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In der ältesten Bäckerei gehen die Öfen aus

Sie ist berühmt für ihr Nougatgebäck. Trotzdem müssen Uwe und Kerstin Linde aufgeben.

Kerstin und Uwe Linde müssen nach 19 Jahren ihre Bäckerei an der Schönberger/Ecke Kriebsteiner Straße schließen.
Kerstin und Uwe Linde müssen nach 19 Jahren ihre Bäckerei an der Schönberger/Ecke Kriebsteiner Straße schließen. © Dietmar Thomas

Waldheim. Es sind schon einige Tränen geflossen, sagt Bäckermeister Uwe Linde. Er und seine Frau Kerstin müssen ihre Bäckerei an der Schönberger Straße zum 1. September schließen. Genau an dem Tag, an dem sie vor 19 Jahren das Geschäft von den Eltern von Kerstin Linde, geborene Hofmann, übernommen haben.

„Kuchen – Hofmann“ steht deshalb auch noch in großen Lettern auf dem Schaufenster. Damals hatte sich Uwe Linde sich mit 33 Jahren noch einmal auf die Schulbank gesetzt, Bäcker gelernt und mit 40 Jahren seine Meisterprüfung erfolgreich abgelegt.

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Die Bäckerei selbst gibt es schon seit 200 Jahren. 1819 wurde sie erstmals erwähnt und gilt als vermutlich älteste Bäckerei Waldheims. Im Jahr 1957 pachtete die Familie Hofmann das Geschäft und kaufte das Haus zwölf Jahre später. Im Jahr 2000 übernahmen es Uwe und Kerstin Linde. Zwei der insgesamt fünf Söhne lernten das Bäckerhandwerk im elterlichen Betrieb. Einer arbeitet heute noch als Bäcker, ist aber im Vogtland zu Hause.

Auch wegen der langen Tradition fällt den Eheleuten die Geschäftsaufgabe alles andere als leicht. „Für unsere Stammkunden tut es uns sehr leid“, sagt Uwe Linde. Die schätzten vor allem das Nougat- und Butterspritzgebäck von der Bäckerei Hofmann sehr. Aber auch Nussringe und Nougattaler seien weggegangen wie die sprichwörtlich warmen Semmeln. „Wir haben eine Kundin, die hat jedes Jahr einen Stollen mit bis nach Island genommen und dort viel Lob dafür erhalten“, erzählt Uwe Linde.

„Wir haben unsere Arbeit immer sehr gerne gemacht, aber jetzt müssen wir die Reißleine ziehen“, so der Waldheimer. Seitdem die beiden das Geschäft allein bestreiten müssen, ging es mehr und mehr an die Substanz. „Die körperliche und psychische Belastung können und wollen wir nicht länger tragen“, so der 62-Jährige. 16 bis 18 Arbeitsstunden täglich seien keine Seltenheit gewesen. Am Vortag müsse bereits für den nächsten Morgen geplant werden.

Morgens um 0.30 Uhr klingelt der Wecker bei Familie Linde. Kurz darauf beginnt der Arbeitstag. Vor 18 oder 19 Uhr sei an Feierabend nicht zu denken, zumal die Büroarbeit in den zurückliegenden Jahren immer mehr geworden sei. Uwe Linde nennt Beispiele wie die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel oder die lückenlose Aufzeichnung der Kühltemperatur. Seit zwei Jahren gebe es zudem eine neue Kassenverordnung, nach der seine Frau jeden Abend die Einnahmen bis auf den Cent genau zählen und abrechnen muss.

Die Wirtschaftlichkeit des Betriebes sei zuletzt nicht mehr gegeben gewesen – auch durch die Einführung des Mindestlohnes. „Allein für meine Frau muss ich monatlich rund 800 Euro Arbeitgeberanteil abführen. Das will erst einmal erwirtschaftet sein“, sagt Uwe Linde. Hinzu kommen laufende Kosten für Strom, Wasser, Abwasser, Gas, Betriebshaftpflicht, für das Eichamt, den Schornsteinfeger, Brandschutz, Innungsbeiträge und und und. 

Und selbstverständlich werden fürs Backen auch die entsprechenden Zutaten benötigt. Um das Geschäft am Laufen zu halten, haben Uwe und Kerstin Linde in den letzten Jahren auf Urlaub verzichtet. Aber auch der Bau der Waldheimer Umgehungsstraße Ende der 1990er Jahre habe einen Umsatzeinbruch von etwa 50 Prozent gebracht. Nicht nur wegen der langen Bauzeit von eineinhalb Jahren. „Wir sind seitdem vom Markt abgeschnitten, es gibt nur zwei Parkplätze vor dem Haus und das Überqueren der Straße schreckt viele Kunden ab“, sagt Uwe Linde.

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Wie es für ihn beruflich weitergeht, weiß er noch nicht. Bis zum Erreichen der Rente fehlen ihm noch drei Jahre. Ehefrau Kerstin hat bereits einen neuen Job. Sie wird künftig in einer Waldheimer Bäckereifiliale arbeiten. Beide hoffen, dass sie künftig mehr Zeit für die Familie haben werden – das fünfte Enkelkind ist unterwegs.

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