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„In wenigen Jahren wäre Meißen untergegangen“

Die Friedliche Revolution rettete Meißens Altstadt davor, ein Plattenbaugebiet zu werden. Zum Jubiläum möchte eine Ausstellung daran erinnern.

Ähnlich wie zum 20. Jubiläum will Pfarrer Bernd Oehler auch zum 30. Jahrestag das Gedenken an die Friedliche Revolution wach halten.
Ähnlich wie zum 20. Jubiläum will Pfarrer Bernd Oehler auch zum 30. Jahrestag das Gedenken an die Friedliche Revolution wach halten. ©  Claudia Hübschmann

Meißen. Die Situation war nicht einfach. Wer 1989 ein anschauliches Beispiel für den Spruch „Ruinen schaffen, ohne Waffen“ suchte, wurde in Meißen fündig. „Aus Gesprächen weiß ich, dass der Zustand vieler Häuser in der Altstadt katastrophal war. In die Dächer regnete es hinein und für das Gebäude am Markt 6 war der Abriss bereits geplant“, sagt Pfarrer Bernd Oehler und fügt an: „Meißen wäre innerhalb weniger Jahre untergegangen, wenn die Friedliche Revolution nicht gekommen wäre.“ Ganz bewusst spricht er nicht vom ebenfalls gängigen Begriff der Wende, denn der wurde vom früheren SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzenden der DDR, Egon Krenz, geprägt.

Obwohl die Menschen ähnlich wie in anderen Gegenden der DDR mit dem diktatorischen politischen System und der maroden Wirtschaft unzufrieden waren, führte das allein nicht zum Massenprotest, der in der Großkundgebung am 24. Oktober 1989 auf dem Marktplatz mündete.

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„Ein Auslöser war sicherlich der Zustand der Altstadt. Die Menschen empfanden es als schmerzhaft, ihre eigentlich malerische Stadt in solch schlechter Verfassung zu sehen.“ Um diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen, habe der damalige Superintendent Eduard Berger eine Fotoausstellung über Meißen in der Frauenkirche genehmigt. 

„Die Bilder hatten zwei Fotografinnen gemacht, was nicht ungefährlich war. Eine der Fotografinnen kam aus Halberstadt. Dort war es schon zu spät. Der Abriss hatte bereits begonnen“, sagt Bernd Oehler. Zum 30. Jubiläum der Revolution möchte er zusammen mit seinen Mitstreitern Bernd Callwitz, Johannes Albrecht, Roland Hartzsch und Walfriede Hartmann an diese Ausstellung vom April 1989 erinnern.

„Seit 1994 gehört die Ausstellung der Stadt. Wir haben uns darauf geeinigt, dass sie ab dem 2. Oktober im Rathaus und ab dem 1. November am Originalort in der Frauenkirche zu sehen ist“, sagt Bernd Oehler, der die Aktion ähnlich wie beim 20. Jubiläum der Friedlichen Revolution unter das Motto „Erinnern. Ertragen. Ermutigen“ stellen möchte.

In Meißen erreichte der Protest gegen das DDR-Regime am 24. Oktober 1989 seinen Höhepunkt. Eine im Boden eingelassene Gedenktafel erinnert daran.
In Meißen erreichte der Protest gegen das DDR-Regime am 24. Oktober 1989 seinen Höhepunkt. Eine im Boden eingelassene Gedenktafel erinnert daran. © SZ-Archiv/Klaus Thiere

Deutlich sichtbar soll das Gedenken am 12. Oktober im Stadtbild werden. Für diesen Tag hat sich die Initiativgruppe zusammen mit anderen Meißner Christen eine besondere Veranstaltung überlegt. „Am 12. Oktober wird es einen Sternmarsch durch die Stadt geben. Christen aus allen Meißner Kirchgemeinden werden zum Marktplatz kommen, wo wir eine zum Thema passende Installation planen“, sagt der Pfarrer. Worum es sich dabei genau handelt, will er noch nicht verraten, nur so viel: „Wir sind gerade mit einem Künstler im Gespräch.“

Neben der Installation soll es kurze Statements zum Revolutionsjubiläum und Musik geben, bevor es anschließend zum Friedensgebet in die Frauenkirche geht. Ein noch größeres Podium ist dann für den November geplant, wenn die Fotoausstellung vom Rathaus in die Kirche gewandert ist. „Wir wollen gern mit Zeitzeugen ins Gespräch kommen, die die damalige Zeit hautnah erlebt haben“, sagt Bernd Oehler.

Obwohl er selbst erst seit 2009 in Meißen ist und sich in der DDR an anderen Orten am kirchlichen Widerstand beteiligt hat, kennt er die Geschichten aus der Region nur zu gut. „Eine große Rolle hat das Friedensseminar in der Trinitatiskirche gespielt.

Dort gaben zum Beispiel Spatensoldaten, die den Wehrdienst in der DDR verweigert hatten, den Teilnehmern Tipps, wie sie zivilen Ungehorsam üben können.“ Man habe zudem frei über Dinge reden können, die sonst in der Gesellschaft tabu waren.

„Ein Thema war zum Beispiel das Schicksal des Zeitzer Pfarrers Oskar Brüsewitz, der sich 1976 aus Protest gegen das SED-Regime selbst angezündet hatte.“ Während die DDR-Oberen ihn als geisteskrank bezeichneten, habe sich die evangelische Kirche hinter ihn gestellt.

„Unter dem Dach der Kirche konnte man darüber sprechen, weil man dort vor dem Zugriff des Staates geschützt war.“ Kritisches Denken sei möglich gewesen. Zudem habe man in der kirchlichen Synode schon damals Demokratie praktiziert und gewählt. „Das ist sicher auch ein Grund, warum sich später viele politisch engagiert haben“, denkt Bernd Oehler.

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