merken
PLUS

Neues Leben in der Kiertscher-Villa

Familie Hille nutzt das markante Gebäude in Wilthen als Wohnhaus – aber auch für öffentliche Veranstaltungen.

© Uwe Soeder

Von Katja Schäfer

Wilthen. Die Villa hat eine bewegte Geschichte hinter und jetzt ein neues Kapitel vor sich. Bekannt war sie in jüngster Vergangenheit vor allem dafür, dass der Musiker Adolf Kiertscher in ihr wohnte. Oft empfing er Besucher; bis hin zu ganzen Busladungen von Fans. Doch der langjährige Leiter der Kapelle Oberland konnte das Leben in dem großen Haus an der Zittauer Straße in Wilthen nur etwa fünf Jahre genießen. Dann wurde er krank, starb vor drei Jahren. Eine Zeit lang wohnte seine Witwe noch in der Villa, doch seit ihrem Auszug stand das markante Gebäude leer. Jetzt herrscht wieder reges Leben darin. Nicht nur, weil die neuen Eigentümer vier Kinder haben. Sondern auch, weil sie die Räume zur öffentlichen Nutzung zur Verfügung stellen; auf vielfältige Weise.

njumii – Das Bildungszentrum des Handwerks
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.

njumii ist der Ausgangsort für individuelle Karrieren. Im Handwerk. Im Betrieb. Im Mittelstand. In der Selbstständigkeit.

„Platz haben wir ja genug“, sagt Michel Constantin Hille schmunzelnd. Mit seiner Frau Kristin, dem zehnjährigen Sohn, der fünfjährigen Tochter und dem Zwillingspärchen, das bald zwei Jahre alt wird, lebt er seit einem Jahr in der Villa. Zuvor hatte die Familie in Dresden am Großen Garten zur Miete gewohnt. Schon längere Zeit suchten Hilles in der Landeshauptstadt ein größeres Zuhause, fanden aber nichts Passendes.

Workshop im Wohnzimmer

Obwohl sie eigentlich „nicht so weit aufs Land ziehen“ wollten, wie Kristin Hille sagt, schauten sie sich Anfang 2017 das Haus in Wilthen an. Als sie es im Internet entdeckten, wussten sie nicht, dass es einen prominenten Vorbesitzer hatte. Obwohl das Paar Adolf Kiertscher kannte. „Wir haben lange Zeit Standard getanzt und sind ihm bei mehreren Veranstaltungen im Hotel Kyffhäuser in Großharthau begegnet“, erzählt Michel Constantin Hille.

Für den 36-Jährigen brachte der Umzug nach Wilthen eine Erleichterung mit sich. Sein Arbeitsweg ist jetzt kürzer. Der aus Rostock stammende Mann ist Professor an der Hochschule Zittau/Görlitz. An der Fakultät für Sozialwissenschaften beschäftigt er sich vor allem mit Sozialarbeitswissenschaften, Interventionsansätzen und erziehungswissenschaftlichen Grundlagen. Studiert hat er Soziale Arbeit und Psychotherapie. Für seine Doktorarbeit befragte er Männer dazu, wie sie den Krieg erlebt haben. Sein großes Thema ist das Alter. Schon als Student hat Michel Constantin Hille einen Hospizverein mitgegründet. Er engagiert sich als Mitglied der Volkssolidarität im Landkreis Bautzen, organisiert mit Mitstreitern Seniorenbälle in Dresden – und die Aufzählung ließe sich lange fortsetzen.

Kristin Hille musste mit dem Wohnortwechsel ihre Arbeit aufgeben. „Als medizinisch-technische Assistentin hatte ich an der Uni in Dresden gute Forschungsstellen und schöne Projekte“, berichtet sie und fügt an: „Die tägliche Fahrzeit kann ich aber nicht auf mich nehmen, zumindest nicht, so lange die Kinder noch klein sind.“ Dafür kümmert sich die 38-Jährige, die aus Leppersdorf stammt, jetzt um die Realisierung der Pläne für die öffentliche Nutzung des großen Hauses.

Und die sind vielfältig. „Es gibt dafür 1 000 Ideen“, sagt Michel Constantin Hille. Sie reichen von Workshops und Tagungen über Gesprächskreise, Lesungen und Ausstellungen bis hin zur Einrichtung einer Beratungspraxis. Die Villa soll zum Begegnungszentrum werden und ist schon auf dem besten Weg dorthin. Einige Veranstaltungen haben bereits stattgefunden. Zum Beispiel eine Forschungswerkstatt mit Vertretern verschiedener Hochschulen. Oder eine Talkrunde, bei der Frauen und Männer über ihre Erfahrungen mit Depressionen sprachen. „Seelische Gesundheit ist einer meiner Schwerpunkte“, betont Michel Constantin Hille. Doch nicht nur zu diesem, sondern auch vielen anderen Themen wollen er und seine Frau Menschen in ihrem Haus zusammenbringen.

Von Ferienwohnung bis Filmkulisse

„Wir lassen die Leute in unser privates Ambiente eintauchen“, sagt Kristin Hille. Das heißt, dass Zusammenkünfte durchaus auch mal im Wohnzimmer der Familie stattfinden, oder auf der Terrasse, wo mehrere runde Tische zum Verweilen einladen. Einige Termine stehen schon fest. Am 14. September wird es zum Beispiel in einem Erzählcafé um Pflege und das Miteinander der verschiedenen Generationen gehen, am 11. Oktober bei einer Lesung mit dem Thema „Das letzte Tabu“ um Hospizarbeit in der Familie. Eine Internetseite, auf der sich Interessenten über geplante Veranstaltungen informieren können, befindet sich noch im Aufbau.

Auch darüber hinaus öffnen Hilles ihre Villa, die vorher unter anderem schon als Fabrikanten-Wohnung, Kindergarten und Arztpraxis gedient hat, für Bekannte wie Fremde. Eine der beiden separaten Wohnungen im Dachgeschoss soll künftig als Ferienwohnung Gäste beherbergen. In der Zweiten können sich Leute zum Musizieren, Sporttreiben oder anderen Aktivitäten treffen. Demnächst werden Haus und Grundstück als Kulisse für einen Spielfilm dienen, den eine Produktionsfirma für die ARD dreht. Das Haus ist also auf vielfältige Weise ein offenes. Adolf Kiertscher würde das ganz bestimmt gefallen.

Das Begegnungszentrum ist zu erreichen unter Telefon 03592 5423499