro im Monat zuzahlen. Das geht problemlos auch mit der schmalen Rente, die sie bekommt.

Pflegekasse gibt Zuschüsse

Es gibt viel Hilfsmittel, die älteren Menschen helfen, ihren Alltag so lange wie möglich selbstständig meistern zu können. „Aber viele wissen das gar nicht“, sagt Angela Döhnel, Pflegeberaterin bei der AOK Plus. Wer eine Pflegestufe hat und Hilfsmittel benötigt, kann sich jederzeit bei seiner Pflegekasse beraten lassen, empfiehlt sie. Die Kassen bezuschussen neben Hilfsmitteln auch altersgerechte Um- und Einbauten für mehr Barrierefreiheit im Haus, so beispielsweise das Beseitigen von Schwellen oder den Einbau von Treppenliften.

Elise Duschinger stellt die Kaffeetassen aufs Rollator-Tablett und schiebt sie zurück in die Küche. „Wie gut, dass ich dieses Ding hier habe“, sagt sie. Seit mehr als 20 Jahren lebt sie in dieser Wohnung, seit ihr Mann gestorben ist, allein. Bis vor zwei Jahren hat sie noch Busfahrten mitgemacht und sich mit ihren Freundinnen zum Kaffeekränzchen getroffen. Jetzt kommt sie nur noch selten in die Stadt. Aber Elise Duschinger klagt nicht. „Das ist nun mal so in meinem Alter“, sagt sie. Sie ist dem Leben dankbar. Und sie ist glücklich in ihren eigenen vier Wänden. Sie hofft und wünscht sich, dass es so noch eine Weile weitergehen kann. Den Hilfsmitteln, der Familie und den Nachbarn sei Dank.