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In der Reichsbahn funkte es

Annelore Schulz sendete vor 50 Jahren Musik und Infos bei der Bahnfahrt. Sie war Zugfunkerin.

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Von Ralph Schermann

In den Graphischen Werkstätten am Görlitzer Demianiplatz (heute Druckerei Maxroi) arbeitete 1954 Annelore Schulz. Die gelernte Schriftsetzerin war damals 23 Jahre alt, als sie in der Zeitung las, dass der Zugfunk Leute suchte.

Zugfunk – das waren damals keine Walkie-Talkie-Sprüche zwischen den Lokführern, sondern das war handgemachter Rundfunk innerhalb der großen Fernzüge. Reisende in den 1950er Jahren wussten, dass der Blitzpfeil in den Fahrplanspalten nicht auf Elektroloks hinwies, sondern dem jeweiligen Zug einen eigenen Funksprecher bescheinigte. Annelore Schulz reizte diese Aufgabe, und sie bewarb sich in Berlin, da der Zugfunk direkt der Politischen Abteilung des Ministeriums für Verkehrswesen unterstand.

„Es war der 13. August 1954“, erinnert sich die heute in Berlin lebende Seniorin. „In einem Prüfungsgespräch wurden Kenntnisse in Geografie, Literatur, Musik abgefragt, und es wurde die Aussprache unter die Lupe genommen.“ Freilich spielte auch die politische Einstellung damals eine große Rolle, doch die junge Frau überzeugte offenbar auch so: „Ich war nie in einer Partei, nicht mal in der FDJ, trotzdem bekam ich die Anstellung beim Zugfunk sofort.“

An der Sprache wird gefeilt

Die neue Zugfunkerin entschied sich für die Außenstelle Erfurt als Dienstort. Ein junges Kollektiv erwartete sie dort, die wenigsten waren wirklich Eisenbahner. Es waren vor allem Verwaltungsangestellte, auch eine Schauspielstudentin hatte sich mit Erfolg beworben. „Es war eine wunderbare Truppe, noch heute halten Freundschaften untereinander“, schwärmt Annelore Schulz. Nur die regelmäßigen Weiterbildungstage sind nicht so gut in Erinnerung, denn da gab es auch schon mal die eine oder andere Kritik, vor allem aber „Argumentationsvorgaben aus Berlin“.

Ständig betreut wurde die Truppe von Bruno Lorenz. Der Schauspieldozent kam aus Leipzig und begleitete die Zugfunker mit fundierter Sprecherziehung. „Ich hatte mit der Sprache ja weniger Probleme, aber manche mussten richtig ackern, um ihren Thüringer oder sächsischen Dialekt abzulegen. Wie so etwas beim Hörer ankam, spürten wir sofort, wir hatten ja direkten Kontakt.“

Speisezettel bis Stationsansage

Vor allem in zwei Zügen war die Oberlausitz mit dem Zugfunk verbunden. Die meisten Schnellzüge der Strecken Zittau–Görlitz–Berlin und Görlitz–Erfurt (beide hielten in Löbau) wurden so beschallt. Die Sprecher begrüßten und verabschiedeten die Fahrgäste, wiesen auf einige Sehenswürdigkeiten hin, informierten über die Haltestellen und gaben Angebote der Mitropa-Speisewagen bekannt. Dazwischen spielten sie Musiktitel, oder sie legten Tonbänder auf, die vom Berliner Rundfunk vorproduziert waren. Diese Bänder enthielten kurze Hörspiele, so das Kriminalstück „Signal auf Halt“, aber auch informative Ratgebersendungen oder humorvolle Magazine, zum Beispiel „Was sagt der Doktor?“ oder „Aus dem Kino“. „Die Auswahl und Zusammenstellung war uns weitgehend selbst überlassen, da redete man uns kaum rein“, betont Annelore Schulz, die sich damals oft auch mit kleinen Gedichten und Geschichten selbst auf ihre Moderationen vorbereitete. „Vor allem in der Weihnachtszeit kam so etwas immer sehr gut an.“ Dazwischen gab es aktuelle Hinweise zu Verspätungen oder Suchmeldungen. Nachrichten wurden vom Radio übernommen. „Das funktionierte meist aber nicht, weil der Empfang während der Bahnfahrt schwankte.“

Pausen gehörten zum Plan

Die Zugfunkkabinen – ab 1955 zwischen der 1. und 2. Wagenklasse eingeordnet – enthielten Plattenspieler, Tonbandgerät und Sendeanlage. Gesendet wurde in Blöcken von etwa 20 Minuten, dann folgte eine meist ebenso lange Pause. „Die Pausen legten wir auf Abschnitten mit größeren Streckengeräuschen ein, da hatten wir schnell unsere Erfahrungen. Die Reisenden konnten die Lautsprecher abstellen. Für amtliche Durchsagen konnten wir das aber auch unterbrechen“, ergänzt die einstige Sprecherin. Sie fuhr damals oft nach Rügen und Berlin, wobei diese Züge stets durch Oderwitz, Ruppersdorf, Herrnhut, Ober- bzw. Niedercunnersdorf und Großschweidnitz fuhren, ehe sie in Löbau hielten. Meist war Annelore Schulz aber auf der Strecke Erfurt–Görlitz unterwegs: „Da konnte ich immer wieder mal zu Hause sein.“

Das Ende kam schnell

Immer hatte Zugfunk auch einen politischen Aspekt. Er sollte zu besonderen Anlässen (DDR-Jahrestage, Funktionärsgeburtstage) agitatorisch wirken. „Dabei haben jetzt Rundfunk, Fernsehen und Tagespresse ein hohes Niveau“, schätzte die Reichsbahn-Hauptverwaltung 1961 in einem Bericht ein. Die Zugfunker lasen ihn als das Aus für ihre Einrichtung. Sie behielten Recht.

Annelore Schulz wechselte nach fünf

Jahren Zugfunk 1959 nach Berlin, studierte und war dann bis zum Ruhestand Reporterin/Redakteurin bei Radio DDR.