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Feuilleton

„In die Kapelle war ich vom ersten Tag an verliebt“

Maestro Herbert Blomstedt freut sich: Legendäre Beethoven-Aufnahmen aus Dresden sind wieder da – und noch schöner.

Dirigent Herbert Blomstedt auf dem Dresdner Theaterplatz vor der Semperoper.
Dirigent Herbert Blomstedt auf dem Dresdner Theaterplatz vor der Semperoper. © Robert Michael

Endlich wieder da: Die legendäre Gesamtaufnahme aller neun Beethoven-Sinfonien der Staatskapelle Dresden aus den 70er-Jahren ist wieder und noch schöner zu haben. Das Label Berlin Classics hat jetzt die unter Leitung von Chefdirigent Herbert Blomstedt entstandenen Originalbänder restauriert und digitalisiert: Ein Genuss. Es fehlt der damals übliche romantisch schwere Ausdruck ebenso wie die aufkommende abgeklärt-analytische Rationalität. Blomstedt legte Wert auf Durchhörbarkeit, erfüllte jede Sinfonie mit dem ihr eigenen Gestus – von erhaben bis zerklüftet, von zupackend bis sehnsüchtig. Ein Gespräch mit dem 92-Jährigen über das Ton-Dokument, die Kapelle als widerspenstige Kuh und leckeren Haferbrei.

Herr Blomstedt, wie geht es Ihnen, was machen Sie daheim in der Schweiz?

365 Tage für Patienten da
365 Tage für Patienten da

Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Mir geht es ausgezeichnet, geradezu unverschämt gut. Ich gebe regelmäßig per Videokonferenz Meisterklassen für Dirigierstudenten in Wien, Zürich und Helsinki. Ansonsten nutze ich die Zeit, mich ganz tief in Partituren zu vertiefen.

Aber Sie dürften doch jedes Stück schon x-fach musiziert haben. Was versuchen Sie, da noch zu entdecken?

Das Studium und das Suchen nach Neuem sind meine Leidenschaft. So nehme ich das Partiturstudium als eine Art Frühsport. In jedem Konzert gibt es Stellen, die ich im Rückblick anders machen würde – auch wenn ich insgesamt zufrieden war. Änderungsbedarf notiere ich mir. Musizieren ist für mich ein Work in Progress – man kommt bei den größten klassischen Werken nie an einen endgültigen Punkt.

Experten glauben aber genau das in Ihrer Einspielung aller Beethoven-Sinfonien mit der Staatskapelle von 1975 bis 1980 zu hören. Was sagen Sie?

Dass die Aufnahmen jetzt wieder repräsentativ neu aufgelegt werden, ist eine gute Idee. Sie waren natürlich nie verschwunden auf dem Markt. Das lag sicher an der Qualität der Kapelle als auch am günstigen DDR-Preis. Ich merke das vor allem bei den Autogramm-Momenten nach den Konzerten. Viele kommen dann genau mit diesen Aufnahmen. Natürlich, mein Beethoven-Zyklus mit dem Gewandhausorchester vor wenigen Jahren war interpretatorisch reifer und für meine heutigen Begriffe schöner. Aber ich begrüße diese Dresdner Neuauflage sehr, weil sie die einmalige Qualität der Kapelle dokumentiert. Dieser Anspruch der Musiker an das perfekte Zusammenspiel für einen ganz besonderen, unverwechselbaren Klang hatte mich ja damals bewegt, ein Orchester in der DDR, einem Land, das mir politisch höchst unsympathisch war, überhaupt zu übernehmen.

Es soll skurrile Geschichten geben, wie die Dresdner Sie bearbeitet haben.

Ja, die haben nicht lockergelassen, obwohl die erste Begrüßung 1969 in Ostberlin nicht einladend war: kalt, dunkel und unhöfliches Personal. Aber dann kam ich in Dresden an. Alle lächelten und spielten so schön. Und das, obwohl ich mit der Fünften von Carl Nielsen ein Stück ausgewählt hatte, das für die Kapelle neu war. Nach der ersten Probe war sie dennoch nahezu perfekt. Mir hat diese technische wie musikalische Meisterschaft imponiert. Und dann kamen die Musiker, zeigten mir die Sächsische Schweiz und die herrlichen Silbermann-Orgeln in Freiberg. Einmal sind wir zu einem Augenarzt nach Döbeln gefahren, der mir nicht nur half, sondern als Selbstmusizierender neue Einsichten auf Engelbert Humperdinck schenkte. Nach zweieinhalb Jahren sagte ich zu, habe dann bis zum Amtsantritt quasi schon wie ein Chef gearbeitet. Ja, ich war vom ersten Tag an verliebt. Diese Qualität und das Selbstbewusstsein der Kapelle habe ich so eigentlich nie wieder erlebt.

Dennoch zitieren Sie gern den ehemaligen Chefdirigenten Fritz Busch, die Kapelle sei „wie eine widerspenstige Kuh“.

