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Neue Arztpraxis entsteht in Kamenz

15 Jahre stand ein denkmalgeschütztes Haus in der Altstadt leer, jetzt zieht dort neues Leben ein. Auch Wohnungen sind geplant.

Bauherr René Böhmig steht im künftigen Anmeldebereich der Praxis, die in einem denkmalgeschützten Haus an der Hoyerswerdaer Straße in Kamenz entsteht. Er ist so oft es geht auf der großen Baustelle.
Bauherr René Böhmig steht im künftigen Anmeldebereich der Praxis, die in einem denkmalgeschützten Haus an der Hoyerswerdaer Straße in Kamenz entsteht. Er ist so oft es geht auf der großen Baustelle. © René Plaul

Kamenz. Das Haus hat viele Stufen. Und bald ein viertes Geschoss.  Noch steht es aber "oben ohne" da. Denn der gesamte Dachstuhl fehlt. Und damit eine komplette Etage. Der Ausblick vom Baugerüst ist jedoch vielversprechend. In der einen Richtung schaut man auf das Gründerzeitviertel des Fürstenberges. In der anderen auf sehr viel Grün. Am Horizont grüßt die Katholische Kirche von Kamenz.

Bauherr René Böhmig lässt den Blick schweifen. Es ist einer der seltenen Momente in absoluter Stille hier oben. Seit Monaten wird  das alte Gemäuer entkernt. Unzählige Container voller Bauschutt wurden heraus gekarrt. Die Hoyerswerdaer Straße Nummer 30 hat es in sich. Größen- und höhenmäßg, aber auch geschichtlich. Das bedeutet Arbeit, Staub, Krach und schwere Bautechnik. Seit Wochen ist der Kran der Firma Sorabia Bau weithin zu sehen. Und nicht wenige Kamenzer fragen sich: Was entsteht hier?

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Noch ist der Rohbau in vollem Gange, aber bald startet der Innenausbau. Im Erdgeschoss soll Ende des Jahres die Hausarztpraxis von Olga Botschek einziehen.
Noch ist der Rohbau in vollem Gange, aber bald startet der Innenausbau. Im Erdgeschoss soll Ende des Jahres die Hausarztpraxis von Olga Botschek einziehen. © René Plaul

Der Bischheimer René Böhmig und seine Frau Olga Botschek ersteigerten das Gebäude  im März 2018. Sie praktiziert  als Hausärztin in der Lessingstadt, übernahm Anfang 2019 die Praxis von Andrea Coßmann an der Macherstraße. 

Dass die bisherigen Räume in Kamenz-Nord bald zu klein werden würden, ahnte sie schnell. Die Hausärztin hat sich auf den Schwerpunkt Ultraschalldiagnostik spezialisiert. In ihrer Praxis sind Langzeit-EKG, Langzeit-Blutdruck, Lungenfunktionsdiagnostik und Belastungs-EKG möglich. Die Technik braucht Platz.

"Wir haben uns beizeiten nach Möglichkeiten in der City umgesehen und einige Häuser in Betracht gezogen", erzählt René Böhmig. Bei einem Bummel durch die Altstadt fiel ihm das baufällige Haus an der Hoyerswerdaer Straße 30 ins Auge. "Der Klinkerbau hat mich fasziniert, auch die Lage gefiel. Aber man wusste nicht, wie man an den Besitzer heran kommen sollte", erinnert sich der 48-Jährige. Als er Anfang 2018 das Objekt dann in einer Versteigerung entdeckte, sah er es als Wink des Schicksals. Und bot mit - mit Erfolg. 

