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In der Spirale von Sucht und Straftaten

Ein Mann beging immer wieder Straftaten, Anfang 2017 seine vorerst letzte. Ins Gefängnis muss er trotzdem nicht.

© Symbolbild/dpa

Von Yvonne Popp

Die Kindheit des Angeklagten war geprägt von Gewalt. Vom Stiefvater geschlagen und missbraucht, floh Veit K., gerade zehnjährig, das erste Mal von zu Hause. Um nicht hungern zu müssen, stahl er Lebensmittel. Nachts fand er Unterschlupf in Gartenlauben. Was danach kam, war nicht weniger dramatisch.

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Für K. begann eine Odyssee durch verschiedene Kinder- und Erziehungsheime. Auch dort fand er nirgends häusliche Geborgenheit, wurde von älteren Kindern, aber auch Erziehern drangsaliert. Doch am schlimmsten sei für ihn gewesen, sagt der heute 55-Jährige am Landgericht in Dresden, dass ihm niemand geglaubt habe, was ihm von seinem Stiefvater angetan worden war. Veit K. ist wegen unerlaubten Besitzes und Handeltreibens mit Betäubungsmitteln angeklagt. „Der war damals in seinem Kombinat angesehen und Mitglied der SED“, erklärt er. Gegen so jemanden sei man zu DDR-Zeiten einfach nicht angekommen, schon gar nicht als Kind.

Bereits mit elf Jahren kam Veit K. das erste Mal mit Alkohol in Kontakt. Seinen ersten Rausch hatte er mit zwölf. Zwei Jahre später kamen Medikamente dazu. „Im Jugendheim Halle warfen wir uns alles ein, was zu kriegen war, sogar Reinigungsmittel“, berichtet er. „Ich habe Dinge erlebt, die können Sie sich nicht vorstellen“, sagt er und räumt ein, im Rausch das Vergessen gesucht zu haben.

Von der Sucht wurde dann auch sein Erwachsenenleben maßgeblich bestimmt. Zuerst trank er hauptsächlich, später überwog ein Mischkonsum aus Drogen und Schmerzmitteln. Über die Jahre hinweg beging er so immer wieder Diebstähle und andere Straftaten. Mehrmals wurde er deswegen zu Freiheitsstrafen verurteilt.

Die beiden letzten aus den Jahren 2006 und 2013 musste der dreifache Vater aber nicht im Gefängnis verbüßen. Da klar war, dass seine Sucht der Auslöser für sein kriminelles Handeln war, hatte das Gericht die Unterbringung im Maßregelvollzug angeordnet. Therapie statt Strafe war der Tenor. Doch der Versuch, den Mann in ein drogenfreies Leben zu führen, scheiterte. Am 10. November 2015 floh Veit K. schließlich während einer unangemeldeten Drogenkontrolle aus dem gelockerten Maßregelvollzug.

Nachdem er über ein Jahr auf der Flucht gewesen war, konnte er am 25. Januar dieses Jahres von Zielfahndern des sächsischen Landeskriminalamts im Freitaler Ortsteil Pesterwitz festgenommen werden. Bei ihm fanden die Einsatzkräfte auch einen Rucksack. „Das ist meiner, und der ist bis zum Rand voll mit Drogen“, gestand der Flüchtige, noch bevor die Beamten danach gefragt hatten. Tatsächlich befanden sich im Rucksack, aufgeteilt in verschiedene Behältnisse, insgesamt 302 Gramm Crystal und 192 Gramm Marihuana.

Vor der großen Strafkammer am Landgericht in Dresden erklärt der Angeklagte, dass er die Drogen erst wenige Tage vor seiner Festnahme erworben hatte. Von wem, das verrät er nicht – aus Angst um sein Leben. Er sagt, dass durch seine Sucht erhebliche Schulden bei mehreren Drogenhändlern aufgelaufen waren. Diese hätten wegen der Rückzahlung erheblichen Druck auf ihn ausgeübt. Das Crystal und das Marihuana, so teilt K. weiter mit, habe er auf Kommission von diesen Männern bekommen. Einen Teil davon wollte er für sich verwenden, den anderen wollte beziehungsweise musste er verkaufen, um so seine Außenstände tilgen zu können.

Aber auch dieses Mal muss der Angeklagte nicht ins Gefängnis. Für die nächsten drei Jahre und sechs Monate soll er sich in der Maßregelvollzugsanstalt Großschweidnitz erneut seiner Sucht stellen. Man habe gesehen, so sagt Richter Christian Linhardt, wie Gewalt und Missbrauch in der Kindheit in eine Spirale von Sucht und Straftaten führen. Man wolle dem Angeklagten eine letzte Chance geben.