Ja, das geht! Fritz Busch war wie ich nach den ersten Begegnungen überwältigt von der Kapelle und davon, welche Entdeckungen mit ihr möglich waren. Busch erschlossen sich klangliche Dimensionen, die er nicht für möglich gehalten hatte. Mir ging es so bei der Kapelle etwa mit Richard Strauss, den ich für oberflächlich gehalten habe, und dann entdeckte, wie raffiniert und schön er instrumentieren konnte. Was Busch mit der Kuh meinte, ist Folgendes: Wenn die Kapelle ihrer Tradition, ihren Klangidealen folgt, dann tut sie das konsequent. Wer versucht, da etwas zu ändern, hat es schwer.

Herbert Blomstedt bei den Beethoven-Aufnahmen in den 1970er-Jahren in der Dresdner Lukaskirche: „Es ist perfekte Musik, jede Note ein psychologisches Drama.“ Gerade deswegen besitzt Blomstedts Interpretation stets menschliche, empfindsame bis freundliche
Herbert Blomstedt bei den Beethoven-Aufnahmen in den 1970er-Jahren in der Dresdner Lukaskirche: „Es ist perfekte Musik, jede Note ein psychologisches Drama.“ Gerade deswegen besitzt Blomstedts Interpretation stets menschliche, empfindsame bis freundliche © Hansjoachim Mirschel

Von 1998 bis 2005 haben Sie das Leipziger Gewandhausorchester geführt. Was unterscheidet die beiden sächsischen Spitzenklangkörper?

Sie unterscheiden sich klanglich, und das bekommt auch das Publikum unmittelbar mit. Entscheidend ist die Psychologie. Beide sind stolze Orchester, aber die Staatskapelle lässt einen das stärker spüren. Die Kapelle ist das ältere Orchester, gegründet am kurfürstlichen Hof. Das Gewandhausorchester pflegt einen pragmatischeren Umgang mit seiner Tradition als ältestes bürgerliches Orchester. Die Dresdner sind zielbewusst und konsequent. Die Leipziger Musiker sind offener und flexibler.

Wenn Sie so glücklich in Dresden waren, warum haben Sie dann 1985 diese Affäre zugunsten des Sinfonieorchesters von San Francisco beendet?

Nach zehn als Chef und zuvor fünf Jahren als Quasi-Chef war eine Zeit gekommen, Neues zu probieren. Sonst wird es zu viel Routine. Künstlerisch und menschlich war ich mit den Musikern der Kapelle, war ich mit dem Dresdner Publikum wirklich glücklich. Aber es gab die politische Dimension, dass das DDR-Kulturministerium und die Künstleragentur die Kapelle regelrecht missbrauchten. Um Devisen einzufahren, wurde das Orchester immer wieder in Gruppen und Ensembles aufgeteilt und in den Westen geschickt. Es kam zu Situationen, dass uns bei Projekten oder Gastspielen wichtige Leute fehlten. Diese Kämpfe kosteten viel Kraft. Der andere Grund fürs Abschiednehmen lag an der Wiedereröffnung der Semperoper 1985. Dadurch konnte und sollte die Kapelle mehr Oper spielen als im Großen Haus. Doch ich bin, obwohl ich in Dresden auch Opern geleitet habe, ein ausgesprochener Konzertdirigent.

Was reizte Sie an San Francisco?

In Amerika traf ich auf ein sehr virtuoses Orchester, eine Art technische Leistungsmaschine. Damit waren diese Musiker denen von der Kapelle in mancher Hinsicht ebenbürtig, aber ihnen fehlte die große Tradition. Deshalb hatte man mich angesprochen. Man wollte jemanden, der viel von der europäischen Musiktradition in dieses typisch amerikanische Orchester einbringt. Diesen stetigen Wechsel im beruflichen Leben habe ich immer als Geschenk betrachtet. Ebenso war es ein Geschenk, dass ich nach der Chefzeit immer wieder zur Kapelle zurückkehren konnte und mittlerweile Ehrendirigent bin. Gut 400 Konzerte haben wir bislang gemacht.

Im Juli, um Ihren 93. Geburtstag herum, war mit Ihnen in der Semperoper ein Sinfoniekonzert geplant – mit Beethoven. Das wird nun wohl nichts, oder?

So sieht es aus. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, auch weil das Beethoven-Klavierkonzert eine der wenigen Kompositionen gewesen wäre, die ich im Jubiläumsjahr von einem meiner Lieblingskomponisten musiziert hätte. Beethoven ist nun mal Chefsache, und der bin ich nicht mehr, was in meinem Alter gut ist. Er macht eine Musik, die nach Innen führt. Das Revolutionäre, das man gern seinem Werk zuschreibt, ist für mich, was sie mit uns macht und welche neuen Sichten sie uns beschert.

Sie sind höchst vital. Woran liegt das?

Ich lebe gesund, mache leichten Sport, schlafe viel und werde durch die Musik immer wieder neu belebt. Und da ist natürlich die tägliche Portion Hafergrütze. In den nordischen Ländern wächst Hafer, wo kein Weizen mehr gedeiht. Deshalb ist er dort sehr verbreitet. Im Hotel denken immer alle, wenn ich Hafergrütze bestelle, ich sei magenkrank. Daheim koche ich sie mir jeden Tag – natürlich verfeinert mit Köstlichkeiten wie Datteln und Nüssen. Das ist ein einfaches, aber gutes und sehr nahrhaftes Essen. Das gibt mir bis zum Abend Energie.

Das Gespräch führte Bernd Klempnow.