Im denkmalgeschützten Klinkerbau von 1900 entstehen sieben individuelle Wohnungen mit Größen zwischen 50 bis 130 Quadratmetern.
Im denkmalgeschützten Klinkerbau von 1900 entstehen sieben individuelle Wohnungen mit Größen zwischen 50 bis 130 Quadratmetern. © René Plaul

Zu diesem Zeitpunkt hatte das  beeindruckende Einzeldenkmal 15 Jahre leer gestanden. Überall wucherten Birken aus dem Dach. Selbiges war übrigens nicht mehr zu retten. Noch in den  Neunzigern gab es einen Elektro- und Lampenladen im Erdgeschoss, bis 2001 beherbergte das Haus eine Zahnarztpraxis in der ersten Etage. "Die mir vorliegenden Baupläne für das Haus sind aber schon exakt auf das Jahr 1900 datiert", erzählt René Böhmig.  "Ursprünglich hat es einem Tischler gehört. Im Hinterhof gibt es sogar eine kleine Werkstatt." 

Das Ehepaar hat noch einiges vor in den kommenden Monaten. Und einen großen Teil aber auch schon geschafft. "Wir haben im März 2019 mit der Sanierung beginnen können. Da es sich um ein Einzeldenkmal handelt, gab es viele Auflagen und Absprachen mit der Denkmalsbehörde", erzählt der Elektroniker.

Das kleine Türmchen beispielsweise muss erhalten werden, die original Raumhöhen auch und große Holzfenster müssen sein.  "Wir erhalten zudem im Erdgeschoss, in welchem die Arztpraxis untergebracht wird, die Raumaufteilung eins zu eins", erzählt der Bauherr. "Sie ist einfach optimal für eine Praxis!"

Auch solche attraktiven Eckzimmer entstehen - mit Blick ins Gründerzeitviertel der Stadt Kamenz und zur Lessingschule.
Auch solche attraktiven Eckzimmer entstehen - mit Blick ins Gründerzeitviertel der Stadt Kamenz und zur Lessingschule. © René Plaul

Sieben Wohnungen von 50 bis 90 Quadratmetern entstehen in den oberen drei Etagen. Wenn der neue Dachstuhl in den nächsten Wochen eintrifft, wird das Gesamtbild komplett. Dann kommt noch eine 130 Quadratmeter große Dachwohnung dazu. Und das Türmchen erfährt seine Renaissance. 

"Fast jede Einheit bekommt einen Balkon", so Böhmig.  Man legt Wert auf hochwertige Sanierung. Auch die morschen Balken und Holzdecken wurden entfernt und Betondecken gegossen. "Die Mieter werden es uns danken", meint René Böhmig. 

Früher muss es ein großes Nebengebäude gegeben haben. Das konnte man am alten Giebel sehen. Doch dieses ist  verschwunden. Nun wächst an der Stelle ein Neubau, in welchem weitere Wohnungen entstehen -  im Erdgeschoss alle behindertengerecht. "Wir wollen der Stadt etwas wiedergeben, pflanzen Bäume im Hinterhof. Und freuen uns, wenn das denkmalgeschützte Haus im alten Glanz erstrahlt."

Ein besonderer Dank geht an die Nachbarn: "Wir entschuldigen uns für den Baulärm und -schmutz und danken für das Verständnis. Das Schlimmste ist vorüber. Es wird jetzt bald besser!"

So sieht das Gebäude von hinten aus, wenn alles fertig gestellt sein wird: links der Altbau, rechts der Neubau. Auch für Grün und Parkplätze wird gesorgt.
So sieht das Gebäude von hinten aus, wenn alles fertig gestellt sein wird: links der Altbau, rechts der Neubau. Auch für Grün und Parkplätze wird gesorgt. © Privat /Böhmig

Man muss es mögen, ein altes sanierungsbedürftiges Haus zu erwerben und etwas Schönes daraus zu schaffen. Familie Botschek-Böhmig hat es gewagt. Auch die vielen Auflagen konnten sie nicht daran hindern, sich in das Denkmal zu verlieben. Die Kombination aus historischem Kernhaus und  modernem Neubau wird sich gut ins Stadtbild einfügen.

Wohnungen in der Kamenzer Altstadt sind  nach wie vor begehrt. Oft fehlt es  an kleinen Single-Wohnungen oder eben richtigen großen. Noch gibt es viele leer stehende  Gebäude in der Lessingstadt. "Es lohnt sich, Anstrengung hinein zu stecken. Diese alten Gemäuer haben ihre Geschichte und Charakter", so René Böhmig.

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