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In kleinen Schritten zum Lehrberuf

Sachsen liegt hinten, wenn es um Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung geht. Doch das Land hat ein Gegenmittel: den Praxisbaustein.

Ausbildung an einer Ofentüre: Markus Aurich (links) sorgt in den Partner-Werkstätten Chemnitz mit dem Gruppenleiter Marcel Woitynek dafür, dass Metallbauteile die richtigen Bohrungen bekommen.
Ausbildung an einer Ofentüre: Markus Aurich (links) sorgt in den Partner-Werkstätten Chemnitz mit dem Gruppenleiter Marcel Woitynek dafür, dass Metallbauteile die richtigen Bohrungen bekommen. © Jan Woitas/dpa

Um viertel acht am Morgen hat er angefangen, das weiß Markus Aurich ganz genau. Eben durfte er für eine Pause vor die Werkhalle in Chemnitz-Glösa, um mal ohne Maske Luft zu schnappen. Nun geht sein Sechsstundentag in den Partner-Werkstätten der Diakonie-Stadtmission weiter. Der 21-Jährige arbeitet mit seinem Gruppenleiter Marcel Woitynek an der programmierten Fräse, die derzeit Ofentüren fertigstellt. Zwei Holzkisten vor der CNC-Maschine tragen die Aufschriften „Rohteil“ und „Fertigteil“. Die Ofentüren aus der ersten Kiste bekommen an diesem Dienstag Bohrungen für Scharniere und Dichtungen.

Markus Aurich ist im zweiten Lehrjahr und hat nach seinen Worten „eigentlich fast alle“ Stationen in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung absolviert. Doch eine abgeschlossene Ausbildung wird er dort nicht bekommen. Ohne Abschluss kann er zwar später in einer solchen Einrichtung weiter arbeiten, aber der übliche „Werkstattlohn“ für behinderte Menschen in Sachsen liegt im Schnitt bei 180 Euro im Monat. Sie leben trotz Arbeit vorwiegend von der Grundsicherung vom Jobcenter.

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Eine Stelle in einem privaten Unternehmen zu finden, ist für Menschen mit Behinderung in Sachsen noch schwieriger als anderswo: Nur 4,1 Prozent der Arbeitsplätze sind mit behinderten Menschen besetzt. Damit liegt Sachsen auf dem vorletzten Platz vor Sachsen-Anhalt. Fünf Prozent sind Pflicht für jedes Unternehmen mit mindestens 20 Arbeitsplätzen, doch viele zahlen lieber eine Ausgleichsabgabe ans Amt.

Gebessert hat sich die Lage in den vergangenen Jahren allerdings, sagt Klaus-Peter Hansen, Chef der sächsischen Agenturen für Arbeit. Die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen in Sachsen habe einen neuen Höchststand erreicht: Sie sei im Jahr 2018 um 1.053 auf 45.292 gestiegen. Zusätzliche Chancen für junge Bewerber können sich ergeben, weil Sachsen als einziges Bundesland „Praxisbausteine“ anbietet. Das sind zwar nur Teile einer Ausbildung, aber die Handwerks- und Handelskammern stellen Zertifikate dafür aus.

Die bescheinigten Praxisbausteine erhöhen die Chancen auf einen Arbeitsplatz, urteilt die Arbeitsagentur. Außerdem stärken sie das Selbstbewusstsein, sagt die Projektkoordinatorin Beate Seichter, Psychologin in den Oberlausitzer Werkstätten. Von den 60 Werkstätten in Sachsen sind nach ihren Angaben 32 dafür zertifiziert, in Praxisbausteinen auszubilden.

Talentsuche statt Fürsorge

Metall, Holz und Montage sind die Praxisfelder, die am häufigsten von Werkstätten für behinderte Menschen angeboten werden. Doch auch Küche, Wäscherei, Verpackung und Keramik geben Arbeit. Seit die Bausteine im Jahr 2017 in Sachsen eingeführt wurden, bekamen mehr als 250 Menschen mit Behinderung ein Zertifikat. Dafür mussten sie Punkte bei einer Leistungsfeststellung machen. Ein Betrieb im Erzgebirge hat den Nutzen des Zertifikats erkannt: die ZLT Lüftungs- und Brandschutztechnik GmbH in Jahnsdorf mit 80 Beschäftigten. Personalreferentin Nancy Krause berichtet von einem Mitarbeiter, der sich über einen Metall-Praxisbaustein Wissen aneignete, dann bei ZLT als „Außenarbeitsplatz“ der Werkstatt arbeitete, aber dann direkt in dem Betrieb angestellt wurde. Einen Gabelstaplerschein hat er inzwischen auch noch gemacht und arbeitet nun in Metallsparte und Logistik.

Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, beurteilte die sächsischen Praxisbausteine am Dienstag beim Besuch in Chemnitz als sehr erfolgreiches Projekt. Damit könnten Menschen ihre Talente zeigen – sodass Arbeitgeber sie nicht aus bloßer Fürsorge, sondern wegen ihres Könnens einstellten. Niemand solle bei Fachkräftemangel auf ausgebildete Menschen verzichten. Dusel sagte, dass mehr als 95 Prozent der behinderten Menschen erst im Laufe des Lebens ihre Behinderung bekommen haben. Sie sind zur Schule gegangen und haben Bildung erworben.

www.praxisbaustein.de

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