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In den Ferien vor Gericht

Ein ungewöhnliches Projekt eines Löbauer Horts endet mit einer echten Gerichtsverhandlung und einer Verurteilung.

Gespannte Gesichter: Die Grundschuler sind mucksmäuschenstill.
Gespannte Gesichter: Die Grundschuler sind mucksmäuschenstill. © Constanze Junghanß

24 Kinder bei Gericht. Im Raum Nummer 210 des Amtsgerichts Löbau herrscht absolute Ruhe. Richter Holger Maaß fragt die Knirpse, wer schon seinen Namen schreiben kann und ob das hier ein Kino sei. Kichern kommt von den Stuhlreihen. Die Mädchen und Jungen wissen bereits: Wer hier antreten muss, hat Mist gebaut. Und tatsächlich dürfen die Kinder der Klassenstufen 1 bis 4 an einer echten Verhandlung mit anschließender Verurteilung teilnehmen. Selbstverständlich mucksmäuschenstill und nur als Zuschauer.

Die Teilnahme an der Gerichtsverhandlung ist eine Idee im Rahmen der Ferienspiele von der Hort-Einrichtung „Kinderhaus am Löbauer Berg“. Bereits in den Osterferien haben sich die Grundschüler die Löbauer Zweigstelle des Amtsgerichtes Zittau angeschaut, wie Erzieherin Elke Leopold erzählt. Eine Art Projekt, weil auch im Hort Regeln und der Umgang miteinander eine Rolle spielten. Vielleicht auch um zu zeigen: Wer Blödsinn baut, muss mit Konsequenzen rechnen. Laut Richter Maaß sind es sonst eher die höheren Klassenstufen 7 bis 9, die ab und an bei öffentlichen Verhandlungen als Besucher dabei sind.

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Nun dürfen auch die Jüngsten zuhören und -sehen, wie es bei Gericht zugeht. Realität statt Fernsehserie. Es geht um einen Mann, der einen anderen mit seinem Auto fahren ließ. Problem dabei: Der Fahrer hatte keine Fahrerlaubnis und auch der junge Mann selbst besitzt zwar ein Fahrzeug, ein Führerschein jedoch fehlt. Und weil der Angeklagte sogar zweimal im Januar 2019 in dieser Konstellation von der Polizei erwischt wurde, landete er nun vor Staatsanwalt und Richter. Zum Tatzeitpunkt war der Beschuldigte noch keine 21 Jahre. Deshalb ist auch die Jugendgerichtshilfe mit im Boot. Doch bis das Verfahren beginnt, nimmt sich Holger Maaß für die kleinen Zuschauer noch ein bisschen Zeit und fühlt den Kindern auf den Zahn mit der Frage, ob sie denn wissen, was man alles nicht darf? Die Antworten reichen von „Gokeln“ bis „Autos klauen“ über „Waffen besitzen.“ Und selbstverständlich darf man „nicht töten“. Wobei, so betont Maaß, bei solchen schweren Straftaten im Gericht bis zu fünf Richter mit dabei seien. Erstaunliche Antworten geben zwei Jungs. Einer sagt mit fester Stimme auf die Frage, was Tabu und demzufolge verboten ist: „Bei Unterflurhydranten darf man kein Wasser raus nehmen.“ Schnell wird klar: Da macht sich ein kleiner Feuerwehrmann Gedanken. Ein anderes Hortkind erklärt: „Ameisenhaufen dürfen wir nicht zerstören.“ Der Richter geht daraufhin auf das Tierschutzgesetz ein. Damit die Kinder an der Verhandlung teilnehmen können, haben Maaß und seine Kollegen das Verfahren nach Löbau verlegt. Seit 2013 sind die beiden Amtsgerichte Zittau und Löbau vereinigt. In Löbau finden seitdem üblicherweise noch die Zivil-, Vollstreckungs-, Betreuungs- und Beratungshilfesachen statt. Für den Hort gab es also eine Ausnahme. Und auch Staatsanwalt Uwe Schärich nimmt sich für die Grundschüler Zeit, erklärt, wozu Zeugen da sind und dass diese immer die Wahrheit sagen müssen.

Bei der Verhandlung gegen den jungen Mann allerdings ist kein Zeuge notwendig. Die Polizei hat ihn und den illegalen Fahrer auf frischer Tat ertappt. Gegen den Strafbefehl legte er Widerspruch ein. Nun musste sich das Gericht mit der Sache befassen. Nicht zum ersten Mal kam es zu einer Verurteilung. Auch wegen Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch und gefährlicher Körperverletzung stand der Angeklagte bereits vor dem Kadi. Laut Jugendgerichtshilfe war der Beschuldigte mehrfach in Kliniken, hat Probleme mit Drogen und Alkohol gehabt, verschiedene berufseingliedernde Maßnahmen abgebrochen und war zwischenzeitlich wohnungslos. Ein Betreuer für ihn sei beantragt. Letztendlich bekommt der Angeklagte vom Gericht die Auflage, nach Jugendstrafrecht, an einem Verkehrserziehungskurs teilzunehmen. Schmeißt er den auch hin, muss er für vier Wochen ins Gefängnis.

Die Verhandlung ist beendet. „Das haben Richter und Staatsanwalt alles sehr schön erklärt“, schätzt Horterzieherin Leopold ein. Und wie fanden das die Kinder? „Spannend“, sagt ein Mädchen und auch, dass das ein besonderes Ferienerlebnis war.

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