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In Dresden werden jetzt Hühner vermietet

Morgens ein Frühstücksei aus dem Garten holen - das ist für viele eine verlockende Vorstellung. Welche Verantwortung daran hängt, kann jetzt ausprobiert werden.

Alexander Florek will seine Söhne Frieder (r.) und Neo erleben lassen, dass Eier nicht aus dem Supermarkt kommen.
Alexander Florek will seine Söhne Frieder (r.) und Neo erleben lassen, dass Eier nicht aus dem Supermarkt kommen. © Sven Ellger

Dresden. So mancher hatte wahrscheinlich schon bei der Überschrift ein unschönes Bild vor Augen. Ein Bild von armen Tierchen, die Tag für Tag in ein anderes Kinderzimmer verfrachtet werden, wo sie der Willkür der Hobby-Hühnerhalter ausgesetzt sind.

Die Realität sieht ein wenig anders aus. Als Alexander Florek vor einigen Wochen die Idee hatte, seine Hühner zu vermieten, war er nicht auf der Suche nach neuen Einnahmequellen. "Es geht mir in keiner Weise ums Geld", betont der Vater, der in Radebeul als Arzt arbeitet. Vielmehr wolle er einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Menschen wieder mehr Verständnis für die Natur entwickeln. 

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Als seine Söhne sich vor zwei Jahren Haustiere wünschten, tagte zunächst der Familienrat. Hunde und Katze kamen wegen verschiedener Allergien nicht infrage. Die Tiere sollten das ganze Jahr über draußen leben können, pflegeleicht sein und im besten Fall sogar einen Nutzen bringen. Zum Beispiel jeden Morgen frische Eier. 

Die ersten vier Hühner bekamen hinter dem Haus in Gorbitz ein kleines Paradies eingerichtet. Etwa ein Drittel des Gartens wurde mit Zäunen für sie reserviert. Schön schattig, mit einem gemütlichen Häuschen für die Nacht. Vor acht Monaten setzte Alexander Florek dann einen Zwerghahn dazu, der sogleich großes Interesse an den Hennen zeigte. Wenig später sorgte eine Glucke für den ersten Nachwuchs. 

Inzwischen laufen und picken sich acht Hühner durch den Garten. Abwechselnd kümmern sich die großen Söhne Frieder und Leander jeweils eine Woche um das Füttern und Ausmisten. Eine besondere Erziehungsmaßnahme. Könnte man dieses Verantwortungsgefühl vielleicht auch anderen vermitteln, fragte sich Alexander Florek. Zuvor hatte er schon gute Erfahrungen mit anderen Vermietungen gemacht, zum Beispiel von Dachboxen.

Allerdings sind Dachboxen keine Lebewesen. "Für uns war von Anfang an klar: Wenn wir so etwas anbieten, dann nur unter ganz bestimmten Bedingungen", sagt Florek. Er lege großen Wert auf seine Bio-Haltung und wolle das auch beim Verleih gewährleisten. Heißt: mindestens fünf Mal fünf Meter Auslauf für vier Hühner. 

"Ich schaue mir vorher genau an, wo die Hühner gehalten werden sollen." Betonflächen oder sonstiges kämen nicht infrage, Wohnungen schon gleich gar nicht. "Nur, wenn ich ein gutes Gefühl habe, willige ich ein."

Die Mindestmietdauer liegt bei einer Woche. Pro Tag kostet das die Interessenten 15 Euro, inklusive  Futter und Anlieferung im Umkreis von etwa 30 Kilometern. Ein eher symbolischer Betrag, wenn man bedenkt, was die Familie allein in den mobilen Stall investiert hat.

"Keine Attraktion beim Kindergeburtstag"

Das rot angestrichene Häuschen mit abnehmbarem Dach ist ein Corona-Projekt. Alle haben hier mitgewerkelt. Das Ergebnis ist mehr als eine Bretterbude: Die Tür öffnet und schließt sich automatisch je nach Helligkeit. Bei Kälte wird sogar die Wasserschale beheizt.

Alle Hühner sind geimpft, haftpflichtversichert und beim Veterinäramt angemeldet. Gerade sind sie von der ersten Vermietung in Weinböhla zurückgekehrt. Jetzt soll sich das Angebot herumsprechen, das sich unter anderem an Familien richtet, die sich noch unsicher sind, ob Hühner was für sie (und ihre Nachbarn) sind. 

Auch Kindertageseinrichtungen, Schulen und Seniorenheime hätten möglicherweise Bedarf. "Als Attraktion beim Kindergeburtstag werden unsere Hühner mit Sicherheit nie dienen", betont Florek.

All das klingt nach viel Tierliebe und doch weiß auch er, dass andere Tierfreunde das Konzept grundsätzlich kritisieren werden. "Hühner sind Individuen und keine Ware, die man vermieten kann, weil man deren Eier essen möchte", sagt beispielsweise Lisa Kainz von der Tierrechtsorganisation Peta. Auch bei besten Haltungsbedingungen werde den Tieren eine häufige Eingewöhnung in ein neues Zuhause und an fremde Menschen zugemutet. "Dabei sind diese Vögel sehr sensibel und je nach Charakter des Tieres kann dies sehr belastend für die Hühner sein."

Letztlich muss die Entscheidung, was für ein Huhn zumutbar ist, wohl jeder für sich selbst treffen. Alexander Florek und seine Familie starten mit gutem Gewissen in dieses Projekt. Sie lieben ihre Hühner - und wollen ihre Begeisterung nun teilen.

Wenn dabei tagsüber mal ein Huhn vom Habicht geholt wird, dann muss der Mieter es nicht ersetzen. Nur wenn ein Tier nachts abhanden kommt, sind 30 Euro Kaution fällig, steht in den Geschäftsbedingungen. Ein paar Regeln muss es dann doch geben. 

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