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„Ich ziehe die Russen den Amerikanern vor“

Der Frontmann der Mittelalter-Rocker von In Extremo spricht im Interview über spezielle Vorlieben, Botschaften und die Lust auf Bier.

Singt gerne mal ein paar Verse auf Latein, obwohl er die Sprache gar nicht beherrscht: Michael Rhein alias Das letzte Einhorn hat mit seiner Mittelalterrock-Band In Extremo eben ein neues Album veröffentlicht.
Singt gerne mal ein paar Verse auf Latein, obwohl er die Sprache gar nicht beherrscht: Michael Rhein alias Das letzte Einhorn hat mit seiner Mittelalterrock-Band In Extremo eben ein neues Album veröffentlicht. ©  dpa

Wenn man mit dem Wissen von heute auf das Ende Februar geführte Interview mit Sänger Michael Robert Rhein schaut, wird einem ganz wehmütig ums Herz. Völlig unbefangen sprach man damals von Bier, von Geselligkeit, von Konzerten. Tja, es ist, wie es ist, und zum Glück bleibt die Musik, die den Anlass des Gesprächs bildete, ja erhalten. „Kompass zur Sonne“ heißt das 13. Studioalbum der 1995 in Berlin gegründeten Rockband mit mittelalterlichem Einschlag, und es fährt alles auf, was In Extremo so einzigartig macht: Echte Bretter wie „Troja“ oder „Narrenschiff“, Dudelsack, Pfeifen, Flöten und andere alte Instrumente sowie wohldosierte Sozialkritik. 

Ein Interview mit Michael Rhein alias Das letzte Einhorn, dem 1964 im Thüringischen Dingelstädt geborenen Frontmann der Band, der gegenwärtig tatsächlich im Rheinland lebt.

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Ihr Album heißt „Kompass zur Sonne“. Ein ganz schön positiver Titel für so eine harte Rockband, oder?

Das stimmt. Auch der gleichnamige Song ist ja fast schon ein Liebeslied, auf alle Fälle eher lebensbejahend. Wir fänden es als die erwachsene Band, die wir sind, albern, jetzt beispielsweise einen Totenkopf mit blutigem Auge aufs Albumcover zu drucken. So nach dem Motto: Schwerer Sound mit düsterer Symbolik. Wir sind im Vergleich mit vielen anderen Bands in unserem Bereich dann doch eher die lustigen, lockeren und unbeschwerten Vögel.

In Extremo feiern 2020 ihr 25-jähriges Bestehen. Was bedeutet Ihnen das Jubiläum?

Sehr viel. Wer hätte das damals gedacht? Wir waren die Vorreiter, die Pioniere in diesem Geschäft. Es gab für uns keine Vorbilder, und wir finden es eigentlich ganz cool, dass wir manchmal ein bisschen nachgeahmt werden. Jedenfalls haben wir für viele andere Bands den Boden bereitet. Und auf einer persönlichen Ebene haben wir einiges durchmachen müssen, Krankheiten und andere Dinge, wir sind und waren auch nie Kostverächter. Dass wir noch so gut beieinander sind, finde ich richtig klasse. Wir sind eine Band, die nach wie vor total polarisiert. Entweder man liebt uns, oder man kann nicht viel mit uns anfangen. Wenn jemand sagt: Ich muss verstehen, was der Sänger da singt, dann sind wir für ihn schon mal die Falschen.

Haben Sie bei „Kompass zur Sonne“ irgendetwas bewusst anders als bei den vorigen Platten gemacht?

Wir wären ja schön doof, wenn wir in 25 Jahren und auf 13 Studioalben nichts dazugelernt hätten. Gleichzeitig wissen wir, was wir am besten können. Und so haben wir dieses Mal wieder mehr Wert auf kräftigen Rock’n’Roll gelegt, und wir haben auch die mittelalterlichen Instrumente wieder stärker nach vorne gestellt. Die neuen Songs, etwa „Troja“, peitschen richtig ein und gehen nach vorne. Wir wollten nach vier Jahren ohne Album mit neuen Songs zurückkommen, die richtig auf die Pauke hauen.

