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In den Reisebüros beginnt das Rechnen

Die Branche leidet besonders unter Corona. Um Kunden die Angst zu nehmen, machte ein Leisniger den Türkei-Test.

Endlich wieder zurück in seinem Büro: Torsten Pessel vom Reisebüro „Zur alten Bäckerei“ in Leisnig. Die Kunden seien froh, ihn wieder persönlich sprechen zu können. Mit Buchungen hielten sie sich aber noch zurück.
Endlich wieder zurück in seinem Büro: Torsten Pessel vom Reisebüro „Zur alten Bäckerei“ in Leisnig. Die Kunden seien froh, ihn wieder persönlich sprechen zu können. Mit Buchungen hielten sie sich aber noch zurück. © Norbert Millauer

Leisnig. Er ist zurück, zumindest zeitweise. Er kann seinen Kunden wieder im Büro in die Augen sehen, wenn er mit ihnen über die nächste Reise spricht. Es geht wieder aufwärts bei Torsten Pessel. Der Reiseverkehrskaufmann sieht wieder ein Licht am Ende des Tunnels. An vier Tagen in der Woche ist er zurück in seinem Büro „Zur alten Bäckerei“ in Leisnig anzutreffen. Und die Kunden begrüßen das. Denn auch sie wollen wieder raus, etwas erleben.

Gesucht werde derzeit vor allem nach freien Quartieren in Deutschland. „Ferienhäuser, Hotels in allen Regionen, aber vor allem an der Ostsee und am Bayrischen Wald werden gebucht“, sagt Pessel. Und ja, mit ein bisschen Suchen gebe es auch noch freie Kapazitäten, die bezahlbar seien. „Die Ostsee profitiert in diesem Jahr enorm“, sagt der Reiseexperte. Aber längst nicht alle trauen sich schon wieder, zu verreisen. „Viele haben eine eher abwartende Haltung, schauen erst einmal, wie sich die Situation entwickelt“, sagt Pessel.

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Testreise in die Türkei

Seit dem 15. Juni ist das Reisen in einige europäische Länder wieder möglich, darunter unter anderem Griechenland, Spanien und Italien. Aber Reisen dahin werden nur selten verkauft. „Viele ferne Ziele fallen für dieses Jahr raus“, sagt Pessel. Was sich jetzt anbiete, sei eine Rundreise durch die großen Städte in der EU. Denn wann sonst herrsche solch eine Ruhe in Rom, Venedig oder Paris, wie jetzt während der Corona-Krise, meint der Büroleiter.

Doch wie funktioniert das Reisen während der Corona-Krise? Was erwartet die Urlauber an den Flughäfen? Und wie sieht Catering im Hotel zu Pandemiezeiten aus? All diese Fragen kann Pessel inzwischen aus eigener Erfahrung beantworten. Er wurde zu zwei Testreisen eingeladen. Erst vor wenigen Tagen ist er zurückgekehrt. Unter anderem war er im Südwesten Italiens in Kalabrien unterwegs. Eindrücke gesammelt hat er auch im türkischen Izmir. Aktuell gibt es für das Land noch eine bestehende Reisewarnung vom Auswärtigen Amt. 

Doch Pessel hat sich abgesichert. Vor dem Abflug in Izmir hat er einen Corona-Test gemacht. Das Ergebnis war negativ. Er musste daher nach der Reise nicht in 14-tägige Quarantäne gehen. „Noch vor dem Check-In gab es für den Test eine Anlaufstelle am Flughafen. Bezahlt haben wir 15 Euro“, schildert Pessel. Das Ergebnis hatte er bereits, als das Flugzeug in Deutschland gelandet ist. „Man hinterlässt seine Daten. Wenn man dann nach der Landung sein Handy wieder anmacht, wird man per SMS über das Ergebnis benachrichtigt. „So hat man Sicherheit“, meint der Polditzer.

