merken
PLUS

„In jeder Klasse wird ein Kind gemobbt“

Schikane unter Schülern ist Alltag. Wie sollen sich Opfer verhalten? Eine Psychologin gibt Auskunft.

Mobbing auf den Schulhöfen kommt auch in unserem Landkreis vor.
Mobbing auf den Schulhöfen kommt auch in unserem Landkreis vor. © fotolia

Dieser Fall bewegt viele Menschen im Landkreis: Am Montag schilderte eine Schülerin in der SZ, wie sie in ihrer Klasse gemobbt wurde und wie diese schlimme Erfahrung ihr Leben bestimmte. Mobbing in der Schule ist keine Seltenheit, die Betroffenen leiden extrem. Nadja Ressel von der Familienberatungsstelle der Diakonie Pirna berät Mobbingopfer und deren Angehörige.

Nadja Ressel (41) ist Diplom-Psychologin und arbeitet seit 2017 in der Diakonie-Familienberatungsstelle in Pirna. 
Nadja Ressel (41) ist Diplom-Psychologin und arbeitet seit 2017 in der Diakonie-Familienberatungsstelle in Pirna.  © Foto: Daniel Schäfer

Frau Ressel, wie oft werden Kinder auf dem Schulhof in unserem Landkreis gemobbt? Gibt es Zahlen?

Anzeige
Bavaria Klinik stellt sich Herausforderungen

Die aktuelle Gesundheitspolitik setzt auf erhöhte Kostentransparenz, Digitalisierung und Patientensicherheit.

Nach offiziellen Schätzungen gibt es in jeder Klasse ein Kind, das gemobbt wird. Oftmals wird allerdings von Mobbing gesprochen, obwohl es sich noch nicht um diesen Tatbestand handelt.

Und ab wann redet man von Mobbing?

Mobbing ist physische und/oder psychische Gewalt, welche mit Ausgrenzen aus der Gruppe anfängt. Das Opfer ist in einer schwächeren Position gegenüber einer Mehrheit und kann sich selbst nicht helfen. Bei dem Betroffenen entsteht ein Ohnmachtsgefühl.

Wo beginnt Mobbing? Schon in der Grundschule?

Mobbing kann auch schon im Kindergarten beginnen, am häufigsten jedoch in der Grundschule. Die Häufigkeit von Mobbing nimmt an den weiterführenden Schulen zwar ab, aber dafür steigert sich oftmals die Länge und Intensität.

Mobbing hat viele Gesichter. Wie beginnt die Schikane?

Mobbing ist ein aktiver Vorgang und beginnt im milden Fall damit, dass jemand ausgegrenzt wird. Es wird getuschelt, es werden abfällige Bemerkungen gemacht. Die Vorgänge steigern sich. Dem Opfer werden Gegenstände weggenommen, es wird beschimpft bis hin zu körperlichen Auseinandersetzungen. Im Extremfall lauert man dem Opfer auf, um es anzugreifen.

Was löst Mobbing beim Opfer aus?

Es führt bei Betroffenen zu einer extremen Selbstwertminderung. Das Kind sieht sich als Opfer und verliert darüber die eigene Handlungsfähigkeit. Das Opfer fühlt Verzweiflung, Angst, stellt existenzielle Fragen, wie: Macht mein Leben noch Sinn? Mobbing kann im schlimmsten Fall zu Suizidgedanken führen.

Gibt es Kinder, die besonders anfällig sind, Mobbing-Opfer zu werden?

Ja, wer körperliche Besonderheiten hat, zum Beispiel Schielen oder Übergewicht, ist schnell Zielscheibe von Hänseleien, aus denen leicht mehr werden kann. Aber auch Personen, die ein geringes Selbstwertgefühl haben oder unsicher in der Kommunikation auftreten, sind vorrangig Opfer. Das heißt jedoch nicht, dass diese Kinder selbst daran schuld sind, wenn sie geärgert werden!

Viele Opfer trauen sich nicht, das Problem anzusprechen. Wie sollten sich betroffene Kinder verhalten?

Sie sollten sich an einem Erwachsenen wenden, wie Lehrer, Schulsozialarbeiter oder Eltern, um sich Hilfe zu holen. Das bedeutet im Gegenzug, dass die Erwachsenen die Ängste und Sorgen des Kindes ernst nehmen und konsequent reagieren müssen. Sie dürfen nicht wegschauen. Ein Lehrer kann beispielsweise das Problem offen in der Klasse ansprechen oder gegebenenfalls mit den Tätern Einzelgespräche führen. Eltern können gemeinsame Verhaltensstrategien mit ihrem betroffenen Kind entwickeln.

Was sollten Eltern auf jeden Fall unterlassen?

Falsch ist, wenn Eltern die mobbenden Mitschüler oder deren Eltern selber ansprechen. Denn diese werden sich vor ihr Kind stellen und es schützen. Dies kann zur Verhärtung des Konfliktes führen.

Das Gespräch führte Mareike Huisinga.

Gruppenkurs „Mutig kontern auf dem Schulhof“, 25. Februar bis 1. März von 9 bis 12 Uhr, Diakonie Familienberatungsstelle, Rosa Luxemburg Straße 29, Pirna, Anmeldung bitte zeitnah Tel. 03501 470030

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Hinschauen und Grenzen setzen

Mut zeigen und sich wehren, das wünscht sich SZ-Redakteurin Mareike Huisinga.

Symbolbild verwandter Artikel

Schule installiert Mobbing-Briefkasten

Die Dohnaer nehmen als erste Schule Sachsens an einem Mobbing-Projekt teil. Auch Eltern rücken in den Fokus.

Symbolbild verwandter Artikel

Wie der Schulalltag zur Hölle wurde

Julia aus dem Raum Freital wurde jahrelang von ihren Klassenkameraden schikaniert. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Sie wollen noch besser informiert sein? Schauen Sie doch mal auf www.sächsische.de/pirna und in unseren anderen Online-Ausgaben für Freital, Dippoldiswalde und Sebnitz vorbei.

Für Informationen zwischendurch aufs Handy können Sie sich unter www.szlink.de/whatsapp-regio anmelden.