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Freital

"Es braucht eine klare Haltung gegen rechts"

Die Freitaler Grünen-Stadträtin Ines Kummer ist als Nachrückerin doch noch in den Landtag eingezogen - für sie kein Neuland.

Ines Kummer beim Wahlforum zur Sachsenwahl 2019 in Freital. Sie ist ende Januar in den Landtag nachgerückt.
Ines Kummer beim Wahlforum zur Sachsenwahl 2019 in Freital. Sie ist ende Januar in den Landtag nachgerückt. © Karl-Ludwig Oberthuer

Sie ist die dritte Abgeordnete aus Freital, die im sächsischen Landtag sitzt. Ines Kummer von den Grünen hat Ende Januar offiziell ihr Mandat angenommen. Die 57-Jährige rückt auf den Platz von Katja Meier, die als Justizministerin darauf verzichtet hatte. Die Arbeit im Parlament ist für Ines Kummer jedoch kein Neuland. Seit vielen Jahren arbeitet sie in verschiedenen Funktionen für Abgeordnete. Jetzt gehört sie selbst zu den Mandatsträgern. Über die neuen Herausforderungen, die damit verbunden sind, sprach Ines Kummer mit sächsische.de.

Ines Kummer, Sie sind jetzt nachträglich in den Landtag eingezogen. Hatten Sie damit noch gerechnet?

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Wenn man sich zur Wahl stellt, muss man immer damit rechnen, gewählt oder eben nicht gewählt zu werden. Bis zur Landtagswahl am 1. September war laut Umfragen die Wahrscheinlichkeit hoch, auch mit Listenplatz 13 in den Landtag zu ziehen. Es hat dann für mich doch nicht gereicht, obwohl die Bündnisgrünen ihr historisch bestes Ergebnis bei Landtagswahlen in Sachsen erzielt haben. Ich hatte am Wahlabend also ein lachendes und ein weinendes Auge. Als nach der Regierungsbildung klar wurde, dass ich nachrücken würde, habe ich mich sehr gefreut.

Gab es denn vorher Absprachen, dass Abgeordnete, wenn sie Minister werden, auf ihr Mandat verzichten?

Bei uns Bündnisgrünen gehört es zum demokratischen Grundverständnis, Amt und Mandat auf Landes- bzw. Bundesebene zu trennen. Das Parlament kontrolliert ja auch die Regierung, und wenn man durch Amt und Mandat in einer Person Teil beider Gremien ist, besteht doch ein Interessenkonflikt.

Wann haben Sie davon erfahren, dass Sie in den Landtag nachrücken, und wie hat Ihre Familie, Ihr Umfeld reagiert?

Es gab im Vorfeld der Regierungsbildung immer mal wieder Spekulationen über eventuelle Nachrückerinnen und Nachrücker. Ganz konkret wurde es am Tag der Mandatsniederlegung meiner sehr geschätzten Kollegin und jetzigen sächsischen Justizministerin Katja Meier. Sie hat mich am 9. Januar persönlich informiert, dass sie in wenigen Minuten dem Präsidenten des Sächsischen Landtages ihre Mandatsniederlegung mitteilen wird. Zum Einzug in den Landtag hat mir meine Familie gratuliert und sich mit mir gefreut, genauso wie sie mir beigestanden hat, wenn Niederlagen zu verkraften waren.

Ich bin seit über 20 Jahren politisch aktiv, und in den ganzen Jahren standen wir als Familie immer vor Herausforderungen, das Familienleben so zu gestalten und zu organisieren, dass sich niemand hinten angestellt fühlt. Wir haben klare Absprachen, wer wofür zuständig ist.

Haben Sie jetzt überhaupt noch Zeit für Ihre Enkelkinder? Wie sieht Ihr Terminkalender jetzt aus?

Ich bin jetzt gerade drei Wochen Landtagsabgeordnete. Ich bin also immer noch im Ankommensprozess. Es sind eine Vielzahl von Abläufen zu klären. Mein Terminkalender ist jetzt noch voller, klar. Wobei auch das ein Lernprozess ist, bei Terminen Prioritäten zu setzen. 

Sicherlich wird gemeinsame Zeit mit meinen Kindern und Enkelkindern seltener werden. Wir sind allerdings als Familie alle in Freital verwurzelt. Eine meiner Herzensangelegenheiten ist im Übrigen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf - nicht nur für uns Berufspolitikerinnen, sondern für alle.

Welche Schwerpunkte setzen Sie in Ihrer Landtagsarbeit?