9.000 Euro Soforthilfe fürs Büro

Das Reisen während Corona hat sich geändert. Aber es ist wieder möglich. Anders als noch zu Beginn der Pandemie. Im Frühjahr herrschte aufgrund der Ausgangssperre kompletter Stillstand in der Reisebranche. Und damit gab es für Pessel wie für seine Kollegen auch kein Geld. Die Kosten fürs Büro, die Technik und, wer hat, die Mitarbeiter sind jedoch geblieben. Für viele Reisebüros eine existenzgefährdende Situation. „Ich kenne einige, die mit dem Gedanken spielen, ihr Büro zu schließen“, berichtet Pessel. Auch habe er von Kollegen gehört, die sich während der Krise einen anderen Job suchen mussten, um über die Runden zu kommen.

In dem Sinn hatte der Polditzer Glück. Er ist allein in seinem Büro und Einnahmen kommen auch aus der Gaststätte im Haus. „Dadurch konnte das Büro überleben.“ Um die Kosten dafür zu stemmen, hat er von der Sächsischen Aufbaubank 9.000 Euro Soforthilfe bekommen. Das Geld habe gereicht, um Miete und Strom zu bezahlen. „Für mich selbst ist davon nichts gewesen“, so Pessel, der für die Rettung der Branche auch an Demonstrationen in Leipzig teilgenommen hatte. Denn lange Zeit fühlte sich die Reisebranche von der Bundesregierung im Stich gelassen.

Harter Kampf um Hilfe für Branche

Seine Sorgen schilderte der Polditzer auch Mittelsachsens Bundestagsabgeordneter Veronika Bellmann (CDU). Diese setzte sich schließlich in Berlin für die Reisebüros ein, denen vor allem die Provisionen der Reiseveranstalter Sorge bereiteten. Denn diese müssen bei Nichtantritt der Reise wieder zurückgezahlt werden. Und auch die Kunden erhielten bereits gezahlte Anteile zurück. „Jetzt wird abgezogen, was das Zeug hält“, schildert Torsten Pessel. Und das alles für Sachen, die er sich hart erarbeitet habe. „Das ist schon schlimm.“ Gerade diese Belastung durch die Provisionen können die Reisebüros jetzt auch anteilig erstattet bekommen.

Doch diesem Zugeständnis war ein langes Ringen vorausgegangen. Denn zunächst war eine zusätzliche Hilfe für die Reisebüros neben der Soforthilfe für die Betriebskosten nicht vorgesehen. Damit hätte die Existenz von zahlreichen Agenturen sowie Veranstaltern auf dem Spiel gestanden. Es seien mehrere Anläufe nötig gewesen, um endlich eine zufriedenstellende Lösung für die Vertreter der Branche zu finden, macht Bellmann deutlich. 

Zunächst sollten nur die Provisionen erstattet werden, die bereits zurückgezahlt werden mussten. „Aber nur 20 Prozent der Reiseveranstalter zahlen die Provision direkt nach der Buchung der Kunden an die Reisebüros. Die anderen 80 Prozent überweisen sie kurz vor, bei oder nach dem tatsächlichen Reisebeginn. Somit wäre ein Großteil der Provisionen bei der Berechnung der Überbrückungshilfe nicht hinzugerechnet worden“, fasst die Politikerin das Problem zusammen. Ziel war es aber, dass alle Provisionen berücksichtigt werden sollten. 

Dies ist nun geschehen. Beachtet werden demnach auch die Provisionen, die für Reisen fällig geworden wären, die aber coronabedingt ausfallen mussten.Um die entsprechende Unterstützung zu erhalten, müssen die Reisebüroleiter zum Steuerberater. Und zuvor akribisch auflisten, welche gebuchten Reisen ausgefallen sind. „Das habe ich noch gar nicht geschafft“, sagt Torsten Pessel. Auch er hat aber bereits Kontakt zu seinem Steuerberater aufgenommen. Und hofft, dass die gefürchtete zweite Welle ausbleibt.

Dieser Artikel wurde am Freitag, 31. Juli, 12.26 Uhr, aktualisiert. 

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