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Keine Zukunft in Deutschland?

Qasim Hamidi aus Afghanistan lebt gern in Bautzen und will hier bleiben. Er hat deutsch gelernt und eine Ausbildung gemacht. Doch das reicht offenbar nicht.

Qasim Hamidi kam 2016 aus Afghanistan nach Deutschland. In Bautzen hat er vor Kurzem seine Ausbildung zum Koch abgeschlossen - und nun noch weitere Pläne. Aber hat er hier auch eine Zukunft?
Qasim Hamidi kam 2016 aus Afghanistan nach Deutschland. In Bautzen hat er vor Kurzem seine Ausbildung zum Koch abgeschlossen - und nun noch weitere Pläne. Aber hat er hier auch eine Zukunft? © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Qasim Hamidi fühlt sich wohl in Bautzen. Der 21-Jährige ist hier angekommen, hat Freunde gefunden, eine Ausbildung zum Koch abgeschlossen und will nach den Sommerferien damit beginnen, das Abitur am Abendgymnasium zu machen. Die Sicherheit, in Deutschland bleiben zu dürfen, gibt es für den vor über vier Jahren aus Afghanistan Geflüchteten aber nicht. 

„Als ich das Land verlassen habe, herrschte Krieg,  und ich habe so viele Sachen erlebt, die ich nie wieder sehen möchte“, sagt Qasim Hamidi, dessen Aufenthaltserlaubnis befristet ist. Er stammt aus der Region Pana im Osten des Landes, südlich der Hauptstadt Kabul. Mit der Arbeit als Bauern hätten seine Eltern nicht genug Geld verdient, um ihn und seine acht Geschwister zu ernähren. Zudem gehöre seine Familie der Minderheit der schiitischen Hazara an, während rund 80 Prozent der Bevölkerung sunnitische Muslime sind.

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Mit seiner Tante habe er schließlich das Land verlassen und sei über Pakistan, den Iran, die Türkei und Griechenland Anfang 2016 als 17-Jähriger nach Deutschland gekommen. Er habe von Beginn an deutsch lernen und sich irgendwie einbringen wollen. Sein Asylantrag wurde nach über einem Jahr Bearbeitungszeit abgelehnt. Qasim Hamidi hat dagegen geklagt und kurze Zeit später seine Kochlehre begonnen, auch dank der großen Unterstützung von einer Familie aus dem Bautzener Raum.

„Ich wollte nicht von Sozialgeld leben."

Den ersten Kontakt gab es am 25. Dezember 2016, als Anne Pawolski mit ihrem Bruder das Weihnachtsmusical mit und für Geflüchtete im Theater Bautzen besuchte, organisiert von der Bautzener Josua Gemeinde. Dort haben sie Qasim Hamidi getroffen und ihn zum Essen eingeladen. Der Kontakt sei immer enger geworden und jetzt gehöre er zur Familie, sagt Annes Mutter Dagmar Pawolski. „Für uns ist er ein absoluter Gewinn. Wir haben gelernt, wie gut es uns geht und welches Glück wir haben, dass sich unsere Kinder nicht auf solche Fluchtwege begeben müssen.“

Für Anne Pawolski geht es auch darum, etwas zurückzugeben. Die Familie hat den jungen Mann beim Deutschunterricht, der Lehrstellen- und Wohnungssuche unterstützt. Für Qasim Hamidi war es wichtig, sein eigenes Geld zu verdienen. „Ich wollte nicht von Sozialgeld leben. Man muss eben arbeiten und Geld verdienen, um klarzukommen.“ Jetzt habe er sich beim Abendgymnasium fürs Abitur beworben und suche noch einen Job, mit dem er tagsüber Geld verdienen kann. „Ich verstehe nicht, dass manche bleiben dürfen, obwohl sie nur vom Staat leben und nichts tun.“

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bestätigt, dass Integrationsleistungen bei Asylanträgen keinen Einfluss haben. „Das Bundesamt prüft im Asylverfahren ausschließlich, ob und welche Gefahr dem Asylsuchenden bei Rückkehr in sein Herkunftsland droht“, so BAMF-Sprecherin Lena Treß. Das Amt begrüße aber natürlich, „wenn sich Menschen in Deutschland integrieren, die Sprache lernen und sogar eine Tätigkeit aufnehmen“. 

All das hat Qasim Hamidi getan, aber auch bei ihm haben diese Faktoren keinen Einfluss auf seinen Asylantrag. Nachdem der junge Mann im Mai 2017 gegen die Ablehnung geklagt hatte, wurde sein Fall Mitte Juli, also mehr als drei Jahre später, am Verwaltungsgericht Dresden verhandelt.

„Ich koche gern, hatte aber keine Vorkenntnisse."

Sein Antrag wurde erneut abgelehnt. Bleiben kann er aber trotzdem, da ihm subsidiärer Schutz zuerkannt wurde, wie Gerichtssprecher Robert Bendner bestätigt. Das heißt, dass er laut Asylgesetz „stichhaltige Gründe für die Annahme vorgebracht hat, dass ihm in seinem Herkunftsland ein ernsthafter Schaden droht“. Jetzt erhalte er eine Aufenthaltsbestätigung vorerst für ein Jahr, so Bendner. Dass die Bearbeitung so lange gedauert hat, liege an der Vielzahl der Klagen, die 2017 in Dresden gegen abgelehnte Asylanträge eingegangen sind. Weit über 6.000 seien es gewesen.

Qasim Hamidi kann daran erstmal nichts ändern. Er ist dankbar, dass er hier so viel Unterstützung bekommen hat, nicht nur von den Pawolskis. Die Mitschüler in seiner Ausbildungsklasse hätten ihm sehr geholfen. Und auch bei seinen Praxis-Betrieben, dem Hotel Bei Schumann in Kirschau sowie dem Restaurant Culinarium in Bautzen habe er nicht nur viel gelernt, sondern auch ehrliche Chancen bekommen. „Ich koche gern, hatte aber keine Vorkenntnisse. Bei Schumanns wurde ich nach drei Tagen Praktikum genommen. Im Culinarium in Bautzen hatten sie vor mir lange keinen Azubi und haben es trotzdem probiert.“ Jetzt wartet der Koch auf Antwort vom Abendgymnasium - und seine nächste Herausforderung in Deutschland.

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