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In Christoph Schlingensief steckten sechs Kinder

Zum 10. Todestag des Regisseurs und Autors kommt eine beeindruckende Filmcollage ins Kino. Sie zeigt ihn mit seinen eigenen Mitteln.

Christoph Schlingensief war Aktionskünstler, Regisseur, Autor, Einmischer.
Christoph Schlingensief war Aktionskünstler, Regisseur, Autor, Einmischer. © Weltkino Filmverleih

Von Andreas Körner

Christoph Schlingensief, vor zehn Jahren mit 49 gestorben, auf die Schublade „Provokateur“ zu reduzieren, wird ihm nicht annähernd gerecht. Wer genauer hingesehen und hingehört hat, wusste es schon zu Leb- und Aktionszeiten des aufrecht streitbaren wie umstrittenen Regisseurs, Autors, politischen und gesellschaftlichen Einmischers. Nur, wie viele wollten wirklich genauer hinsehen und hinhören? Wie viele konnten diesem oft zornigen, immer unruhevollen Geist folgen?

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Sechs Kinder sei er gewesen, sagt der Oberhausener Apothekersohn in Bettina Böhlers Dokfilm „Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien“. Er spielt damit auf die Schwierigkeiten seiner Eltern an, Kinder zu bekommen. Christoph blieb ohne Geschwister. Besonders zu knabbern mit ihm hatten Mutter und Vater zeitlebens. Für sechs vielleicht?

Doch sie standen zu ihm, dann, wenn sie zu ihm stehen mussten, auch wenn sie nicht wirklich greifen und begreifen konnten, was ihr Sohn da in aller Öffentlichkeit mit sich selbst, dem Staat und dem Kulturbetrieb anstellte. Oder schon mit den Kindern im Ort, als er sie und sich zum ersten Mal filmte.

124 Minuten Schlingensief! Böhlers komplexe Montage kommt ohne übliche sprechende Köpfe aus, die zumeist huldvoll über den Protagonisten tönen. Die, die Essenzielles von sich zu geben hätten, sind trotzdem dabei. Sehr weit vorn Alexander Kluge, dessen brillante Interviews einige Kernsätze Schlingensiefs für die Ewigkeit gespeichert haben. Oder Helge Schneider, der ein enger Freund und Mit-Täter war und dieser Hommage die Musik schenkte.

Der Film besteht komplett aus originalem Schlingensief-Material mit ihm als Kompass und Moderator. Von ersten Super8-Schritten hin zu akut verstörenden Kinofilmen, vom ersten Brett, das für Christoph Schlingensief nur eine Welt war, hin zu den Arbeiten für die Volksbühne Berlin, das Burgtheater Wien und Bayreuth, von künstlerisch-aktivistischen Attacken auf Helmut Kohl und die FDP hin zur Wiener Asylbewerberschau und zum Operndorf in Afrika.

Eine Szene des Films "Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien". Der Film ist ab 20.08.2020 in den deutschen Kinos zu sehen.
Eine Szene des Films "Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien". Der Film ist ab 20.08.2020 in den deutschen Kinos zu sehen. © Weltkino Filmverleih/dpa

Trotz flutender Fülle kommt der persönliche Moment nicht zu kurz. Denn es kann bei Christoph Schlingensief nie nur ums Funktionieren seiner riskanten Kunst gehen. Der Mensch dahinter muss aufblitzen. Bettina Böhler schafft es. Diese leidenschaftliche Arbeit ist ihr Regiedebüt, nicht zuletzt weil sie im Hauptberuf eine der Besten in den Schnitträumen ist, unter anderem für Christian Petzold, Nicolette Krebitz und Margarethe von Trotta. Böhler sagt „Es ist ein Schlingensief-Film mit Schlingensief-Mitteln. Mein Fokus liegt auf der Beschäftigung Schlingensiefs mit diesem Land und seiner Vergangenheit, die bis in die Gegenwart hineinreicht … Eine wilde Jagd durch die Seelen der Nachgeborenen.“

Regisseurin Bettina Böhler kommt am Sonntag, 30. August, 18 Uhr zum Publikumsgespräch ins Programmkino Ost in Dresden.

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