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In zehn Minuten zum Ausbildungsplatz

Beim Azubi-Speed-Dating lernen sich Firmen und Bewerber kennen. Manchmal werden gleich Verträge unterschrieben.

© Sven Ellger

Von Anna Hoben

Die besten Dinge im Leben passieren spontan. Am gestrigen Morgen ist Philipp May noch in Leipzig gewesen, dann erzählte ihm jemand vom Azubi-Speed-Dating in Dresden. May sucht eine Ausbildungsstelle und will ohnehin demnächst nach Dresden ziehen. Also nichts wie hin.

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Ein paar Stunden später sitzt er Christina Pfeiffer gegenüber. Die 61-Jährige arbeitet bei einem Finanzdienstleister und sucht einen Azubi für Bürokommunikation. Gerade hat eine Glocke gebimmelt, sie signalisiert, dass die Zeit läuft. Zehn Minuten ab jetzt. Zehn Minuten, in den Philipp May die Ausbilderin von sich überzeugen kann. Und zehn Minuten, in denen Christina Pfeiffer dem Kandidaten ihr Unternehmen schmackhaft machen kann.

Sie schaut ihm in die Augen, direkt und erwartungsvoll. „Was führt Sie zu mir?“ May, 23, wirkt ein bisschen aufgeregt, aber er erzählt ruhig und klar. Zwei Jahre war er als Zeitsoldat bei der Bundeswehr, dann hat er eine Ausbildung als Kaufmann bei einem Modeunternehmen angefangen. Doch das Verkaufen lag ihm nicht. Lieber will er in einem Büro arbeiten.

„Stumpfes Verwalten“ macht Spaß

May hat im Gespräch eine offene Körperhaltung, er gestikuliert und lächelt viel. Seine rote Bewerbungsmappe hat er mitgebracht. Bei der Auswahl seiner Kleidung hat er sich für Jeans entschieden, weißes Hemd und schwarzes Sakko mit Einstecktuch. Damit gehört er an diesem Nachmittag einer Minderheit an. Manche Bewerber haben sich schick gemacht wie für ein richtiges Vorstellungsgespräch, viele sind aber auch sehr leger gekommen, manche gar in kurzen Hosen und Turnschuhen.

„Warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?“ Christina Pfeiffer klingt streng, aber freundlich. „Was mir bei der Bundeswehr am meisten Spaß gemacht hat, war stumpfes Verwalten“, sagt May. Bestellungen aufgeben, Telefonate führen. Stumpfes Verwalten, ob das gut ankommt bei der Ausbilderin? Sie verzieht keine Miene und scheint dem Kandidaten die Formulierung nicht übel zu nehmen.

Dann will sie noch wissen, was May in seiner Freizeit macht, was ihn von anderen unterscheidet und ob er sich einen Job mit Kundenkontakt vorstellen kann. „Ich brauche nicht nur eine Tippse.“ Worauf es ihr außerdem ankommt: absolute Diskretion im Umgang mit Kundendaten. „Manchmal weiß ich mehr als die Ehefrau.“

Von 13 bis 17 Uhr dauert das Speed-Dating im Bildungszentrum der Dresdner Industrie- und Handelskammer (IHK). 24 Firmen machen mit, doppelt so viele wie bei der Premiere 2013. „Damals wurden noch am selben Tag elf Lehrverträge unterschrieben“, sagt Torsten Köhler, Geschäftsführer des Bereiches Bildung bei der IHK.

In diesem Jahr kamen allein in den ersten beiden Stunden rund 100 potenzielle Azubis, im Alter zwischen 15 und 35 Jahren. Im Regierungsbezirk Dresden sind für das aktuelle Ausbildungsjahr noch knapp 300 Stellen frei – in den verschiedensten Bereichen: Logistik, Handel, Gastronomie. In einem Raum sind Steckbriefe der anwesenden Unternehmen ausgehängt; daneben können die Bewerber sich in Terminlisten eintragen. Nach jedem Zehn-Minuten-Gespräch gibt es fünf Minuten Pause. Philipp May hat sieben Termine ausgemacht. „Wenn ich schon da bin, will ich mitnehmen, was geht.“ Nur die Berufe, die er sich absolut nicht vorstellen kann, hat er ausgespart – Koch zum Beispiel. Dass er so spontan zu der Aktion gekommen ist, hat nicht geschadet, im Gegenteil. „Die bisherigen Gespräche waren alle sehr gut, nur mit einem Gesprächspartner lag ich nicht ganz auf einer Wellenlänge.“

Mit Christina Pfeiffer hat es jedoch gut gepasst. „Er hat eine gute Auffassungsgabe und die richtige Einstellung für den Job“, sagt sie nach dem Speed-Dating-Gespräch. Sie wird Philipp May auf jeden Fall am nächsten Tag anrufen. „Ich denke, dass es zu einer Einstellung kommen wird.“