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In der Praxis groß geworden

Lessingstraße. In Bautzen ist der Mediziner Dieter Breyer mindestens ebenso bekannt der FernseharztDr. Sommerfeld aus der Praxis am Bülowbogen.

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Von Miriam Schönbach

Mitten im Bautzener Villenviertel hat Dieter Breyer seine Praxis für Allgemeinmedizin. Unscheinbar liegt das Haus hinter einer kleinen Mauer in der Lessingstraße, die Klingel ist abgegriffen, die Tür steht offen. „Und das zu fast jeder Tageszeit. Ich kann doch am Wochenende meine Nachbarn nicht mit einem halb abgeschnittenen Finger wieder fortschicken“, sagt der Arzt.

Viele Anekdoten wüsste Dieter Breyer aus seinem langjährigen Medizinerleben zu erzählen. Nahezu filmreif ist aber wohl auch seine eigene Geschichte. Schon in den Kindertagen ging er seiner Mutter im Sprechzimmer zur Hand. Anna Breyer-Püschel war nach dem Krieg die erste Kinderärztin der Stadt. „Inzwischen kommen die Mädchen und Jungen von damals schon mit ihren Enkeln“, sagt der Mediziner.

Eine Fotografie seiner Vorgängerin steht immer noch auf seinem Schreibtisch „Sie wacht über mich, rät mir in stillen Momenten immer ehrlich und geradeaus zu sein“, sagt Dieter Breyer. Er übernimmt 1992 die Arbeit seiner damals bereits 82-jährigen Mutter. Seitdem fühlt sich der ausgebildete Kinderchirurg für die großen und kleinen Nöte seiner Patienten zwischen Null und 90 Jahren verantwortlich. „Ans Herz sind mir aber die Kinder gewachsen – sie sind sehr dankbar und längst nicht so nörgelig wie die Erwachsenen“, sagt der Arzt.

Mit seinen Worten und Gesten erinnert er schon ein bisschen an den Dr. Sommerfeld alias Rainer Hunold in der ARD-Serie „Neues vom Bülowbogen“. Denn auch der Fernsehdoktor ist kein kühler Mediziner. Gerade bei privaten Problemen hat er immer ein offenes Ohr.

Aufgeschlossen und direkt ist auch Dieter Breyer. „Manchmal kommen Eltern und fragen, ob ich mit ihren Sprösslingen nicht mal ein klares Wort reden kann“, sagt der 64-Jährige. Gern erfüllt er diese Bitte – zum Beispiel wenn es ums Thema Rauchen oder Alkohol geht. Auch ältere Patienten finden in ihm einen geduldigen Zuhörer. Seine Praxis besuchen täglich zwischen 40 bis 50 Bautzener. Eine gute Viertelstunde Zeit nimmt er sich für jeden. Gelassen und leise behält seine Ehefrau Emöke als Sprechstundenhilfe den Überblick im Zwei-Mann-Unternehmen.

Keine Lust auf Arztserien

Kennengelernt hat Dieter Breyer seine Lebensgefährtin übrigens Ende der 60er Jahre beim Studium in Ungarn. Vor den Traualtar führte er seine Emöke gleich zweimal. Aber das ist schon wieder eine andere filmreife Geschichte. Die gemeinsame Tochter jedenfalls absolviert zurzeit ihre Facharztausbildung in einer Budapester Klinik, in naher Zukunft soll sie die Praxis in der Lessingstraße übernehmen.

Doch bis dahin will der Mediziner noch lange nicht an die Rente denken. Einmal in der Woche steht er im OP-Saal im Bautzener Krankenhaus – dort arbeitete Dieter Breyer 20 Jahre mit Begeisterung in der Kinderchirurgie – und operiert ambulant Leisten- und Nabelbrüche. An drei von vier Wochenenden im Monat fährt er als Arzt auf dem Rettungswagen mit. „Da gibt es immer etwas zu tun, manchmal sind wir 24 Stunden am Stück unterwegs“, sagt er. Und wenn der „Doktor“ nicht in seiner Sprechstunde sitzt, dann ist er tagsüber oft zu Hausbesuchen unterwegs.

Nach Feierabend zieht sich der Arzt gern in seinen Lieblingssessel mit einer Zigarette zurück. Arztserien schaut er dann fast nie, per Zufall landet er höchstens mal bei den Weißkitteln aus der Sachsenklinik. Aber das reicht ihm dann schon an Herz und Schmerz, schließlich erlebt er selbst genügend echte Geschichten aus dem Medizineralltag.