Ich widme mich den Bereichen Regionale Entwicklung und Sport. Der ländliche Raum besitzt viele Schnittmengen zu anderen politischen Themen. Ich denke da an Busverbindungen aufs Dorf, an Landärzte, Kultur, Windräder oder die freiwillige Ortsfeuerwehr. Meine Aufgabe wird es sein, Projekte zu entwickeln, die eine grüne Handschrift tragen. Das setzt natürlich eine intensive Einarbeitung voraus: Landesentwicklung, Regionalentwicklung, Leader-Förderung. 

Konnten Sie das selber bestimmen, oder hat die Fraktion Ihnen Aufgaben zugeteilt?

Ich habe mich ganz bewusst für diese Themen entschieden. Ich bin pragmatisch und habe mir meine Heimatstadt vor Augen geführt. Freital an sich ist nicht ländlicher Raum. Aber gerade die Siedlungsstruktur mit verdichteter Bebauung, Industrie- und Gewerbeansiedlung, Wohnbebauung und Erholungsflächen sowie ländlich geprägten Ortsteilen wie Somsdorf oder Kleinnaundorf verdeutlicht, dass regionale Entwicklung Stadt und Land gleichermaßen mitnehmen muss. Das ist eine Herausforderung, geht es doch darum, unsere Kommune „enkeltauglich“ zu gestalten.

Auch der Bereich Sport reizt mich. Er verbindet Menschen, egal welcher Herkunft. Sport wirkt integrativ. Ehrenamtliche Übungsleiter leisten einen enormen gesellschaftlichen Beitrag. Für mich sehe ich die Schwerpunkte im Ausbau der Antidiskriminierungsarbeit und der Gewaltprävention.

Was wollen Sie für Ihren Wahlkreis erreichen?

Ich habe mich in unserer Fraktion bewusst als Ansprechpartnerin für die Region Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und Mittelsachsen entschieden. Ich bin hier verwurzelt und kenne viele Sorgen und Nöte, aber auch Erfolgsgeschichten.

Werden Sie ein Bürgerbüro in Freital eröffnen?

Ja, der Zeitpunkt steht allerdings noch nicht fest. Beim Aufbau der Bürostrukturen stehe ich noch am Anfang. Allerdings werde ich die bisherigen Bürgerbüros „Grüner Laden Pirna“ und „Grüner Ort Freiberg“ als Anlaufstelle für alle Bürger übernehmen.

Bei den vielen Terminen: Wie viel Zeit bleibt für den Kontakt zu den Wählern, zu den Menschen, für die Sie im Landtag sitzen?

Viele der Termine sind die Kontakte, die Gespräche mit den Menschen vor Ort. Und jetzt kommen so nach und nach Anfragen aus ganz Sachsen von Vereinen, Bürgerinitiativen, Institutionen und Verbänden hinzu. Für mich ist der Austausch der wichtigste Teil meiner Arbeit.

Was ist aus Ihrer Sicht die größte Sorge, die die Wähler umtreibt?

Ich habe vor allem in den letzten beiden Jahren erlebt, dass sich wieder mehr Menschen politisch aktiv einbringen. Sie wollen mitgestalten, in ihren Kommunen mitbestimmen, mitreden. Da kann ich die Menschen nur ermutigen, nicht nachzulassen, sondern dranzubleiben, nachzuhaken, nachzubohren und uns Politiker auch mal zu „nerven“.

Was Menschen, mich eingeschlossen, mit Sorge erfüllt, ist der zunehmende Verlust von Anstand und Respekt, der Mangel an Menschlichkeit. Viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sehen die Entwicklung zum Beispiel im Freitaler Stadtrat mit Unverständnis. Ohne politisches Verantwortungsgefühl wird gemeinsame Sache zwischen Teilen der CDU, Freien Wählern und AfD gemacht. Durch dieses Verhalten wird einer rechtsextremen Partei in die Mitte der Gesellschaft verholfen. Dort gehört sie aber nicht hin.

Das Argument „Auf kommunaler Ebene geht es um Sachpolitik und nicht um Parteipolitik“ hat in diesen Zeiten schon lange ausgedient. Jede sachpolitische Entscheidung ist auch ein Bekenntnis zu den Werten, die man vertritt. Aus meiner Sicht haben gerade auf der kommunalen Ebene die gewählten Parteivertreter eine besondere Verantwortung für den politischen Meinungsbildungsprozess in der Gesellschaft.

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Es braucht vor allem eine klare Haltung gegen rechts. Außerdem müssen wir Formate des Austauschs entstauben. Ich denke da zum Beispiel an den Besuch von Robert Habeck in Freital während des Wahlkampfs. Das Townhall-Format hat vielen so gut gefallen, dass sie mich heute noch darauf ansprechen. Keine Podiumsdiskussion, sondern ein aufeinander Zugehen. Das will ich fortführen.

Gespräch: Tilman Günther

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