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Dippoldiswalde

In Glashüttes Unterwelt

Vor 500 Jahren begannen Bergleute, nach Silber zu suchen. Ein Verein will die Gänge nicht nur bewahren.

Thomas Witzke in der sogenannten Haspelkammer im Oberen-Sankt-Jacob-Stollen.
Thomas Witzke in der sogenannten Haspelkammer im Oberen-Sankt-Jacob-Stollen. © Egbert Kamprath

Um in die Glashütter Unterwelt einzusteigen, geht es erst einmal bergauf. Zumindest wenn man den Oberen-Sankt- Jacob-Stollen vom Glashütter Bremhang erkunden möchte. Thomas Witzke, der Chef vom Glashütter Bergbauverein, der sich für eine Führung bereit erklärt hat, zeigt auf den Wald oberhalb des Glashütter Friedhofs. Dort ist der Einstieg. Zehn Minuten später stehen wir an einem Schacht.

Witzke, 55 Jahre, drahtig und ein Experte des Glashütter Altbergbaus, öffnet die Luke. Über drei Leitern, bergmännisch Fahrten genannt, steigen wir gut elf Meter ins Erdreich. „Das ist kein Besucherbergwerk“, sagt Witzke. Deshalb gibt es hier keine Beleuchtung. Nur die Lampen am Helm leuchten uns den Weg aus – das aber sehr gut. Der Cunnersdorfer, der bei der Bergsicherung Freital arbeitet, kennt sich hier unten wie kein Zweiter aus. „Der Obere-Sankt-Jacob-Stollen tauchte das erste Mal 1525 in den Bergbüchern auf“, erzählt er. Er gehört damit zu den älteren Anlagen in Glashütte, wo der Bergbau um 1490 begann und seine Blüte im 15. und 16. Jahrhundert hatte. Später ging es auf und ab, 1875 wurde der Bergbau für beendet erklärt. Der Stollen ist etwa 650 Meter lang und verbindet den Bremhang mit der Bergbaulandschaft an den Hirtenwiesen oberhalb der Glashütter Grundschule. Er gehört zu den Hauptstollen in der Glashütter Bergbaulandschaft, erzählt Witzke.

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Hinterlassenschaft der Altvorderen: Mühsam kämpften sich die Bergleute mit Schlegel und Eisen durch den Berg. Im Stollen ist das noch gut zu sehen.
Hinterlassenschaft der Altvorderen: Mühsam kämpften sich die Bergleute mit Schlegel und Eisen durch den Berg. Im Stollen ist das noch gut zu sehen. © Egbert Kamprath

Dann lädt der Bergmann zur Erkundung ein. Und die ist leichter als erwartet. Der Stollen ist so angelegt, dass wir fast durchweg aufrecht gehen können. Über weite Strecken sind die Spuren der Altvorderen zu erkennen. „Diese Stelle wurde geschlägelt“, sagt Witzke und zeigt auf die Rillen an der Wand und in der Decke. Dass diese Streckenabschnitte so lang sind, das ist das Besondere am Glashütter Altbergbau. Bergleute, die 1870 noch einmal eingestiegen sind, um weiter nach Silber zu suchen, mussten diese Gänge nicht durch Sprengungen aufweiten.

Witzke stoppt. Er zeigt auf kleine, dunkle Krümel. „Das ist Kot von Fledermäusen“, sagt er. Diese Flattertiere haben den Stollen als Winterquartier entdeckt, obwohl der Zugang nicht optimal ist. „Hier gibt es kein Mundloch, sondern nur ein kleines Loch in der Luke“, sagt Witzke. Damit die Fledermäuse besser ein- und ausfliegen können, möchte er gern den Zugang umgestalten. „Ich hatte schon Kontakt mit den Naturschützern“, sagt er. Die Aussichten, das gefördert zu bekommen, ständen nicht schlecht. Allerdings habe er noch keinen Antrag gestellt.

