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In der Arbeitslosenfalle

Christian Walter hat 1.600 Bewerbungen geschrieben. Jetzt zweifelt er an dem System.

© Norbert Millauer

Von Ulrike Keller

Radebeul. Beginnt Christian Walter seine Unterlagen auseinander zu nehmen, hat er schnell den Esstisch in mehreren Schichten zugelegt. Rewe, Medimax, Höffner, Lidl, Hornbach, Hammer, Metro, Thyssen, Saturn – diese Läden sind nur eine Auswahl von Unternehmen, denen der Radebeuler in den vergangenen Jahren eine Bewerbung zukommen ließ. „Von manchen habe ich bis heute keine Antwort“, sagt der 63-Jährige. Auf 1.600 Bewerbungen bringt er es. Dass Christian Walter über so viele Jahre chancenlos ist, begründet das Jobcenter mit seinen „sehr spezifischen Vorstellungen“. Er konzentriere sich überwiegend auf Vollzeitstellen als Verkäufer in einem Baumarkt. Christian Walter ärgert das. „Was ist falsch daran?“, fragt er. „Es liegt mir, mit Menschen umzugehen. Und ich kenne mich mit Werkzeug aus.“ Über 20 Jahre lang hat er zu DDR-Zeiten als Lagerhelfer, dann als Facharbeiter gearbeitet.

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Christian Walter hat keinen Führerschein, aber eine Monatskarte. Er hat keine Berufs-, aber Lebenserfahrung und nach all den Jahren immer noch den ehrlichen Wunsch, morgens aus dem Haus zu gehen. Das tut er auch ohne Job. Täglich fährt er mit der Straßenbahn Richtung Dresden, nimmt sich irgendetwas vor. Immer ist er gut gekleidet, er legt Wert auf Pünktlichkeit, Höflichkeit und Ordnung.

Aus heutiger Sicht ging seine berufliche Zukunft mit der Wende zu Ende. Da war er gerade mal 39. Ab 1991 begann die Ära von Fortbildungen, Praktika und Maßnahmen. Nur einmal ein Lichtblick: Zur Expo 2000 bekam er in Hannover eine Anstellung als Wachmann.

Schon länger stellt Christian Walter die tatsächlichen Möglichkeiten von Agentur für Arbeit und Jobcenter infrage. „Das System ist völlig im Eimer“, sagt er. „Arbeitslose werden verwaltet statt vermittelt. Aber das gesteht sich keiner ein.“ Sein Eindruck: „Ich bekomme schon deshalb keine Arbeit mehr, weil ich Hartz IV beziehe. So jemand gilt als faules Schwein. Hartz IV gehört abgeschafft!“

Vom Jobcenter wünscht er sich deutlich mehr Stellenangebote. Lediglich, wenn er einmal im halben Jahr bestellt ist, bekomme er zwei, drei ausgeschriebene Stellen, kritisiert er. Das Jobcenter wiederum versichert, ihm größtmögliche Unterstützung zu geben. Was Christian Walter außerdem nicht versteht: Obwohl er die Bewerbungen immer gleich am nächsten Tag in die Post gibt, erhält er immer wieder die Antwort, man brauche im Moment niemanden. „Sind die Angebote veraltet?“, fragt er. Das Jobcenter verneint: Die Angebote seien tagaktuell und würden fortlaufend aktualisiert. Die Behörde verweist auf andere Jobbörsen im Internet. Doch Christian Walter besitzt keinen Computer. Eine Geldfrage. Allerdings hat er sich auch bei privaten Arbeitsvermittlungen registrieren lassen. Und: Einer seiner ständigen Anlaufpunkte ist das Suche-Finde-Brett bei Kaufland.

In zwei Jahren ist er Rentner. Dann stellt er sich auf ein Leben in Altersarmut ein. Vom Jobcenter heißt es: „Die Vermittlung ist weiterhin primäres Ziel; eine Tätigkeit im 2. Arbeitsmarkt erscheint aufgrund des Alters, der Gesundheit und Vermittlungshemmnisse realistischer.“ Christian Walter macht das wütend: „Dann sollen doch alle ehrlich sagen: Wir wollen keinen alten Sack.“