Ein Lied heißt „Schenk noch mal ein“, ein anderes „Biersegen“, und auch in „Reiht euch ein, ihr Lumpen“ geht es um ein Gelage. Wie wichtig ist der Alkohol für In Extremo?

Es gibt bei uns schon immer was zu trinken, wenn wir proben oder komponieren. Aber wir wissen damit umzugehen. Bier verbindet und schmeckt einfach sehr gut.


Sie singen beim Song „Biersegen“ lateinische Verse. Weshalb?

Die Musik von „Biersegen“ basiert auf einer alten Cantiga, also einem portugiesisch-gälischen Volkslied. Die Wurzeln von In Extremo liegen nun einmal in der mittelalterlichen Musik, und die Fans erwarten von uns, dass wir die eine oder andere Zutat aus den frühen Jahren auch präsentieren. Dazu gehören auch die unterschiedlichen Sprachen. Ich singe auf „Kompass zur Sonne“ in Deutsch, Latein, Schwedisch und Russisch.

Beherrschen Sie Latein?

Nö. Ich lerne die Texte auswendig. Man muss die Sprache nicht verstehen, um die Aura eines Songs zu spüren. Wir versuchen mit In Extremo, eine ganz eigene Welt zu erzeugen.

In „Lügenpack“ heißt es: „Wir jagen euch mit dem Dudelsack.“ Ein politischer Song?

Ja. Das ist ein ernstes Lied mit Schalk im Nacken. „Lügenpack“ richtet sich gegen die rechten Parteien und den Rechtsruck als solchen, mit dem wir große Bauchschmerzen haben. Auch „Saigon und Bagdad“ bezieht klar Stellung. Der Song prangert grundsätzlich alle Kriegstreiber auf der Welt an, die scheinbar nichts aus der Geschichte gelernt haben. Und innenpolitisch greifen wir damit die Politiker an, die unsere Freiheit notfalls mit Waffengewalt zunichtemachen würden, wenn sie etwas zu sagen hätten. Rassismus und Faschismus haben bei uns keinen Platz.

Was passiert, wenn doch mal ein Rechtsextremer bei Ihren Konzerten auffällig wird?

Wir hatten es einmal, dass jemand den Hitlergruß gemacht hat. Wir haben sofort unterbrochen und denjenigen rausgeschmissen. Du kannst den Leuten nicht in den Kopf gucken, aber Rufe und Gesten, die in diese Richtung gehen, tolerieren wir nicht. Und ich bin mir sicher, dass die allermeisten unserer Fans kein rechtes Gedankengut tolerieren.

Sie kritisieren in „Saigon und Bagdad“ vor allem die US-amerikanische Kriegspolitik. Aber wie sieht es mit den Russen aus? Sie spielen regelmäßig dort, haben viele Fans, aber in völkerrechtlichen Fragen bewegt sich die Regierung Putin auf sehr dünnem Eis, um es mal vorsichtig zu formulieren.

Ich liebe Russland. Wir spielen dort wahnsinnig gerne. Von der Mentalität her ziehe ich die Russen den Amerikanern eindeutig vor. Vielleicht liegt das auch daran, dass wir in der DDR geboren und mit einer ganz anderen Weltsicht aufgewachsen sind. Mir ist klar, dass Putin viele Fehler macht, aber warum sollten wir in diesem Land nicht spielen? Die Leute können doch nichts dafür. Außerdem spielen wir selbstverständlich auch in der Ukraine.

Ist es wieder möglich, von der Ukraine nach Russland zu reisen?

Nein, die Grenze ist sehr hart, das gäbe Probleme. Wir haben da einen Trick. Wir spielen zwischendurch in Minsk, quasi als Puffer. Weißrussland kommt mit beiden klar. Überhaupt touren wir immer noch wahnsinnig gerne. Ich liebe es auch, in Südamerika zu spielen oder in Mexiko. Und letztes Jahr im Herbst waren wir zum ersten Mal in Japan. Das war fantastisch. Dank Internet waren die Japaner echt textsicher.

Das Interview führte Steffen Rüth.

Das Album: In Extremo, Kompass zur Sonne. Universal

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