Überbleibsel aus jüngerer Zeit: Zwischen 2003 und 2015 ertüchtigten die Mitglieder des Bergbauvereins den Stollen mit diesen Arbeitsgeräten.
Überbleibsel aus jüngerer Zeit: Zwischen 2003 und 2015 ertüchtigten die Mitglieder des Bergbauvereins den Stollen mit diesen Arbeitsgeräten. © Egbert Kamprath

Weiter geht es in Richtung Berg. Nach ein paar Metern müssen wir unsere Köpfe einziehen. Der Hauptstollen biegt nach rechts ab, eine Art Umleitung. „Das ist ein Umbruch“, erklärt Witzke. Dieser Gang wurde von den Bergleuten 1870 angelegt, weil der Hauptstollen eingefallen ist.

Der Obere-Jacob-Stollen diente über Jahrhunderte hauptsächlich zur Entwässerung der Bergbauanlagen. Von hier aus gruben sich die Bergleute aber auch in den Berg. Witzke zeigt auf die Abzweigungen rechts und links. „Sie suchten nach Silber, fanden aber auch Kupfer und Blei, das sie auch mitnahmen.“ Oberhalb und unterhalb des Stollens wurden laut den Bergbüchern rund drei Tonnen Silber gefunden. Für Glashütter Verhältnisse sei das viel gewesen, sagt Witzke. Hier habe man insgesamt zwölf Tonnen Silber aus dem Berg geholt, in Freiberg indes holte man drei Tonnen Silber in einem Jahr aus einer Grube.

Die früheren Bergleute leisteten ganze Arbeit. Bei seinen Erkundungen haben Witzke und seine Mitstreiter nur noch ganz winzige Spuren von Silber gefunden.

Nach gut 300 Metern erreichen wir einen großen Hohlraum. Witzke zeigt in die Ecke. Dort geht es runter in den 17 Meter tieferliegenden Unteren-Sankt-Jacob-Stollen. Dann zeigt er nach oben auf einen Schacht. Dort, auf der Erdoberfläche, stand früher eine Haspel. Mit dieser wurde das Silber nach oben befördert. „Wir nennen diesen Hohlraum Haspelkammer“, sagt Witzke. Das sei zwar bergmännisch nicht korrekt, aber jeder wisse, was gemeint ist.

Das „Werk“ der Natur: Im Stolln „wachsen“ auch die bekannten Tropfsteine, die Stalaktiten (von oben nach unten) und die Stalagmiten.
Das „Werk“ der Natur: Im Stolln „wachsen“ auch die bekannten Tropfsteine, die Stalaktiten (von oben nach unten) und die Stalagmiten. © Egbert Kamprath

Würden wir unsere Erkundungen fortsetzen, würden wir nach einer Stunde in die sogenannte Radskammer kommen. In diesem zwölf Meter hohen Hohlraum rotierte einst ein Wasserrad, mit dem Wasser aus dem Berg befördert wurde. Doch der Weg dahin sei schwierig, sagt Witzke. Sein Verein musste vor fünf Jahren seine Arbeiten hier einstellen, weil es Beschwerden von Anwohnern gab. Nun hofft er auf einen Neuanfang, auch mithilfe der Stadt. Gern würde sein Verein den anderen Teil des Stollens so herrichten, dass man auch diesen begehen könnte. „Viele Glashütter wissen nicht viel von der Bergbaugeschichte“, sagt Witzke. Dabei gehöre diese genauso zur Stadt wie die Uhrenindustrie. Glashütte sollte sich als Uhren- und Bergstadt vermarkten. Das sei einmalig. Witzkes Wunsch ist es, dass sich der Bürgermeister, das Bauamt und Stadträte mal zu einer Führung melden würden. Den Oberen-Sankt-Jacob-Stollen würde er gern zum Teil eines Vereinsbergwerks machen.

Witzke führt uns zum Ausgang. Unsere Erkundungstour bei angenehmen acht Grad endet nach gut zwei Stunden.

Sie wollen noch besser informiert sein? Schauen Sie doch mal auf www.sächsische.de/dippoldiswalde vorbei.

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