SZ + Riesa
Merken

Nicht einsam sterben

Ein Hospizverein aus Torgau hat sich in Riesa angesiedelt. Jetzt sucht er ehrenamtliche Helfer und bildet sie aus.

Von Jörg Richter
 4 Min.
Teilen
Folgen
Judith Schulze in ihrem neuen Büro in der Riesaer Bahnhofstraße 12.
Judith Schulze in ihrem neuen Büro in der Riesaer Bahnhofstraße 12. © Sebastian Schultz

Riesa. Wenn sie zu Besuch kommen, dann bleiben meist nur wenige Tage. Vielleicht ein paar Wochen. In den seltensten Fällen Monate. Ehrenamtliche Hospizhelfer werden gerufen, wenn die Lebenskerze allmählich erlischt. Dann sollen sie den meist einsamen Menschen, die im Sterben liegen, ein Begleiter sein. 

"Viele Leute wollen gern zu Hause, in der gewohnten Umgebung, sterben", sagt Judith Schulze. Sie ist Koordinatorin des Senioren Selbsthilfe e. V. aus Torgau. Der Hospiz-Verein ist  gerade dabei, in Riesa Fuß zu fassen. Bisher kümmerte sich ausschließlich der Ökumenische Hospizdienst Riesa-Großenhain des Caritas-Verbandes Meißen darum. Aber traurige Anlässe  gibt es genug. Erst recht in einer Stadt wie Riesa, wo immer mehr ältere Menschen leben und die Jüngeren fortziehen. "Die Leute brauchen uns", sagt die 51-Jährige, zumal rund 80 Prozent der Bevölkerung keiner Kirche angehören. 

Der Senioren Selbsthilfe e. V. hat sich in der Bahnhofstraße 12 niedergelassen. Die Wohnungsgesellschaft Riesa (WGR) unterstützt das Projekt. Sie hat dem Verein die Räume im Erdgeschoss, gleich neben Riesa TV, mietfrei für ein Jahr zur Verfügung gestellt. Noch sieht es hier ziemlich leer aus. Nur ein Schreibtisch und eine Sitzecke gibt es im vorderen Bereich. Im hinteren Teil soll ein Trauer-Café eingerichtet werden, wo sich Menschen treffen können, die einen lieben Menschen verloren haben und nun allein sind. 

Aber das ist noch Zukunftsmusik. Denn bevor der Hospiz-Verein richtig durchstarten kann, braucht er ehrenamtliche Helfer. Judith Schulze soll sie finden und mit Hilfe erfahrener Dozenten in einem 50-Stunden-Lehrgang ausbilden. "Ehrenamtliche Hospiz-Helfer müssen fest im Sattel sitzen", sagt die Koordinatorin. "Denn es ist schon eine extreme Situation, Menschen zu begleiten, die bewusst oder unbewusst auf ihren nahen Tod warten." 

Mit diesem blauen Schild weist der Hospizverein aus Torgau auf seine neue Riesaer Außenstelle hin. 
Mit diesem blauen Schild weist der Hospizverein aus Torgau auf seine neue Riesaer Außenstelle hin.  © Sebastian Schultz

Aber wer kommt als ehrenamtlicher Hospiz-Helfer überhaupt in Frage? "Alle zwischen Mitte 20 und 88", sagt Judith Schulze schlagfertig. Allerdings sei Einfühlungsvermögen die wohl wichtigste Eigenschaft, die er oder sie mitbringen sollte. Tatsächlich sind es vorwiegend Frauen, die sich bereit erklären, als Hospizhelfer mitzumachen. Das sind ihre Erfahrungen aus Torgau. "Ich würde mich freuen, wenn wir in unserem ersten Kurs auch ein, zwei Männer begrüßen könnten, denn es gibt ganz viele Männer, die sich ebenfalls einfühlen können", so die Koordinatorin.

Nicht so gern gesehen sind Krankenschwestern und Pflegedienst-Mitarbeiterinnen. Sie bringen zwar viel praktisches Wissen im Umgang mit älteren Menschen und auch das erforderliche Einfühlungsvermögen mit. "Doch die Erfahrung hat gezeigt, dass sie kaum einen ehrenamtlichen Einsatz als Hospizhelferin leisten. Denn nach ihrer eigentlichen Arbeit sind sie kaputt", sagt Judith Schulze, die selbst zehn Jahre als Altenpflegerin gearbeitet hat und weiß, wovon sie spricht.

Deshalb geht ihr Aufruf vor allem an Senioren, Arbeitslose oder auch Teilzeitbeschäftigte, die sich Zeit für andere nehmen können und wollen. Und Zeit darf keine Rolle spielen. Die Leute, die den kostenlosen Hospiz-Dienst in Anspruch nehmen, haben keine Zeit mehr. "Eine Betreuung ist nicht nach 60 Minuten vorbei", verrät die 51-Jährige, die in Torgau 30 Hospizhelfer koordiniert. Aber nur zehn davon seien regelmäßig im Einsatz. Dauert eine Betreuung länger, dann wechseln sich die ehrenamtlichen Helfer ab. "Deshalb suchen wir viele Leute", sagt Judith Schulze.

Manchmal auch still sein

Für die ehemalige Hauptbuchhalterin im Stahlwerk Riesa, die aus der hiesigen Region stammt und nach ihrer beruflichen Neuorientierung in einem Riesaer Pflegedienst arbeitete, ist der Hospiz-Dienst nach eigenen Angaben "eine Herzensangelegenheit". Sie verlor relativ früh ihre Eltern. Ihr Vater starb mit 42 Jahren an Lungenkrebs. Auch ihre Mutter wurde nicht sehr alt. Sie starb mit 60 Jahren. Und ihre Schwester verlor mit 28 Jahren das Leben. - Sterben, Tod und Trauerbewältigung sind ein wesentlicher Teil ihres Lebens. Darüber kann sie viel erzählen.

"Hospizhelfer sind nicht da, um das Leben zu verkürzen oder zu verlängern, sondern um einfach für den Menschen, der nur noch wenige Zeit zu leben hat, da zu sein", sagt sie. Dazu gehöre zum Beispiel, ein Buch oder die Zeitung vorzulesen oder einfach ein guter Gesprächspartner zu sein.  "Manchmal muss man auch still sein können", sagt sie.

Was alles dazu gehört, ein ehrenamtlicher Hospizhelfer zu werden, können Interessenten im Grundkurs erlernen. Er startet am 8. April und findet immer mittwochs von 15 Uhr bis 17 Uhr im Pflege- und Betreuungszentrum auf dem Drosselweg 14 statt. Sobald der erste ehrenamtliche Helfer zertifiziert ist, soll es losgehen. Voraussichtlich soll das Anfang Juli sein. 

  • Interessenten können sich bei Judith Schulze unter Tel. 0172 3802943, 03525 5268790 oder per E-Mail   anmelden.

Mehr lokale Nachrichten aus Riesa und Umgebung lesen Sie hier.