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In Meißen werden seltene Gemüsesamen getauscht

Milana Müller organisiert im Hahnemannzentrum für Hobbygärtner eine Börse am 9.Februar.

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Von Annett Heyse

Der Wind pfeift durch den winterkahlen Garten, dass die Mangoldbüsche nur so wackeln. Milana Müller zieht fröstelnd die Schultern hoch, blickt zum schmutziggrauen Himmel und meint: „Bestimmt gibt es heute noch Schneeregen.“ Trotzdem beschäftigt sich die 39-jährige bereits intensiv mit dem kommenden Gartenjahr.

Noch vor dem Saisonstart hat sie eine Saatguttauschbörse organisiert. Am 9.Februar können im Meißner Hahnemannzentrum die Samen selten gewordener Gemüsepflanzen und Blumensorten ausgetauscht oder verschenkt werden. Zum zweiten Mal findet die Aktion statt und erwartet werden wie im vergangenen Jahr Kleingärtner, Bauern, Hobbyzüchter und auch Ökofreaks.

Denn die Saatguttauschbörse bietet das, was in keinem Gartenmarkt zu finden ist. „Wir konzentrieren uns auf Kulturpflanzen, die selten geworden sind“, wirbt Milana Müller.

Zum Beweis holt die Aktivistin vom Tharandter Umweltbildungshaus Johannishöhe eine große Kiste mit vielen kleinen Tüten hervor. „Das sind alles Bohnen.“ Aber die braunen, weißen, schwarzen und gescheckten Kerne haben so kauzige Namen wie „Bosnische Schwarz-Weiße“, „Einlochbohne“ oder „Asturische Kirschkernbohne“. Entstanden sind sie über Jahrtausende mühevoller Züchterarbeit in vielen Teilen des Erdballs.

Dieses landwirtschaftliche Erbe ist mittlerweile stark bedroht. Denn in Zeiten konventioneller Landwirtschaft werden immer weniger Sorten auf immer größeren Anbauflächen ausgebracht. „Und auch die Gemüsesorten im Schrebergarten sind längst standardisiert“, klagt Milana Müller. „Die genetische Vielfalt stirbt aus und mit ihr die Abwechslung auf dem Teller.“ Deshalb hat die Tharandterin die Interessengemeinschaft „Lebendige Vielfalt“ gegründet, deren Mitstreiter auf Tauschbörsen oder im Internet selbst gewonnenes Saatgut anbieten. Ob Bohnen, Paprika, Erbsen, Tomaten, Rosenkohl, Kürbisse oder Salat – alle Samen werden von Gärtner zu Gärtner kostenlos weitergereicht.

Zugleich hofft Milana Müller, dass in Sachsen ein Netzwerk entsteht, welches dafür sorgt, dass selten gewordene Kulturpflanzen wenigstens in kleinem Maßstab erhalten bleiben und weiterentwickelt werden.

Denn was die Umweltschützerin in den vergangenen Jahren so gesichtet hat, kann sie gar nicht alles auflisten. „Ich dachte auch einmal, es gäbe nur rote Tomaten. Inzwischen habe ich schwarze, orangefarbene und gelbe gesehen.“ Sogar von weißen Exemplaren will sie gehört haben. Es gibt also viel wiederzuentdecken.

www.lebendige-vielfalt.org